Die Aktion Globales Diktat wurde von Studenten der Nowosibirsker Staatlichen Universität ausgedacht. 2004, im ersten Jahr, nahmen 150 Einwohner der Stadt teil. Doch dank Internet und den sozialen Netzen verbreitete die Idee sich in Windeseile — im Jahre 2010 wirkten an der Aktion bereits 2.400 Teilnehmer mit. Im vergangenen Jahr wurden die geographischen Grenzen des Projektes ausgedehnt — das Diktat schrieben fast 5.000 Menschen in zwölf Städten Russlands und im Ausland. Den 2011 Text schrieb der bekannte Schriftsteller Dmitrij Bykow.

In diesem Jahr konnte man seine Schreibkundigkeit an 116 Orten in 85 Städten der Welt testen, unter anderem in Paris, Berlin, London, Jekatarinburg, Samara, Krasnojarsk, Kasan, Irkutsk, Wladiwostok, Twer und Uljanowsk.

In Nowosibirsk, der Heimat des Globalen Diktats, rief die Aktion einen regelrechten Ansturm hervor: Den Nowosibirskern wurde der Text persönlich von dessen Autor Sachar Prilepin diktiert. Der Schriftsteller gab an, dass ihn das große Interesse, das die Aktion in der ganzen Welt hervorgerufen hat, sehr erstaunt hat: „In allen Städten, in allen Zeitzonen der Welt, in denen ich in der letzten Zeit zu Besuch war, war dies stets das erste Thema. Ich habe das so verstanden, dass meine Lebensaufgabe offenbar darin besteht, an der Entwicklung des Globalen Diktats mitzuwirken.

In der Hauptstadt des Globalen Diktats wurde an vier verschieden Orten geschrieben, es nahmen ungefähr 600 Menschen teil. In der Moskauer Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften diktierte der Schriftsteller Dmitrij Bykows - im Audimax, in dem die Aktion durchgeführt wurde, gab es fast keinen freien Platz mehr. Die Mehrzahl der Teilnehmer sind Studenten, aber es machten auch solche Menschen mit, die seit Jahrzehnten keine Schule mehr von innen gesehen hatten.

Die Zehntklässlerin Maria dagegen schreibt ohnehin schon regelmäßig Diktate in der Schule. Die Aktion dient für sie also wohl kaum dazu, ihre Schreibkundigkeit auf den Prüfstand zu stellen: „Ich habe von diesem Globalen Diktat auf Facebook erfahren und war sofort Feuer und Flamme. Sogar in Paris wird heute dieses Diktat geschrieben — das ist doch abgefahren, oder? Das ist eine total originelle und coole Aktion, die die Menschen zusammenbringt. Von der Schule her sind wir es gewohnt, dass ein Diktat etwas Schwieriges und Unschönes ist, und hier machen die Leute freiwillig mit, weil es ihnen Spaß macht!“

Und tatsächlich kamen die Menschen aus dem Hörsaal mit freudestrahlendem Gesicht, aufgeregt wie in der Kindheit, und diskutierten über die besonders schweren Stellen. Auch wenn die Zensur des Diktats keinerlei Auswirkungen hat, hatten die Teilnehmer doch mit einer gewissen Aufregung zu kämpfen. Der Text des Diktats, in dem Sachar Prilepin seine Gedanken über die Zukunft des Landes schildert, erforderte ja schließlich auch ein ernsthaftes Herangehen an die Aufgabe.

„Ungenügend“

Die Prüfungsergebnisse, so wurde den Teilnehmern der Aktion versprochen, sollen bereits morgen verkündet werden. Jeder, der möchte, kann sich ein Teilnahmezertifikat mit seiner Zensur ausstellen lassen. Allerdings haben die Ergebnisse der vergangen Jahre gezeigt, dass über fünfzig Prozent der Teilnehmer der Aktion ein „Ungenügend“ erhalten. Dieses schlechte Abschneiden demotiviert nicht etwa, sondern spornt im Gegenteil dazu an, es das nächste Mal besser zu machen. Die Teilnehmer der letzten Jahre schreiben in den sozialen Netzen darüber: „Im vergangenen gehörte ich mit meinem Sechser zur Mehrheit. Deswegen versuche ich es in diesem Jahr unbedingt noch einmal — das kann ich nicht auf mir sitzen lassen“.


Dmitrij Bykow, Schriftsteller:

Dmitrij Bykow. Foto: Roferbia

„Das ist ein Beispiel dafür, dass nicht die Note das Entscheidende ist, sondern die Teilnahme. Die Aktion gewinnt immer mehr an Popularität. Das bedeutet, dass die Menschen immer besser schreiben und sich immer besser überprüfen wollen. Der Text des Diktats, den ich im letzten Jahr verfasst habe, war einfacher als der Text, den Sachar Prilepin geschrieben hat. In seinem Text hätte ich selbst wohl auch Fehler begangen, obwohl ich die Richtigkeit meiner Version begründen hätte können — es gibt Situationen, in der mehrere verschiedene Schreibweisen möglich sind.

Aber auch wenn mein Text einfacher war, gab es im vergangenen Jahr sehr viele „Sechser“. Viel Freude haben mir die Nowosibirsker bereitet, denn sie schreiben sehr gut. In anderen Städten  ist das Bild doch etwas trostlos.

Wissen Sie, was interessant ist? Früher haben die Leute praktisch ohne Kommata geschrieben, was einerseits Ausdruck mangelnder Schreibkundigkeit ist, anderseits aber ein Ausdruck von Freiheit darstellt. Heutzutage leben wir in der Epoche der Übervorsichtigen: Sie fürchten sich so sehr, etwas falsch zu machen und die Regeln zu verletzen, dass sie überall ein Komma setzen. Wenn man sie ließe, würden sie wohl hinter jedes Wort eines schreiben.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der Tageszeitung Rossijskaja Gaseta