Kaum eröffnet, die Gäste noch im Begriff, ihre ersten Wunschfilme auf dem Plan des ersten Festivaltages anzukreuzen und, wie es oft bei Filmfestivals ist, mit Bekannten ihre persönlichen Festivalprogramme zu vergleichen - da verbreitet sich die Nachricht wie eine Explosion: Sergei Losnitza, dem dieses Jahr die erste komplette Werkschau in Deutschland vom goEast-Festival gewidmet wird, ist mit seinem neuesten Spielfilm In the Fog in den Wettbewerb von Cannes aufgenommen worden. Es gibt vermutlich keine größere Freude für die Veranstalter eines Festivals als diese Form von Bestätigung. Selbst wenn wie jetzt , während der zwölften Ausgabe des Festivals, das Publikum zahlreicher zu sein scheint als je zuvor, wenn die mediale Aufmerksamkeit größer ist als sie jemals war, wenn das Programm vielfältiger ist, als man es von einem Festival in dieser Größe erwarten kann.

Entsprechend besucht sind die Vorstellungen des Loznitsas-Porträts, entsprechend rege die Diskussionen vor, nach und um die Werke des Filmemachers. Loznitsa realisierte bis zu seinem Spielfilmdebüt 2010 mit „Mein Glück“, der ebenfalls in Cannes lief, Dokumentarfilme - oft mittellang, teilweise fürs Fernsehen. Doch verweigerte er sich von Beginn an den vor allem bei Fernsehdokumentationen vorherrschenden Voice-overs oder Interviews. Auch Kameraarbeit und Musikuntermalung sind sehr zurückgenommen. Zur Auseinandersetzung mit Loznitsas Herangehensweise scheint sein persönlicher Hintergrund aufschlussreich zu sein. In Weißrussland geboren und in der Ukraine aufgewachsen, studierte Loznitsa zunächst Angewandte Mathematik. Die Exaktheit von Definitionen und Prozessen, wie sie in der Mathematik bedeutsam sind, prägten Loznitsas Filmschaffen. Denn als der Regisseur nach der Vorführung seiner ersten drei Filme am Donnerstag von einer Zuschauerin gebeten wird, etwas mehr zu der Metaphorik seiner Bilder zu sagen, erwidert er, dass er keine Worte habe dafür, sondern Film. Seine Filme verweigern sich gerade jener Eindeutigkeit, mit der Loznitsa in seiner ursprünglichen Arbeit konfrontiert war. Die exakte Wissenschaft scheint ihm nicht gereicht zu haben, um das Leben zu ergründen. Loznitsas Filme basieren also auf einer grundsätzlichen persönlichen Erkenntnis über die Welt.

Die Entscheidung, eine Losnitza-Werkschau im Programm aufzunehmen, ist bei goEast nicht der erste Beweis einer glücklichen Hand seitens der Programmgestalter. Schon seit den ersten Jahren gelang es dem Festival, mit der Entdeckung neuer Filmemacher aus ost- und mitteleuropäischen Ländern auf sich aufmerksam zu machen und sich somit als wichtige Plattform für Filme dieser Herkunft zu etablieren. Dies geschah in der Wettbewerbssektion, aber auch in den Kurzfilmprogrammen, den Rahmenveranstaltungen und, nicht zuletzt, im Rahmen der Förderung von Koproduktionen zwischen Osten und Westen in Zusammenarbeit mit der Robert Bosch Stiftung. So wurde Wiesbaden zu einem Entdeckungsort von Filmemachern, die nach goEast mit ihren Werken auf den großen internationalen Festivals - etwa Locarno, Venedig oder Cannes - Aufsehen erregten und, was für das Festival besonders wichtig ist, nicht aufgehört haben, ihre Beziehung zur Landeshauptstadt Hessens weiterhin zu pflegen. Besonders erwähnenswert in dieser Hinsicht ist eine junge, inzwischen etablierte Generation von russischen Filmemachern, darunter Boris Chlebnikov, Aleksey German Jr., Aleksey Popogrebsky und Aleksey Fedorchenko, die einem filmaffinen Publikum längst ein Begriff sind.

