Eingemachte Tannenzapfen, Kosakenmützen, Bergkräutertee und hausgemachter Süßwein - das sind die Souvenirs, die Touristen gewöhnlich aus Archys mit nach Hause nehmen. An den zahlreichen Ständen sind auch Magnete und Postkarten mit Fotos von Skifahrern und Snowboardern samt schönem Bergpanorama zu sehen. Doch auf den Pisten fehlen die Wintersportler noch. Der Bau des Wintersportortes Archys hat gerade erst begonnen. Statt Hotels sind überall improvisierte Camps anzutreffen, Handys haben praktisch nirgendwo Empfang, und die 14 Kilometer lange Straße bis zur Talstation besteht aus grobem Schotter.

Bevor beschlossen wurde, Archys groß herauszubringen, war der beschauliche Ort nur Extremsportlern ein Begriff. Im Winter waren dies hauptsächlich Heli-Skiern, die das nötige Kleingeld aufbringen können, um sich bequem vom Hubschrauber auf den Berg fliegen zu lassen und im Sommer zahntausende Wanderer, Kletterer und Mountainbiker mit Zelten.

Doch mittlerweile wurde erkannt, dass Archys aussichtsreiche Möglichkeiten für eine touristische Entwicklung bietet. Der Name bedeutet im lokalen kaukasischen Dialekt „schönes Mädchen“, und mit einem Blick auf die kurvenreiche Landschaft versteht man auch warum. Archys ist weniger als vier Flugstunden sowohl von Europa als auch von Asien und den arabischen Ländern entfernt und somit relativ günstig gelegen. Der nächste internationale Flughafen „Mineralnye Wody“ ist 200 km entfernt, und in der Region sollen mehrere kleinere Flughäfen für Zubringerflüge gebaut werden.

Ein russisches Les Arcs

An der Eröffnungszeremonie steht in lateinischen Worten auf den Mützen und Schals der Teilnehmer “Per angusta ad augusta” (zu Deutsch: "Durch die Enge zum Erhabenen"). Doch die erhabenen Höhen von Archys müssen noch bezwungen werden. Der neue Sessellift überwindet eine Höhendifferenz von gerade mal 115 Metern. Die beiden Pisten von der Bergstation (1770 m.ü.M.) bis zur Talstation (1656 m.ü.M) sind 670 und 1100 m lang. Bis im kommenden Herbst sollen fünf Hotels mit rund 700 Betten und insgesamt sechs Pistenkilometer fertiggestellt werden. Das mag alles recht bescheiden klingen, doch diese erste Ausbauetappe dient als erste Probe für die hochfliegenden Pläne für Archys. „Der Ausbau von Archys wird erst ab Ende diesen Jahres auf vollen Touren laufen. Dann werden wir unter den Investoren konkrete Objekte verteilen“, teilte Chloponin der Presse mit.

Die Investitionsträger vergleichen das zukünftige Archys mit dem französischen Les Arcs. Der Entwicklungsplan sieht vier Touristendörfer mit insgesamt 24.000 Betten, 54 Skiliften mit einer Kapazität von 45.000 Personen pro Tag und 270 Pistenkilometer vor – in acht Jahren soll es soweit sein. Die für die Entwicklung zuständige Gesellschaft „Urlaubsregion Nordkaukasus“ (KSK) geht davon aus, dass nach dem vollen Ausbau den Ort eine halbe Million Touristen pro Jahr besuchen werden.

Hauptziel sei ein erschwinglicher Wintersport vor allem für die russische Klientel, sagt der Direktor von KSK Alexander Newski. „Die einzelnen Kurorte des nordkaukasischen touristischen Ballungsraums sollen nicht miteinander konkurrieren, sondern gemeinsam nach einem durchdachten Marketingkonzept und mit einer einheitlichen Preispolitik entwickelt werden“, so Newski.

Das Projekt hat auch eine soziale Dimension. Gemäß dem Präsidenten der Republik Karatschajewo-Tscherkessien Raschid Temresow sollen allein in seiner Region bis zu 10.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Die örtlichen Großmütter sind jedenfalls jetzt schon bereit und bieten den Touristen lokale Spezialitäten und handgemachte Wollsocken feil.

Natur und Geschichte

Zahlen

Von 1440 bis 3300 m.ü.M. reichen die Höhenlagen im Archystal.

Die höchsten Punkte sind die Berge Pschisch und Sofija

60 Gletscher und Bergseen gibt es im Tal

12 Wasserfälle gibt es im Tal des Sofija-Gletschers

170 km lang ist die wichtigste Wasserader der Region, der Fluss Selentschuk

+14,8 Grad Celsius ist die Durchschnittstemperatur im Sommer

+5,6 Grad Celsius ist die Durchschnittstemperatur im Winter

Das Archystal befindet sich in einem windgeschützten Bergkessel, dessen Klima verhältnismäßig mild ist. Die Berghänge sind dicht bewachsen mit duftenden Kiefern und Tannen. Es gibt hier 26 natürliche Mineralquellen, zudem wird Schmelzwasser von den Gletschern gewonnen.

Neben dem Ski- und Snowboardfahren gibt es für die Touristen viele interessante Exkursionsmöglichkeiten. Eine geheimnisvolle Christus-Ikone ist direkt am steil abfallenden Ufer des Selentschuk-Flusses in Stein gemeißelt. Das Gesicht Jesu blickt hinunter auf alte Kirchen und die Ruinen der antiken Stadt Maas. Die älteste Kirche ist mit 1200 Jahren eine der historisch wertvollsten christlichen Stätten Russlands.

Auf der Spitze des Bergs Adjuch, rund 60 Kilometer westlich von Archys, steht ein kleiner Turm. Der Berg und die Festung sind zu Ehren eines Mädchens benannt, das sich gemäß einer Legende aus Liebekummer vom Berg stürzte. Es kursiert jedoch eine zweite Version, wonach das Mädchen ihren verbrecherischen Ehemann, einen Pferderäuber, in die Tiefe geworfen hat. Wie dem auch sei, nach 730 Treppenstufen wird der Tourist mit einer atemberaubenden Aussicht auf den Fluss und das Tal belohnt. Der Horizont reicht bis nach Abchasien.