Kosyrjew fotografiert Konflikte in der ganzen Welt.

Wer verstehen will, wie Jurij 
Kosyrjews Bilder entstehen, muss mit ihm gearbeitet haben. Der 
schmale, kleine Kosyrjew ist ein Schattenmann. Mit seiner Kamera schließt er sichunbemerkt den Menschen an, die er fotografiert, huscht ihnen hinterher, bis sie vergessen, dass da überhaupt einer mit Kamera ist. Und dann entstehen Bilder, die ganz nah am Geschehen dran sind.


Jurij Kosyrew. Foto: Noor

Vielleicht ist sein Schattendasein die Erklärung dafür, dass der 1963 in Moskau geborene Fotograf noch am Leben ist, hat er doch die letzten 20 Jahre fast ausschließlich in Krisen- und Kriegsgebieten verbracht: In Tschetschenien, Südossetien, Afghanistan, im Irak, zuletzt im Jemen und in Libyen war er dabei, um mit seiner Kamera die Schicksale hinter den News zu erzählen.


Kosyrjew ist mit seinen Fotografien zu einem der weltweit renommiertesten Kriegsreporter geworden. Dabei machte er nach einem Journalistikstudium seine ersten fotografischen Gehversuche unter Walerij Arutjunow, Mitglied eines sowjetischen Dissidentenzirkels.


Bald begann Kosyrjew, das Leben der Dissidenten in ihren kleinen Wohnungen oder besetzten Häusern zu dokumentieren. Doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zerbrachenauch diese Kreise, und der junge Fotograf reiste nach Armenien, Moldawien, Tadschikistan und Georgien, um die Kriege zu dokumentieren, die der Zerfall des Staatsgebildes nach sichzog. 


Die Kriegsfotografie


In den 90er-Jahren traf Kosyrjew jenen Fotografen, der seinem Schaffen die maßgebliche Richtung geben sollte: Jewgenij Chaldej, berühmt geworden für sein Bild eines russischen Soldaten, der am 2. Mai 1945 auf dem Berliner Reichstag die sowjetische Flagge hisst. Fünf Jahre lang assistierte ihm Kosyrjew, half beim Entwickeln seiner Filme, trug seine Taschen.„Chaldej vermittelte mir das meiste Wissen über unseren Beruf“, sagt er, „keine Universität kann einem beibringen, wie wichtig es ist, immer wieder an dieselben Orte zurückzukehren,um den Gang der Geschichte zu dokumentieren.“ Chaldej schenkte ihm auch seine erste Kamera: eine Leica, mit der er noch im Zweiten Weltkrieg fotografiert hatte.


2001 dokumentierte Kosyrjew den Fall der Taliban in Afghanistan, lebte dann fast acht Jahre als Fotograf der Zeitschrift TIME in Bagdad. Dann kehrte er nach Moskau zurück, es waraber nur ein erzwungener Wartezustand. Reportagen aus Friedensgebieten sind seine Sache nicht 
der Krieg ist eine Droge, von der er bis heute nicht loskommt. „Ich muss mich im Zentrum der Geschehnisse befinden - und mit der Zeit verstehe ich, was vor sich geht“, sagt er.

Kosyrjew hat einige Kollegen verloren − wie seine Freunde Chris Hondros und Tim Hetherington, die im April 2011 getötet wurden, als sie im libyschen Misrata fotografierten. Man könnte sich fragen, warum der 48-Jährige weiterhin sein Leben aufs Spiel setzt. Aber wer sieht, wie erstaunlich komponiert seine Bilder wirken trotz der Extrembedingungen, unterdenen sie aufgenommen wurden, versteht auch, dass Kosyrjew dort hingehört. Er blickt mit großen, wachen Augen in die Welt, und es entstehen taktvolle, einfühlsame Geschichten.


Im Dezember 2010 spülte es ihn in den vor dem Kollaps stehenden Jemen. Arabisch versteht er nicht, den Jemen versteht er nicht, und man merkt den Fotos an, dass da einer ohne Orientierung durch die Straßen zieht, mit dem Gefühl, dass er jederzeit scheitern und sterben könnte. Aus seinen Bildern spricht der nahende Bürgerkrieg: Gruppen düsterer Männer, die in der Abenddämmerung Khatblätter kauen, verschleierte Frauen beim Schwimmen oder ein trauriger Mann mit einem riesigen Fisch über der Schulter.


Im letzten Frühjahr zog Kosyrjew zwei Monate lang mit den Aufständischen durch Libyen, bis sie schließlich Muammar Gaddafi stürzten. Für eines seiner Bilder aus Libyen hat er gerade seinen siebten World Press Photo Award erhalten. 


Kosyrjew gehört der Bildagentur NOOR an, die elf Fotografen aus acht Ländern vereint und sich der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit verschrieben hat. Deswegen ist es ihm auch wichtig, von den Kindern zu 
erzählen, die es dank seiner Bilder zu retten gelang. Stanley 
Greene, einer der Gründer von NOOR, sagte einmal: „Jurij hat bei der Bildberichterstattung aus Konfliktzonen die Messlatte immer höher gelegt. Er hat uns immer wieder dazu gebracht, noch einmal zu überdenken, wie wir unsere Geschichten machen. Er ist zwar politischer Kriegsfotograf, aber zugleich stecken seine Bilder wie bei keinem anderen voller Poesie … Er hat das Zeug, einer der größten Kriegsberichterstatter der Welt zu werden.“


„Auszeichnungen und Galerien bedeuten mir nichts“, sagt Jurij Kosyrjew von sich selbst. „Es geht darum: Als Fotograf hast du die Gelegenheit, den Menschen eine Stimme zu verleihen. Du nimmst ein Foto auf, du nennst die Person, du dokumentierst die geschichtlichen Ereignisse deiner Zeit.“