Evelina Matwejewa, die ihre Moskauer Wohnung gemeinsam mit ihrer Mutter und jüngeren Schwester bewohnt, liegt im Bett, surft mit ihrem Computer im Internet und unterhält sich am Telefon mi einer Freundin. Die aus dem tschetschenischen Grosny stammende junge Frau verbringt sehr viel Zeit im Bett, seit vor 15 Jahren eine Kugel ihren Oberkörper traf, ihr Herz streifte und ihre Wirbelsäule zertrümmerte.  

Evelina Matwejewa – seit 15 Jahren ans Bett gefesselt

Das Unglück ereignete sich im Januar 1995, am Anfang des ersten Tschetschenienkriegs. Die kleine Evelina, damals 11 Jahre alt, ging ihre Freundin zu besuchen, als sie plötzlich mitten in ein Feuergefecht zwischen russischen Truppen und tschetschenischen Separatisten gekommen ist. Sie wurde zufällig getroffen, und binnen eines Augenblicks veränderte sich ihr gesamtes Leben. Wie Evelina sagt, hatte sie Glück im Unglück, denn die russischen Soldaten brachten sie sofort mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus. Zwei Tage kämpften Ärzte um ihr Leben. Als sie außer Lebensgefahr war, kam sie in eine Spezialklinik nach Moskau. Das war der Beginn eines langwierigen Rehabilitationsprozesses, der nie aufhören wird: Evelina wird ihr Leben lang querschnittsgelähmt bleiben.

 Behinderte Kinder in Russland

 

In Russland leben mehr als eine Million behinderter Kinder, die kaum unterstützt werden. Viele von ihnen werden es wahrscheinlich nicht bis ins Erwachsenenalter schaffen. Doch Evelina hat es geschafft. Sie hat ihr zerstörtes Leben wieder aufgebaut, und ihre Familie hat sich mit etwas Hilfe gut in Moskau eingelebt. Der noch aus UdSSR-Zeiten bekannte Sänger Josif Kobson, der russische Frank Sinatra, unterstütze Evelinas Familie mit 20 000 Dollar. Mit seiner Hilfe konnten sie sich eine Vierzimmerwohnung am Stadtrand leisten, was sonst unmöglich gewesen wäre.

Evelina Matwejewa glaubt, dass auf staatliche Unterstützung kein Verlass sei, wenn es sie gibt, aber keine große Hilfe ist. Und das, obwohl sich die junge Frau regelmäßig in staatliche Krankenäusern untersucht wird und einmal pro Jahr eine intensive Physiotherapie in einem ebenfalls staatlichen Sanatorium bekommt, seien staatliche Fördermaßnahmen für Behinderte nicht ausreichend, ebenso werde das Problem in der Öffentlichkeit nur wenig diskutiert, sagt Evelina. Beim Thema Behindertenrechte sind die Meinungen der Russen zwiegespalten.

Das russische Behindertenrecht

Alle öffentlichen Gebäude und Wohnhäuser müssten mit einer behinderten gerechten Rollstuhlauffahrt ausgestattet sein. So schreibt es das russische Gesetzt auf föderaler Ebene allen regionalen Verwaltungen vor. Doch Evelinas Familie musste die Auffahrt am Treppenhaus auf eigene Kosten betonieren. In der russischen Verfassung ist von kostenloser medizinischer Versorgung die Rede. Evelinas Mutter erzählt allerdings, dass sie in den Apotheke fast immer abgewiesen wird: "Diese Medikamente haben wir nicht vorrätig", führt die Frau empört an,  „dabei kümmern sich diese Bürokraten nur um ihren eigenen Papierkram, und wir müssen uns dann die Medikamente woanders selbst kaufen”.

“Hier bist du einfach nur ,krank’ und zu nichts zu gebrauchen“

Heute sei die Situation erheblich besser als noch vor fünf Jahren, aber immer noch sehr schwierig: „Die neuen Einkaufszentren sind rollstuhlgerecht gebaut, die älteren aber sind immer noch unzugänglich”, sagt Evelina. Nur in Moskau seien die Lebensbedingungen für behinderte Menschen noch zumutbar: “sonst nirgendwo in Russland“. Das Geld ist knapp in ihrer Familie: Die Mutter bekommt umgerechnet knapp 253 Euro Rente, etwas mehr als noch vor ein paar Jahren. Evelina hat einen Fotografiekurs gemacht und verdient sich etwas Geld mit Portraits von Freunden und Familienmitgliedern. Parallel hat sie einen Job in der Klinik, in der sie selbst einst behandelt wurde, wo sie ungefähr 370 Euro im Monat verdient. Einen Arbeitsplatz außerhalb des Behindertenkreises zu finden, ist für Rollstuhlfahrer wegen der Diskriminierung fast unmöglich. Evelinas älterer Bruder arbeitet in derselben Klinik als Masseur und verdient doppelt so viel wie seine Schwester. „Als Gelähmter bist du im Westen ein Mensch, der nicht gehen kann, aber du bist trotzdem noch ein Mensch“, sagt Evelina frustriet über die Einschränkungen, die ihre Behinderung mit sich bringt. „Doch hier bist du einfach nur „krank“ und zu nichts zu gebrauchen“.

Disikriminierung: wie geht man damit um?

Evelinas beste Freundin Julia Bessonova sitzt ebenfalls im Rollstuhl. Einst teilte sie ein Krankenzimmer mit Evelina, heute ist sie studierte Englischlehrerin. Julia hatte großes Glück: Sie fand eine Stelle in der Schule. In einer mit einem Aufzug, ohne den sie nicht in ihr Klassenzimmer gelangen könnte. Die beiden jungen Frauen haben gemeinsam gespart und ein Auto mit Handsteuerung gekauft. Erst das Auto hat sie in der Stadt mobil gemacht. Ihr zweitwichtigstes Hilfsmittel ist ein Laptop mit Internetanschluss, ohne den ihr Studium unmöglich gewesen ware – die 2. Freundin  Evelinas, Anna Tukbajewa, durch einen Wirbelsäulendefekt ebenfalls an einen Rollstuhl gefesselt, hat ebenfalls online studiert und selbst die Abschlussprüfungen im Internet abgelegt.

Träume für die Zukunft

Anna erzählt, dass sie auch noch Psychologie studieren möchte. In Moskau gebe es sogar ein Institut, das ein solches Fernstudium anbiete, wo sie bereits einen Studiumplatz hätte.Ihr Ziel sei es aber nicht: „Eigentlich ich Jura studieren”, sagt sie etwas traurig. Dich für Jura  gebe es in Moskau kein Fernstudium, wie in anderen Universitäten des Landes.

Evelina schaut in ihre Zukunft etwas vorsichtig: „Ich muss einfach Geduld haben und sehen, was die Zeit bringt“, sagt sie. „Die anderen Menschen müssen lernen, zu verstehen, dass auch behinderte Menschen produktiv arbeiten können.“