Auch Russland positioniert sich. Das Land könnte in der Agrarproduktion eine führende Stellung einnehmen und müsste sich - dem Potenzial nach - auch selbst versorgen können, muss jedoch – laut Russischem Bundesamt für Statistik – 40 Prozent seiner Nahrungsmittel importieren. Zumindest haben die 2009 in die Hühnerfleischproduktion investierten staatlichen Mittel dafür gesorgt, das Russland sich hier von Importen unabhängig machen konnte. Jetzt hofft man, mit Schweinefleisch dasselbe in diesem Jahr zu schaffen.

Die Bedeutung der Fleisch-Importe rückte bereits in den Neunzigerjahren ins Rampenlicht, als ein Handelsstreit zwischen den USA und Russland dazu führte, dass es zu einer Importblockade für „Busch-Schenkel“ kam. So nannte man die amerikanischen tiefgefrorenen Hühnerschenkel auf dem russischen Markt in Anspielung an die damalige US-Administration unter Präsident George Bush.

Der russische Staat hatte schon früh Investitions- und Subventionsmittel mit Hilfe von Darlehen der russischen Landwirtschaftsbank Rosselchosbank an die Landwirtschaft ausgereicht. Mittlerweile ist die Rosselchosbank eine der fünf größten Banken Russlands. Die üppigen staatlichen Gelder beflügelten das Wachstum des Landwirtschaftssektors und ließen das Land in der Weltrangliste der Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse nach oben schnellen. So glänzte Russland bereits 2008 als viertgrößter Getreide-Exporteur der Welt. Aber die Fleischproduktion hatten nicht mitziehen können. Deshalb nahm man sich als erstes die Produktion von Geflügelfleisch vor, da sie eine relativ leicht zu optimierende Produktionstechnologie darstellt. Nach deren Erfolg wird nun die Schweinefleischproduktion in Angriff genommen. Auch die Rindfleischproduktion wird sicherlich in ein paar Jahren folgen, sobald staatlich finanzierte Großbetriebe in Position gebracht worden sind.

Um der Konkurrenz von Seiten europäischer Mitbewerber entgegenzuwirken, hat die russische Regierung Investitionsmittel in Höhe von sechs Milliarden Rubel (150 Millionen Euro) bereitgestellt, um den einheimischen Fleischerzeugern zu helfen, ihre Produktion zu steigern und ihren Marktanteil auch im Jahre 2012 zu sichern. Russlands Landwirtschaftsministerin Jelena Skrynnik sagte am Ende Januar, der Staat wolle den Import von ungefähr 500 bis 600 Tausend Tonnen Schweinefleisch pro Jahr einsparen – das wäre immerhin ein Fünftel des Gesamtverbrauchs in Russland.

Vorläufig kommen die meisten Fleischimporte noch aus Europa, und Schweinefleischhälften wurden zum Zankapfel während der letzten WTO-Verhandlungen. Hier ging es um die Konsequenzen, die sich aus dem Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation WTO ergeben. 18 Jahre hatte der Verhandlungsmarathon gedauert, bis zehn Jahre nach dem Beitritt Chinas im Dezember 2011 die offizielle Aufnahme Russlands als 154. Mitgliedsstaat zur WTO erfolgte. Bis zum Sommer 2012 muss das Vertragswerk noch ratifiziert werden. Dann kann auch der größte Flächenstaat endlich in den Genuss von Zollsenkungen und einheitlichen Produktnormen und Zertifizierungen kommen. Doch für Russlands Erzeuger von Schweinefleisch werden dann schwere Zeiten kommen, wenn die Handelsbeschränkungen für europäische Importe fallen.

„Die WTO-Mitgliedschaft wird wahrscheinlich auf die Geflügelerzeugung keine großen Auswirkungen haben," mutmaßt Michail Krasnoperow, ein Analyst von Troika-Dialog, dem größten Investmentunternehmen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). "Doch die Rentabilität im Schweinefleischsegment wird wohl in den Keller gehen."

Tatsächlich hatten steigende Nachfrage und gleichbleibendes Angebot die Schweinefleischpreise im letzten Jahr bereits auf ein Rekordniveau getrieben. Und jetzt, da die ständige Ungewissheit bezüglich des WTO-Beitritts Russlands vorbei ist, veranlasst der attraktive Binnenmarkt gleich mehrere große Schweinefleischerzeuger, umfassende Investitionsprogramm aufzulegen.

