Gleich am Eingang, auf einem Sockel, steht ein Modell von Tatlins Turm zur Dritten Internationale. Obwohl nie realisiert, wurde die komplexe Ingenieurskonstruktion, die sich dynamisch in den Himmel windet, zum Symbol für eine neue Formensprache - und für die Revolution. Cormac Deane aus Irland, der ein Weile in Berlin lebte und nun ein paar Tage in der Stadt zu Besuch ist, steht bewundernd vor dem Modell. „Ich wusste nicht, dass der Turm auch ein Gebäude ist, mit vier Räumen, die sich langsam um die eigene Achse drehen“, sagt er und betrachtet die Kuben im Inneren des Turms. Außer dem jungen Iren und seinem Begleiter sind an diesem Abend nur noch wenige Menschen vor Ort. 260 Besucher wurden am Mittwoch vor einer Woche gezählt. Kein schlechtes Ergebnis. Die Schau über zeitgenössische Kunst aus Los Angeles, die ein Stockwerk tiefer stattfindet, brachte es dennoch auf doppelt so viele.

Einigen Besuchern sind die spektakulären Bauten der russischen Avantgarde bereits bekannt, für die meisten aber sind die Architekturfotografien des britischen Fotografen und Kurators Richard Pare eine Entdeckung. „Alles an diesen Gebäuden ist auf Funktion ausgerichtet“, staunt Deane. Pares großformatige, farbige Abzüge zeigen Fabriken, Wohnanlagen, Arbeiterklubs, Schulen und Sportstätten, die zwischen 1920 und 1935 zu hunderten in der jungen Sowjetunion gebaut wurden. In Glasvitrinen, auf alte Karteikarten geklebt und mit bräunlicher Patina überzogen, liegen Originalaufnahmen der Gebäude aus dem Schtschussew-Museum für Architektur in Moskau. Dazu kommen konstruktivistische Gemälde und Zeichnungen von El Lissitzky, Gustav Kluzis oder Alexander Rodtschenko, eine Leihgabe aus der Sammlung Costakis in Thessaloniki, die die enge Verbindung zwischen Architektur und bildender Kunst in der damaligen Zeit verdeutlichen.

Ein Besucherpaar steht vor einer Fotografie der Narkomfin-Gemeinschaftswohnanlage und diskutiert die Tatsache, dass die russischen Architekten Moisej Ginsburg und Ignati Milinis sich bei dem Gebäude mit seiner freien Fassade und den Stahlbetonpfeilern an Le Corbusier orientiert haben. Der riesige Komplex enthält kleine Privatwohneinheiten, dazu Speisesäle, einen Extrablock für Kinder, Sporthalle und breite Flure für soziale Kontakte. In einem anderen Raum zeigt eine großformatige Fotografie eine riesige zylinderförmige Bäckerei des russischen Bauingenieurs Georgi Marsakow mit einer raumfüllenden Backmaschine, die Marsakow selbst konstruierte. Solche Großbäckereien sollten die sozialistische Frau von zeitraubenden häuslichen Pflichten befreien. „In den Bildern schwingt auch die Frage mit, was mit diesen Gebäuden heute geschehen soll“, sagt Richard Pare, der zur Ausstellungseröffnung nach Berlin gereist ist und zu jedem Bild begeisterte Geschichten erzählen kann.

Es ist Pare zu verdanken, dass die Bauten der russischen Avantgarde heute so gut dokumentiert sind. 1993 reiste er zum ersten Mal nach Moskau und fotografierte im Laufe der nächsten Jahre im ganzen Land die oft vernachlässigten Gebäude der Avantgarde. Oft wurde er argwöhnisch beäugt, wenn er mit seiner unhandlichen Fotoausrüstung um die Gebäude herumschlich, aber ebenso oft ließen ihn Pförtner oder Bewohnern herein, auch wenn sie sein Interesse für die alten, baufälligen Gebäude nur schwer nachvollziehen konnten. „Ich hatte Glück, dass ich in einer Zeit des Chaos dort ankam. Die meisten Gebäude fand ich noch in ihrem Urzustand vor. Inzwischen wurden einige unsanft erneuert“, so Pare.

„Das architektonische Erbe der russischen Avantgarde ist im Verschwinden begriffen“, meint auch Irina Korobina, Direktorin des Schtschussew-Museums. „Unser Ziel ist es, zu zeigen, welche wichtigen Impulse die russische Avantgarde heute noch gibt.“ Das Interesse in der russischen Bevölkerung entwickelt sich erst langsam. Für Lorenzo Tripodi aus Berlin, der an diesem Tag ebenfalls mit seiner Familie die Ausstellung besucht, ist die Faszination für diese Bauten auch beruflich motiviert. Der Urbanist arbeitet zusammen mit Universitäten in Rom und Kiew an einem interaktiven System, das die russische, konstruktivistische Architektur der 20er Jahre dokumentieren soll. „Diese Architektur ist bei weitem nicht so bekannt wie etwa die Bauhaus-Architektur“, meint Tripodi. Mit der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die bereits in Barcelona, Thessaloniki, London und New York auf großes Interesse stieß,  könnte sich das ändern.

Bis 9.7. ist die Austellung „Baumeister der Revolution“ im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen.