Eine Frau, die Nähe sucht, diese aber nur bei einer laufenden Wasch­maschine findet. Ernüchtert und ratlos schaut sie auf die Trommel, die sich dreht – und doch ist es ein seltener Moment des Friedens für sie. Denn in dieser Situation, in der die Dinge maschinell ihren Gang gehen, kann Rita (Olga Simonova) kurz ausblenden, dass ihr Leben ansonsten aus dem Ruder läuft, wenn nicht Maschinen sondern Menschen den Fortlauf der Ereignisse bestimmen.

Das Dilemma, in dem Rita steckt, ist dem Zuschauer klar als sie in der Mitte des russischen Films „Beduin“ innere Einkehr bei der Waschmaschine sucht. Da hat sie schon mehr durchgemacht als ein Mensch normalerweise ertragen kann, ohne durchzudrehen. Rita hat ihre Heimat in der Ukraine verlassen, um in der Trostlosigkeit einer feindseligen St. Petersburger Trabantenstadt ein elementares Lebensproblem zu lösen: Ihre Tochter Nastja (Serafima Migai) leidet an todbringender Leukämie. Nur wenn teure Medikamente anschlagen und ein geeigneter Knochenmarkspender gefunden wird, besteht Hoffnung auf Heilung. Doch die Behandlung kostet Geld, viel mehr Geld als Rita je in ihrem Leben besessen hat. Deswegen verkauft sie ihren Körper als Leihmutter an den herrischen und gefühlskalten Geschäftsmann Ivan (Remigian Sabulis). 

Regisseur Igor Voloshin zeichnet in „Beduin“ ein bedrückendes Bild von der russischen Gesellschaft. Er zeigt die Trostlosigkeit schmuddeliger Cafés, die Gewalt in den Wohnquartieren, das korrupte und dysfunktionale Gesundheitssystem und die Ohnmacht von schutzlosen Bürgern, sich demütigen lassen müssen. Denn so bewundernswert Rita den Widrigkeiten auch trotzt – als sie ihren Leihmutterpflichten nachkommt und sich - auf dem Gynäkologenstuhl festgeschnallt - alle möglichen Gegenstände in ihre Körperöffnungen einführen lassen muss, verliert auch sie einen Moment lang die Würde und Autonomie, die sie als stoische Kämpferin für sich bewahren konnte. 

Es ist ein Parforceritt der Verzweiflung, den Voloshin seinen Zuschauern zumutet, fast so als falle er in das "Chernukha"-Filmgenre aus der Spätphase der Sowjetunion zurück. Dessen abgrundtiefer Pessimismus ließ keinerlei Raum für Hoffnung. Allerdings reagierten Chernukha-Filmemacher wie Olga Narutskaya oder Aleksandr Aleksandrov auf die notorischen Heilsversprechen des kommunistischen Kunstbetriebs davor – sie setzten ihre Themen Gewalt, Sex und Alkoholismus als reine Gegenreaktion, auf die sich Voloshin wegen des zwischenzeitlichen Scheiterns der Sowjet-Ideologie nicht mehr berufen kann - und offensichtlich auch nicht will. Denn der Regisseur, der auch das Drehbuch für „Beduin“ schrieb, gibt dem Film in der zweiten Hälfte eine Wendung, die seinen anfänglichen Nihilismus konterkarieren soll. Der Kampf gegen Windmühlen ist sinnlos, so lautet die Botschaft.

Englischer Trailer. 


Als sich alle Hoffnungen auf Geld oder medizinische Wunder als trügerisch erweisen, reist Rita mit Nastja und dem letzten Notgroschen nach Jordanien. Zuvor hat sie zufällig erfahren, dass die Beduinen dort den Krebs mit einer Mixtur aus Kamelmilch und Urin behandeln. Rita und Nastja gelangen schließlich an den Trank, doch das ist nur eine Nebensache. Vielmehr erfahren die zwei Frauen in der Begegnung mit den Beduinen spirituelle Heilung.

Der Schwenk ins Exotische wird von Kameramann Aleksei Rodionov hervorragend in dokumentarisch anmutende Bilder gesetzt, doch leider verliert der Plot im Nahen Osten an Glaubwürdigkeit. Die Handlung kommt bereits zuvor nicht ohne ständige Zu- und Unfälle aus, doch als Rita ihre Tochter über die sandigen Brachflächen Jordaniens schiebt und ad hoc bei Roma übernachtet, geht die letzte Plausibilität verloren. Denn so groß kann keine Verzweiflung sein – am Schluss überdehnt der Film sein Thema.

„Beduin“ feiert am 21. April beim goEast-Festival in Wiesbaden seine Deutschlandpremiere. Spielort: Caligari-Kino, 18 Uhr

Weitere Vorführungen:

Kino Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main: 22.04., 19:00 Uhr

Kino Alpha, Wiesbaden: 23.04., 16:00 Uhr