 

Erfolg und weitere Pläne

Der Schlüssel zum Erfolg ist ein reger Blick auf die Landschaft, auf neue, aufkeimende Kinematographien, betont die omnipräsente Leiterin Gaby Babic, und eine ständige Neuerfindung der Veranstaltung. So wurde unter ihrer Führung im letzten Jahr die Sektion „Beyond Belonging“ mit dem Schwerpunkt Diaspora ins Leben gerufen und dieses Jahr mit dem Thema „Proteste im Film“ fortgesetzt. Eine mutige und willkommene Entscheidung, die es möglich machte, in diesen Tagen neben Werken von Meistern wie Andrzej Wajda, Harun Farocki und Kote Mikaberidze filmische Beobachtungen zu sehen, die sich mit Protesten und politischen Bewegungen der letzten zwanzig Jahre auseinandersetzen - ob in Russland, Polen, Bulgarien oder Kroatien. Nicht weit entfernt davon liegt der diesjährige Fokus des Festivals auf das für viele immer noch sehr unbekannte Filmland Georgien, eine Erweiterung der 2011 von goEast gesetzten Akzente und, wie die Kinosäle es bezeugen, ein Thema, das auf beträchtliches Interesse stößt.

Diese Neugierde des Festivals um Kinematographien aus dem ehemaligen Ostblock expandierte 2011 geographisch weiter nach Osten. So finden sich dieses Jahr im Wettbewerb neben Dauergästen des Festivals wie etwa Rumänien, Bulgarien, oder Russland auch Filme aus Usbekistan und Kasachstan. Filme, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, mit ehemaligen gesellschaftlichen Strukturen und, implizit, mit Denkweisen, wie etwa im Historienfilm „Blei / Churgoschin“ von Zulfikar Musakov, oder „Für Mutter der Himmel / Ray dlya mami“ des in Deutschland schon bekannten Regisseurs Aktan Arym Kubat. Geschichte ist ohnehin ein Thema des Festivals, auch weil es natürlich eines ist, das die Gegenwart prägt. Das zeigen beispielsweise die russischen Wettbewerbsbeiträge. „Beduine / Beduin“ des postmodernen Regiestars Igor Voloshin, der Wiesbaden bereits mit „Ich bin / Ya“ und „Nirvana“ begeisterte, ist dabei im Gegensatz zu seinen Vorgängern ein sehr nüchterner Film, ein Drama der Suche nach Auswegen aus bedrückenden gesellschaftlichen Verhältnissen, metaphorisch durch eine Krebserkrankung der Hauptfigur Rita unterstrichen. Ebenso „Leben / Zhit“, ein osteuropäischer diskursiver Episodenfilm über die Waage zwischen schwierigen Lebensverhältnissen und dem Tod.

Wie so oft im russischen Film, entspringt diesen harten Ausmalungen der Wirklichkeit eine ideelle Ebene, denn die Filme sind Studien von Mentalitäten, von Zusammenhängen zwischen Geist und Wirklichkeit, zwischen Individuum und Gesellschaft. Es sind, in gewisser Weise, Märchen, typische pessimistische Filmmärchen aus einem Land, das exemplarisch für den Ostblock in seiner Kunst die Identitätssuche und Orientierungslosigkeit nach der Abkehr vom kommunistischen Regime ergründet.

Lenfilm-Symposium

Damit gelangen wir zu unserer Lieblingssparte des Festivals, die in ihrer Einzigartigkeit einen Vergleich von goEast mit den großen internationalen Festivals ohne Zweifel zulässt: das Lenfilm-Symposium. Kuratiert von Olaf Möller und Barbara Wurm, bietet die Film- und Vortragsreihe einen allzu seltenen fundierten Blick auf das älteste Filmstudio Russlands. Eine Würdigung zum richtigen Zeitpunkt, geriet doch in den letzten Monaten das von Privatisierung bedrohte Studio durch die Bemühungen von Aleksey German und Aleksandr Sokurow in die Aufmerksamkeit der internationalen Presse. Politisch immer ein Stück entfernt von Mosfilm, der anderen großen russischen Filmschmiede, dem Zeitgeist nie richtig entsprechend, sind die Filme stets geprägt von einer Lenfilm-Signatur, ist das Studio doch ein filmhistorisch essenzieller Bestandteil der Identität Russlands, so Olaf Möller. Und Namen wie Tschapaew oder Maxim bürgen dafür stellvertretend für ein Millionenpublikum. So ist es im Nachhinein keineswegs eine Überraschung, die Lenfilm-Vorstellungen stets überfüllt zu erleben, von Cineasten sowie vor allem von einer kompakten russischen Zuschauergemeinde, die sich diese mühsam aus zehn Länderarchiven ausgesuchten Filme von Fridrich Ermler, Grigoriy Kosintsev oder Gerbert Rappaport in Erinnerung rufen oder die großen Unbekannten, etwa Ilya Averbakh, kennenlernen möchten. Denn ja, Lenfilm trägt beträchtlich dazu bei, dass Wiesbaden in diesen Tagen zu einem Mekka wird für Liebhaber des osteuropäischen Films.