Deutsch-Russische Zusammenarbeit in Wissenschaft und Wirtschaft

DDR-Studenten in Sankt Petersburg. Foto: RIA Novosti

DDR-Studenten in Sankt Petersburg. Foto: RIA Novosti

Nach Höhen und Tiefen der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland erleben Forschung und Innovation im gemeinsamen Miteinander einen neuen Aufschwung. Der erste Teil einer kleinen Artikelserie behandelt die Geschichte dieser Zusammenarbeit.

Traditionell unterhalten Deutschland und Russland intensive wirtschaftliche und wissenschaftlich-technische Beziehungen. Schon Zar Peter der Große brachte ausländische Gelehrte in sein Reich und gründete mit ihnen die Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, unter ihnen die Deutsch-Schweizer Daniel Bernoulli und Leonhard Euler oder Georg Bilfinger aus Stuttgart. Der Gründer der ersten Universität Russlands, Michail Lomonossow, studierte in Marburg und Freiberg/Sachsen. Daraufhin entstanden überall im Russischen Reich Hochschulen mit berühmten Lehrern und Epoche machenden Entdeckungen.

Beispiele für diese Entdeckungen gibt es genug. Vom Periodensystem von Dmitri Mendeleew über die Physiologie des Reflexes von Iwan Pawlow bis zur Raketentheorie des Konstantin Ziolkowski. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg offenbarte sich das enorme Potenzial russischer Forschung beim Wettlauf um die Eroberung des Weltraums, bei der ersten gesteuerten Kernfusion, oder im Wettbewerb um die leistungsfähigsten Computer.

 

Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg

Doch die traditionell engen Kooperationen zwischen deutschen und russischen Forschern, Wissenschaftlern, Künstlern, Technikern und anderen Intellektuellen mussten nach dem Ende des Krieges, in dem sich die Länder als Feinde gegenüber standen, erst wieder neu wachsen. Schon kurz nach der Rückkehr der nach Kriegsende in die Sowjetunion verbrachten deutschen Spezialisten der Raketen-, Flugzeug- und Atomforschung begann eine erfolgreiche wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit, mit der man versuchte, die Defizite auf vielen Gebieten gegenüber dem Westen wettzumachen. Besonders ausgeprägt und erfolgreich waren die Kooperationen in Grundlagenforschung und akademischer Bildung. Über 10.000 Studenten der DDR absolvierten von 1955 bis 1989 ihr Studium in der Sowjetunion. Zu Sowjet- und DDR-Zeiten dominierten Energie- und chemische Rohstoffe, Maschinenbauerzeugnisse, Produkte von Automobil- und Schiffbau, Eisenbahntechnik und Energietechnik, aber auch polygraphische Erzeugnisse und Chemieprodukte den gegenseitigen Handelsaustausch. Sogar Hochtechnologieprodukte der Elektronik und Optik, der Pharmazie oder Medizintechnik überquerten damals – jedoch in bescheidenem Umfang – die Grenzen. Doch dies sollte nicht immer so bleiben.

 

Brain Drain nach der Wende

 

Die gravierenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche der neunziger Jahre machten in Russland ebenso wie auch im Osten Deutschlands weder vor Bildung und Wissenschaft noch vor Technologie und Innovation Halt. Rund 5000 Forschungsinstitute mit mehr als drei Millionen Angestellten sowie die Hochschulen mit fast fünf Millionen Studenten standen vor dem Kollaps. Die Betriebe wurden sich selbst überlassen, die Forschungsinstitute blieben ohne Aufträge, Kooperationen verloren über Nacht ihre Partner und Bedeutung. Die Industrieforschung blutete aus, die Budgets der industriellen Forschung sowie der akademischen Wissenschaft sanken um das 20-Fache. Der "Brain Drain" setzte ein: junge und mobile Talente der Wissenschaft suchten in den USA, in Israel und anderen westlichen Ländern nach neuen Jobs, die ihnen Anerkennung und finanzielle Unabhängigkeit brachten. Von 1,5 Millionen russischen Wissenschaftlern emigrierten rund 300.000 in die USA und nach Europa, 400.000 mussten ihren Beruf wechseln um zu überleben. Eine vergreisende, immobile Professorenschaft kämpfte bei Monatgehältern von 100 bis 500 Euro ums Überleben, Institute zerfielen, die Wissenschaft schlitterte in eine ihrer größten Krisen.

Russische Ingenieure arbeiten beim VW-Automobilwerk in Kaluga. Foto: RIA Novosti

Innovationen mit TRIZ

Dabei war gerade Russland das Land, welches bei Innovationen immer ganz vorne lag. Sogar die auf technologische Innovationen ausgerichtete Methodik ist eine russische Erfindung. Zwar hat sich herumgesprochen, dass Innovationen die Triebfeder für die Wirtschaft sind - doch wie kommt man eigentlich zu neuen Ideen und Innovationen? Ganz einfach: mit TRIZ. TRIZ ist ein russisches Akronym, das im Deutschen etwa für „Theorie des erfinderischen Problemlösens“ steht. Bis in die neunziger Jahre hinein galt TRIZ als rein sowjetisch-russische Methode, die von Genrich Altschuller entwickelt worden war. Nach dem Ende des Kalten Krieges emigrierten viele seiner Schüler in die USA, versilberten das bisher frei zugängliche Wissen samt Datenbank und dienten sich für 50 Dollar im Monat Beratungsunternehmen an.

Firmen wie Invention Machine in Boston oder Ideation International in Southfield/Michigan, boten die Methode als "Made in USA" feil und fuhren mit TRIZ im Consulting von Ford bis Samsung kommerzielle Erfolge ein. In den letzten zehn Jahren entpuppte sich die Methode des wissenschaftlichen Erfindens nicht nur in den USA als marktwirtschaftlicher Schlager. Auch deutsche Unternehmen wie Volkswagen und Daimler, so berichtet Eckhard Schüler-Hainsch von der Daimler AG, haben mit TRIZ und Computer Aided Innovation (CAI) leistungsfähige Softwaretools zur Unterstützung der Frühphasen bei Innovationsprozessen in der Automobilindustrie entwickelt.

Der 2. Teil dieser Serie behandelt die aktuellen Entwicklungen der deutsch-russischen Zusammenarbeit in Wissenschaft und Wirtschaft.

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