Es will einem nicht über die Zunge, Wladimir Putin als neuen Präsidenten Russlands zu bezeichnen. Erstens, weil er bereits in diesem Amt war, und zweitens, weil man keineswegs das Gefühl hatte, er sei in den letzten vier Jahren irgendwohin verschwunden. Wie auch immer, jedenfalls ist Putin weltweit bestens bekannt - man hat nicht nur die eigene Einstellung zu ihm klar definiert, sondern eine feste Vorstellung von ihm gewonnen, ihn als unverrückbares Element der globalen Politik eingeordnet. Wladimir Putin ist, wahrscheinlich ohne es selbst zu wollen, zur führenden Marke Russland geworden. Auf eine Art en vogue, zugleich aber auch erstaunlich dämonisiert, mit allen daraus resultierenden Vor- und Nachteilen für das Land. Wie werden sich seine Beziehungen zu den ausländischen Staatschefs in der neuen Etappe gestalten?

Allgemein gilt, dass Wladimir Putin, der kraft seines beruflichen Werdegangs gut Kontakte zu Menschen aufbauen kann, die Außenpolitik gern auf persönliche Beziehungen gründet. Putins enge Freundschaft zu Gerhard Schröder und Silvio Berlusconi war in aller Munde, entsprechend wurden Deutschland und Italien zu den wichtigsten europäischen Partnern Russlands. Schröder und Putin verband die deutsche Sprache (der Bundeskanzler hatte bis zu seinem Abgang Schwierigkeiten mit dem Englischen) und die Ähnlichkeit ihrer Lebenswege: Beide waren aus bescheidensten Verhältnissen zum Gipfel der Macht gelangt. Letzteres begründete im Übrigen auch die freundschaftlichen persönlichen Beziehungen, die – trotz großer Differenzen in den politischen Ansichten – Wladimir Putin und die ehemalige finnische Präsidentin Tarja Halonen verbanden. Silvio Berlusconi wiederum unterschied sich einfach sehr stark von den steifen europäischen Staats- und Regierungschefs, deren Festhalten an einmal etablierten Normen und Regeln Putin stets verdrossen hatte. Außerdem war Berlusconi ein Geschäftsmann, mit dem sich vorteilhafte Deals aushandeln ließen.

Wie wichtig sind persönliche Beziehungen in der Politik?

In diesem Zusammenhang erhebt sich allerdings eine grundlegende Frage: War Deutschlands und Italiens Wohlwollen gegenüber Russland das Verdienst Gerhard Schröders sowie Silvio Berlusconis oder ein immanenter Zug der Politik beider Staaten? Die herausragende Rolle von Persönlichkeiten ist unbestritten. Und eine gute persönliche „Chemie“ vermag ohnehin ablaufende Prozesse wie ein Katalysator zu befördern. Aber eine grundlegende tektonische Verschiebung kann sie nicht bewirken.

Ein bezeichnendes Beispiel aus dem gleichen Zeitraum liefern die Beziehungen Wladimir Putins zu Tony Blair. Der britische Labour-Premier war der erste westliche Regierungschef, der bereits vor Putins offizieller Amtseinführung im Jahr 2000 persönliche Brücken zur neuen politischen Nummer eins Russlands zu schlagen begann. Und das so erfolgreich, dass ihn die übrigen Europäer unverhohlen beneideten. Unnötig, daran zu erinnern, wie sich die Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien dann in der zweiten Hälfte der ersten Millenniums-Dekade entwickelten. Selbst wenn man die „Causa Litwinenko“ – die Ermordung des abtrünnigen russischen Agenten und Geheimdienstoffiziers Alexander Litwinenko im Londoner Asyl 2006 – als besonderen Fall außer Betracht lässt, finden sich wohl schwerlich zwei politische Gemeinschaften, die einander so feindselig begegnen wie in diesen beiden Staaten.

Zur gleichen Kategorie gehören die Beziehungen zwischen Wladimir Putin und George Bush, die auf der zwischenmenschlichen Ebene durchaus Sympathie füreinander empfanden. Auch die in beiden Fällen im reifen Alter erworbene Religiosität trug zu ihrer Annäherung bei. Doch diese persönliche Sympathie beförderte die zwischenstaatlichen Kontakte in keiner Weise, eher verhielt es sich sogar umgekehrt. Unterschiedliche strategische Interessen und die Asymmetrie der Stärke beider Staaten führten zum niedrigsten Niveau der Beziehungen Russland–USA in den letzten 25 Jahren. Die Enttäuschung über George Bush bewirkte, dass Wladimir Putin nun auch Barack Obama mit Misstrauen begegnet, obwohl Letzterer doch fast eine Antipode zu Bush darstellt. Russlands zukünftiger Präsident macht sich jetzt die Ansicht zu eigen, vertrauensvolle Beziehungen zu den amerikanischen Präsidenten brächten ohnehin nichts, was zählt, seien allein unnachgiebige Verhandlungspositionen und juristisch bindende Vereinbarungen.

Im Falle Italien und Deutschland haben weder Berlusconi noch Schröder die besonderen Beziehungen zwischen Moskau und Rom sowie Moskau und Berlin hergestellt. Beide haben vielmehr Vorhandenes vertieft. Italien zählte neben Deutschland zu den ersten Abnehmern für sibirisches Erdgas, das seit Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre nach Westeuropa fließt. Das Großunternehmertum in Italien wie in Deutschland beobachtete stets - selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges - den sowjetischen respektive russischen Markt mit gesteigertem Interesse, weil man sich dort enorme Möglichkeiten versprach. Und schließlich ist dieses Großunternehmertum in beiden Ländern traditionell eng mit dem Staat verbunden und übt – wenngleich in etwas unterschiedlicher Weise – Einfluss auf die Politik aus.

Nicht zufällig ruhten sowohl bei den wechselnden italienischen Regierungen vor Berlusconi als auch bei sämtlichen bundesdeutschen Kanzlern von Adenauer bis Merkel die Beziehungen zu Russland auf dem festgefügten Fundament wechselseitiger kommerzieller Interessen. Die Perioden enger freundschaftlicher Beziehungen konnten im Falle Berlusconi ebenso wie im Falle Schröder die Dynamik dieser Beziehungen steigern - mehr nicht.

Jedenfalls ist die Epoche der persönlichen Beziehungen zu Ende. Berlusconi und Schröder sind nicht mehr in der großen Politik, Jacques Chirac, mit dem Wladimir Putin ebenfalls besondere – wenn auch anders geartete – Beziehungen gepflegt hatte, ist längst im Ruhestand. Wie es heißt, findet der zukünftige russische Präsident leicht eine gemeinsame Sprache mit dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan sowie dem polnischen Regierungschef Donald Tusk. Doch hier schlagen einfach Geschick in der Verhandlungsführung und ein gutes Gespür für die wechselseitige Interessenlage zu Buche - Freundschaft ist nicht im Spiel. Ohnehin sind Persönliches und Persönlichkeiten, wie bereits oben angemerkt, nicht das alles Entscheidende. Vielmehr bestimmen die Interessen – übereinstimmende wie konträre – noch immer die wechselseitige Anziehung oder Abstoßung von Ländern, unabhängig davon, ob ihre Staatschefs nun willens sind, sich abends gemeinsam Lustbarkeiten á la Silvio Berlusconi hinzugeben, oder ob sie bis zur Halskrause zugeknöpfte protokollarische Verhandlungspartner bleiben.

„Sagen Sie Wladimir …“ – „Ich richte es aus, unbedingt!“  

Im Übrigen fällt bereits seit Längerem auf, dass die diplomatische Routine sowie die endlosen Protokolltreffen mit ausländischen Amtskollegen Wladimir Putin ermüden. Viel lieber begegnet er Größen der internationalen Wirtschafts- und Geschäftswelt, denn dabei wird man schnell konkret, es gibt weniger Verbindlichkeiten, dafür hat das Resultat, wenn es zustande kommt, handfesten Charakter. Vor diesem Hintergrund ist nicht ausgeschlossen, dass Wladimir Putin auch nach seinem Rollentausch mit Dmitri Medwedjew das Tandem-Modell, das ja in der Außenpolitik sehr gut funktioniert hat, fortzusetzen versucht.

Will heißen: Premierminister Medwedjew, der mit den meisten ausländischen Staats- und Regierungschef wesentlich leichter klarkommt, nimmt umfangreichere Funktionen in der außenpolitischen Sphäre wahr und wird zu einer Art persönlichem Sonderrepräsentanten Putins. Das aufgrund einer Mikrofon-Panne publik gewordene Bruchstück einer persönlichen Unterhaltung zwischen Barack Obama und Dmitri Medwedjew beim Atomgipfel in Seoul sorgte in Amerika für enormen Wirbel. Umrissen diese Worte doch im Grunde perspektivisch das Modell der politischen Kommunikation zwischen Russland und dem Westen für die nächsten Jahre. „Sagen Sie Wladimir …“ – „Ich richte es aus, unbedingt!“   

Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“

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