Es ist geschafft. 6000 Kilometer Fahrt von Moskau nach Lissabon. Elf Städte in zwei Wochen in diversesten Zügen. Zusammen mit Beppe Severgnini, Soledad Ugolinelli und Gianni Scimone. Drei wunderbaren, ganz außergewöhnlichen Menschen.


Wie gut kennen wir Europa eigentlich wirklich? – das war unser Auftrag: Stimmen die Klischees, die wir über andere Länder und ihre Bewohner im Kopf haben? Was erleben wir, wenn wir als rollende Reporter quer durch Europa jagen, in neuen Hochgeschwindigkeitszügen, uralten Schlafwagen, Touristenbahnen?


Nun, wir haben jede Menge erlebt. Europa, dieses oft als künstlich verschriene Staaten- und Wirtschaftsgebilde, in dem es gerade in der griechischen Ecke kracht, in der portugiesischen rumort, in der dänischen grollt, dieses Gebilde ist wirklich greifbar: Christliche Kirchen, historische Bauten, Sprachen, all das zeigt gerade jemandem, der so wie wir im Schnelldurchlauf reist, schlaglichtartig unsere gemeinsamen Wurzeln. 


Natürlich, wer Vorurteile sucht, der wird sie finden: Russen, die im Restaurant wie zu Sowjetzeiten den Gast warten lassen, bis sie mit dem Plauschen fertig sind. Schweizer Taxifahrer, die genau nachrechnen ob es sich für sie lohnt, jemanden zu befördern. Spanier, die gerne laut feiern und schlimmer Auto fahren als die Italiener (Beppe, sorry!). 
Kaum aber hatte ich ein Klischee identifiziert und abgehakt, passierte häufig das Überraschende: Die Schweizer schwärmten aus und machen die Züricher Altstadt zur südländischen Piazza. Eine russische Zimmerfrau setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um meine zugefallene Zimmertür wieder zu öffnen. Und die Spanier bremsten auch für Fahrradfahrer. 


Und es ist doch so: gerade die Eigenarten, die Besonderheiten, die Vielfalt der Menschen und Regionen, der Küchen und Kulturen machen unser Europa als Ganzes so interessant. Nicht umsonst kommen Japaner und Chinesen nicht nur als Touristen hierher. Sie investieren auch in Projekte wie Gaudis unvollendete Basilika Sagrada Familia in Barcelona. Sie tun das, weil auch sie an diesem außergewöhnlichen Europa teilhaben wollen. 


Ein Europa, in dem Demokratie die gewünschte Staatsform, Bildung ein hohes Gut ist. Und, zu Zeiten des Kalten Krieges noch für viele unvorstellbar: In dem man reisen kann/darf (!). Teilweise noch unter den Augen missmutiger Grenzbeamten, teilweise ohne es zu merken, ohne den Ausweis zu zücken, im Schlafwagen über die Grenze, zu einem Café au lait in Lyon, zu einem Wochenende am Strand von Barcelona.


Was für ein gelobtes Land muss das für einen Menschen sein, der aus einem autoritären Staat kommt! Da einfach nur die Grenzen zu schließen, innen wie außen, kann nicht die schlussendliche Lösung sein. Auch wenn es naiv klingen mag: Europäische Politik sollte wie auch immer dazu beitragen, dass Menschen erst gar nicht in die Lage kommen, aus dem Land fliehen zu müssen, in dem sie geboren sind. Und sie darf ebenso wenig erlauben, dass dieses kostbare, einzigartige europäische Staatengebilde zerfällt. 


In dem die Jüngeren in Zeiten des Internet ohnehin längst mehr verbindet als trennt. Überall wo ich auf dieser Reise war, liefen Männer und Frauen mit meinem Smartphone herum, hörten die Musik, die ich höre, trugen meine Schuhe. Es spricht einiges dafür, dass sie vielleicht auch so ähnlich dachten wie ich. 

Es ist Zeit, danke zu sagen. Danke Beppe! Danke Soledad! Danke Gianni!
Es war wieder wunderbar mit Euch, und obwohl ich es in den letzten Tagen mit dem Zuspätkommen übertrieb (ich musste ja für die ersten Tage, als nur ich und das Küken pünktlich waren, irgendeinen Ausgleich finden): Ihr wart eine fantastische Familie, und ich hoffe sehr, wir sehen uns bald wieder. 


Ganz großen Dank auch an Susanne, an die Organisatoren vom Goethe-Institut, an alle Unterstützer, und an die Frauen und Männer die das Zeug, das Beppe und ich schrieben, bis frühmorgens kongenial in zehn verschiedene Sprachen übersetzten: Jetzt könnt Ihr endlich wieder in Ruhe zu Abend essen....
Und vielen Dank an alle, die unsere Reise verfolgt, mitgelacht und mitgelitten haben. Ihr wart großartig. Bis bald!

PS. Noch kurz zum Geheimnis des Kükens: Es gehört einer jungen Dame, der ich versprochen habe, ihr an jedem Tag der Reise ein Foto des Kükens an einem anderen Ort zu schicken. Einer sehr jungen Dame. Meiner Tochter Stella.

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