Die russische Regierung unterstützte bisher die einheimischen Erzeuger, indem sie ausländische Erzeugnisse durch Quoten und hohen Importzölle auf Schweinefleischimporte verteuerte. Aber nachdem Russland im Dezember der Welthandelsorganisation beigetreten ist, sind Importe europäischer Schweinefleischerzeuger billiger.

„Während der letzten fünf Jahre haben in- und ausländische Kapitalanleger mehr als sieben Milliarden US-Dollar in die russische Schweinefleisch-Produktion gepumpt“, teilte Sergej Juschin, Vorsitzender des russischenNationalen Fleischverbandes, in einem Interview mit und warnt davor, dass größere ausländische Investitionen für die einheimische Wirtschaft ein Risiko darstellen, wenn nach dem WTO-Beitritt die staatliche Unterstützung ausbleibt. Inzwischen weiten Russlands Schweinefleisch-Großproduzenten ihre Investitionen aus, um sich größtmögliche Marktanteile zu sichern, bevor die Konkurrenz auf den Plan tritt.

Die Schweinefleischimporte nach Russland könnten sich auf Grund der neuen Handelsbedingungen verdreifachen. Der Nationale Verband der Schweinezüchter kündigte bei Bloomberg im Januar 2012 an, dass er bis zum Jahre 2020 rund 1,8 Millionen Tonnen Fleisch produzieren und somit fast die Hälfte des russischen Gesamtbedarfes decken könne. Allerdings befürchten die russischen Bauern, dass preiswerte Importe mit entsprechend hoher Qualität den russischen Schweinefarmen hart zusetzen werden, da diese in der Regel kleiner und weniger effizient sind als die großen Schweinemastanlagen im Westen. Wenn nichts passiere, so warnt der Schweinzüchterverband, könne die einheimische Produktion ab 2014 den Bach hinuntergehen.

„Die Investitionsimpulse in die russische Fleischerzeugung werden nach Russlands Beitritt zur WTO stark nachlassen“, befürchtet Nikolaj Birjulin, Chefexperte des Verbandes, auf einer durch das Moskauer Institut für landwirtschaftliche Marktstudien organisierten  Konferenz im Januar 2012. „Nur diejenigen Großprojekte für Zucht- und Mastanlagen, die sich derzeit bereits in der Realisierungsphase befinden, haben noch eine Chance, überhaupt an Aufträge heranzukommen“. Das bedeutet, dass auf Russlands Schweinezüchter unter den Bedingungen der WTO-Mitgliedschaft Verluste von über 20 Milliarden Rubel (500 Millionen Euro) zukommen könnten, so Birjulin.

Der Regierung sei das Problems sehr wohl bewusst, äußerte dazu der stellvertretende Landwirtschaftsminister Ilja Schestjakow am Rande der Konferenz im Januar. Sie plane, die einheimischen Erzeuger durch administrative Maßnahmen und mit Krediten zu unterstützen, bis dieser Bereich auch bei Konkurrenz durch preiswertere Importe auf eigenen Füßen stehen kann.

Anfang Februar 2012 gab Sergej Michajlow, Geschäftsführer der Tscherkisowo-Gruppe, Russlands größtem Fleischverarbeiter, auf dem Forum Russland 2012 in Moskau bekannt, dass er die Schweinefleischproduktion in seinen zehn Schweinemastanlagen im Laufe der nächsten zwei Jahre um 80 Proezent auf 180.000 Tonnen pro Jahr ausweiten würde.

Sein direkter Konkurrent, die der Fleischriese Rusagro, verkündete auf der selben Tagung, dass er 2012 seinen Mastbetrieb im Gebiet Tambow mit drei Milliarden Rubel (75 Millionen Euro) erweitern will, um – laut Maxim Basow, Geschäftsführer des Unternehmens – den Betrieb auf eine Jahresleistung von rund 100.000 Tonnen Schweinefleisch zu bringen. Das Unternehmen hatte bereits im letzten Jahr 2,5 Milliarden Rubel (67,5 Millionen Euro) in neue Anlagen investiert.

Die Subventionen durch den Staat werden aber nur so lange erfolgen, bis die russische Landwirtschaft die eigene Größe und Qualität gefunden hat, um den jetzt zuströmenden ausländischen Importen Einhalt zu gebieten.

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