„…what kind of nonsense is this“ – Ein Gedicht mit dieser ersten Zeile steht dem Film „Leben“ voran. Bis sich der Zuschauer einen Reim auf den Film macht, dauert es einen Moment. Denn die drei verschiedenen Geschichten, die „Leben“ zeigt, weisen zunächst wenig Verbindung auf. Es geht um den Jungen Artyom, der seinen Vater vermisst und sich von der Mutter schlecht behandelt fühlt. Das Paar Grishka und Anton hingegen lebt anscheinend glücklich und dabei relativ abgelöst von der restlichen Welt, die aber in ihre Zweisamkeit einbrechen wird. Die ehemals alkoholkranke Galya schließlich kämpft darum, dass ihre beiden kleinen Töchter wieder zu ihr nach Hause dürfen.

Regisseur Vasiliy Sigarev überlässt die Zuschauer in seinem zweiten Film allerdings nicht sich selbst, in leinwandgroßen Lettern wird der Titel des Films eingeblendet. „Leben“ aber heißt hier vor allem „Leben im Angesicht des Todes“, wodurch der Film seinen grundsätzlichen Blick auf das menschliche Leben deutlich herausstellt. In allen drei parallel erzählten Episoden werden die Figuren in vollkommen lebenszerschmetternder Art mit dem Tod konfrontiert. Die Verbindung zwischen ihnen ist die Beobachtung von verschiedenen Wegen, mit einem solchen Schicksal umzugehen.

Trailer (Originalfassung)


Den Umgang mit dem Tod eines Nahestehenden setzt Sigarev dabei sehr direkt um, nämlich indem die Toten den Liebsten nach wie vor erscheinen. So beobachtet die Kamera nicht nur, sondern wird gar zu einer subjektiven Kamera. Dies führt zu Perspektivwechsel, die sich der Zuschauer erst mit der Zeit erklären kann. Schon das erste Bild ist durch die Augen Artyoms zu sehen, als kurz darauf der Blick der Mutter folgt, sieht die Welt in wichtigen Details tatsächlich ganz anders aus. Alle Sichtweisen stehen dabei aber mit derselben filmischen Wahrheit nebeneinander. Hier scheint der Film deutlich machen zu wollen, dass es keine absolute Wahrheit gibt.

Obwohl der subjektive Blick auf die Welt ein anderer ist, ist doch der Lebensraum der gleiche und besitzt immer dieselbe Stimmung. Die Straßenzüge und Wohnungen sind triste und grau. Selten sind Menschen zu sehen, wenn fremde Menschen aufeinander treffen, ist die Kommunikation von Missverständnissen, Unvermögen oder einfach Streitsucht geprägt. Unterstrichen wird der Eindruck von den unmelodischen E-Gitarrenklängen. All das scheint die Weltsicht der Figuren auszudrücken, die gleichzeitig die des Films ist, die aller Menschen, weil es eben keine Objektivität angesichts des Lebens geben kann.

Und doch kann Sigarev offenbar „Leben“ nicht so offen und pessimistisch dastehen lassen. Der Film stiftet Sinn durch die Konstruktion, die Verschachtelung der einzelnen Episoden. Während das noch die dargestellte Bandbreite der Geschichten unterstützt, schmälert der äußere Rahmen des Episodenfilms allerdings durch seine Überdeutlichkeit die Aussage des Films. Das fängt schon beim Filmtitel an. Der nach einem kurzen Prolog eingeblendete Titel in Riesenbuchstaben wird am Ende wiederholt. Am Filmanfang erscheint er auf dem Bild einer grauen Häuserzeile, am Ende auf einem ähnlichen Bild, das aber durch das Geschehen ein bisschen Hoffnung enthält. So wird dem Film durch die Rahmung und die Wahl des Filmendes eine relativ plakative Aussage verpasst. Nur die Verrückten und die Unwissenden entscheiden sich bei Sigarev gegen das Leben, das Weiterleben wird zum richtigen Weg erhoben. Im Angesicht des Gesehenen wirkt die Deutlichkeit dieses Schlusses unpassend. Denkt man nämlich am Ende an das einleitende Gedicht von Boris Ryzhy, jenem Dichter, der sich im Alter von 26 Jahren 2001 das Leben nahm, so erscheint seine Entscheidung doch nicht so verrückt. Vor allem aber zeugt die äußere Konstruktion von fehlendem Vertrauen in die Kraft der dargestellten Geschichten und den dadurch angestoßenen Gedanken. Leider schwächt dies die Wirkung des Films ab.

Der Film hat auf dem goEast-Festival in Wiesbaden am 21.4.2012 Deutschlandpremiere. Weitere Informationen finden Sie hier.