Im Vorwort zur Sammlung weist Präsident Dmitrij Medwedjew darauf hin, dass sich die Außenpolitik des neuen Russland in einer Phase des Umbruchs bildete, "als… die Zusammenarbeit mit den Partnern an die Gegebenheiten der sich rasant entwickelnden globalisierten Welt angepasst werden musste“. Irrtümer und fatale Fehler unterliefen in dieser Situation auch Staaten, die über weitaus bessere Möglichkeiten verfügten, als Russland in den Neunzigern.

Die Jelzin-Epoche

Das aus dem Schutt eines zerfallenen Imperiums entstandene heutige Russland, hat bis heute nicht klar definiert, ob es stolz auf seine Vergangenheit ist, oder sich dafür schämen sollte. Die Außenpolitik der Jelzin-Epoche, in der die Einen lediglich Spuren von Chaos und Niedergang, wiederum Andere die Entstehung eines „anderen Russland“ erkennen, sind in der Regel antihistorisch und berücksichtigen nicht die damaligen Bedingungen. In Wirklichkeit sollte es darum gehen, das Erreichte mit den realen Möglichkeiten, die damals zur Verfügung standen, zu vergleichen und einzuschätzen, inwiefern diese genutzt wurden.

Die zweibändige Ausgabe enthält bei weitem nicht die gesamte Korrespondenz. „Einige der damaligen Staatschefs, die mittlerweile aus ihrem Amt ausgeschieden sind, hatten darum gebeten, einige äußerst interessante Botschaften nicht zu veröffentlichen, da diese den heutigen bilateralen Beziehungen mit diesen Staaten Schaden zufügen könnten“, schreibt der außenpolitische Berater des russischen Präsidenten Sergej Prichodko in seinem Vorwort. „Wir wurden sogar mehrfach nachdrücklich gebeten, bestimmte, von Boris Jelzin selbst verfasste Schreiben nicht zu veröffentlichen.“ Doch trotz der Lücken stellt die Sammlung für alle, die sich für internationale Angelegenheiten interessieren, ein echtes Geschenk dar.

Russland war bereit Kompromisse zu gehen

Es herrscht die weit verbreitete Meinung, dass Russland damals in der Regel zu Kompromissen bereit war und von den westlichen Partnern, allen voran den USA, an der Kandare geführt wurde. Die im Sammelband enthaltenen Dokumente lassen jedoch einen anderen Schluss zu: Russland versuchte, einen konsequenten und selbstständigen Kurs zu verfolgen, doch die objektiven Umstände, die sich obendrein permanent und heftig veränderten, zwangen das Land immer wieder, sich an die Situation anzupassen und die Ziele mit den realen Möglichkeiten in Einklang zu bringen. Jelzin beharrte zeigte sich dennoch in bestimmten Fragen keinesfalls kompromissbereit, wenn er von der Richtigkeit seiner Position überzeugt war. 

Grundlagen der heutigen Außenpolitik

Jelzins Korrespondenzpartner verstanden dessen Lage sehr wohl und versuchten immer wieder, diese auszunutzen. Doch auch für sie war klar, dass Russland trotz schwerer Zeiten, auf der internationalen politischen Bühne einen wichtigen Platz einnimmt. In den 90er Jahren wurde die Grundlage der heutigen russischen Außenpolitik gelegt. Diejenigen, die die Diplomaten und Politiker der Neunziger ablösten, hatten etwas, worauf sie bauen konnten.

Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift "Russia in Global Affairs".