Klimawandel: Welchen Plan verfolgt Russland?

15. November 2015 Gleb Fjodorow
Ob der UN-Klimagipfel, der Ende November in Paris beginnt, den Klimaschutz in Russland voranbringen wird, bezweifeln Experten – denn bei den erwarteten Finanzhilfen für Entwicklungsländer wird Russland leer ausgehen. Regionale Schutzprogramme sind dennoch notwendig.
climate_change_468
Russlands Hauptaufgabe ist, sich an den weltweiten Trend der Erschließung kohlenstofffreier Energien anzupassen. Quelle:Shutterstock / Legion Media

Die größte Überflutung in der Geschichte der russischen Schwarzmeerküste im Juli 2012 forderte 171 Menschenleben. Im Laufe von zwei Tagen übertraf die Niederschlagsmenge in den Berggegenden der Region von Krasnodar den Durchschnitt von fünf Monaten: Flüsse traten über die Ufer und spülten ganze Orte weg. Die Hochwasserkatastrophe nahm gegen  drei Uhr morgens ihren Anfang und traf die Bevölkerung, aber auch die regionale Regierung, unvorbereitet. Die Regionalverwaltung wurde anschließend verantwortlich gemacht für den Ausfall des Alarmsystems in der Stadt und die Überlastung der Abwasserkanäle. Auch der Adagum-Fluss konnte die enormen Regenmengen nicht mehr aufnehmen.

Drei Jahre später wies nun ein deutsch-russisches Wissenschaftlerteam nach, dass die Hauptursache für das Hochwasserunglück Klimaveränderungen waren. In einem Artikel, der im Juli dieses Jahres in der Zeitschrift „Nature Geoscience“ veröffentlicht wurde, erklären die Forscher, dass das Hochwasserunglück von Krymsk mit einer seit 1984 allmählich gestiegenen Temperatur der oberen Wasserschicht im Schwarzen Meer um zwei Grad Celsius zusammenhing.  

Die lokale Infrastruktur müsse dem Klimawandel angepasst werden, resümierten die Wissenschaftler. Ein solcher Plan wurde in Russland bislang jedoch nur für Sankt Petersburg entwickelt. Dort befürchtet man, dass der Wasserpegel im Finnischen Meerbusen bis zum Jahr 2100 um einen Meter ansteigen wird, und die vorhandenen Schutzanlagen der Flutgefahr nicht mehr gewachsen sein werden. Die Anpassung an den Klimawandel wird zum Schwerpunktthema des Pariser Gipfels Ende November dieses Jahres werden. Darum ist dieser Gipfel für Russland immens wichtig.

Die grüne Metamorphose lässt auf sich warten

„Ein zentrales Thema des Gipfels werden Finanzhilfen der führenden Weltwirtschaften zur Klimaanpassung in den Entwicklungsländern sowie deren zeitliche Rahmenbedingungen sein“, sagt Aleksej Kokorin, Leiter des Energieprogramms des WWF Russland. Nach Schätzungen von Experten geht es um rund 100 Milliarden Euro bis 2020. Damit könnte die Reduzierung der Schadstoffbelastung in den kommenden zehn bis 15 Jahren in den Hintergrund rücken, während Entwicklungsländer immense Finanzhilfen gezahlt würden.

Die wirtschaftsstarken Staaten werden versuchen, einen Teil der Finanzlast auf Privatbetriebe zu übertragen, die Entwicklungsländer wiederum werden sich bemühen, möglichst viele Mittel für die Klimaanpassung zu bekommen. Russland fällt in keine der beiden Kategorien – weder ist es ein Entwicklungsland, noch ist es finanzstark genug, um andere Staaten unterstützen zu können. Daher wird dieser Tagesordnungspunkt für Russland eher eine untergeordnete Rolle spielen, meint Kokorin.

Die sieben wärmsten Jahre seit 1936 fielen für Russland allesamt ins 21. Jahrhundert. Am wärmsten war es 2007, als die Jahrestemperaturen um 2,07 Grad Celsius über den Durchschnittswerten lagen. Von 1985 bis 2014 stieg die Jahresdurchschnittstemperatur in Russland um 0,66 Grad Celsius pro Jahr. Am deutlichsten kletterten die Temperaturen in den arktischen Gebieten.

Russlands Hauptaufgabe ist seiner Meinung nach, sich an den weltweiten Trend der Erschließung kohlenstofffreier Energien anzupassen, um Verluste für die eigene Wirtschaft, die stark von traditionellen Energiequellen abhängt, zu minimieren. Bis 2030 plant Russland, 25 bis 30 Prozent weniger Treibhausgase zu produzieren als 1990. Dieses Versprechen beeindruckt zwar von der Zahl her, bedeutet aber tatsächlich lediglich eine Stagnation des Treibhausgasausstoßes, da sein Volumen bereits heute deutlich niedriger ist als 1990.

Nach Schätzungen von Umweltschützern wird Russland wohl eher weiter business as usual betreiben, um gleichzeitig seine Infrastruktur dem Klimawandel anzupassen und auch neue Energiequellen zu erschließen. Bislang entfällt auf die neuen Energien nur ein Prozent der Gesamtstromerzeugung in Russland.

Die Realitäten des Klimawandels werden auch in der russischen Regierung zunehmend wahrgenommen. Wladimir Maximow, Leiter des Umweltdepartements des russischen Wirtschaftsministeriums, sieht Bewegung bei der Lösung von Klimaproblemen in Russland, seitdem der russische Präsident 2013 die Weisung „Über die Minderung von Treibhausgasausstößen“ unterschrieben hat. Während seiner Rede vor der UN-Vollversammlung stellte Putin wiederum den Klimawandel in eine Reihe mit den wichtigsten Problemen der Menschheit. Der Präsident wird ebenfalls am Klimagipfel in Paris teilnehmen.

INFO:

Nach Schätzungen des russischen Wetterdiensts Rosgidromet wuchs die Zahl der gefährlichen Klimaerscheinungen in Russland im Laufe der vergangenen 15 Jahre ums Zwei- bis Dreifache: von 150 Vorfällen im Jahr 1997 bis zu 369 Vorfällen im Jahr 2012. Das wird als Folge der Temperaturerhöhung der Weltmeere betrachtet. Nicht jede dieser negativen Klimaerscheinungen bedeutet automatisch eine Naturkatastrophe, dennoch verursacht jede von ihnen einen ökonomischen Schaden für die betroffene Region. Die Bevölkerung und die Regierungen vor Ort haben daher begonnen, die Folgen der Klimaveränderung bewusst zu wahrzunehmen.

Alle Rechte vorbehalten
+
Folgen Sie uns auf Facebook