Zwischen Januar und April lag der Rückgang der Gaslieferungen in das so genannte „ferne Ausland“ bei zwölf Prozent. Im Mai könnte es 20 Prozent sein. 

Eine Quelle in der Gazprom-Zentrale erläuterte, dass der aktuelle Trend vor allem wegen des enormen Erfolgs im Vorjahr negativ aussehe. Damals habe der Gasriese seinen Export nach Europa trotz der geschrumpften Nachfrage wesentlich vergrößert (um 20,5 Prozent im April und um 27,8 Prozent in der ersten Maidekade), betonte er. Wie Gazprom-Chef Alexej Miller damals kundtat, wurden täglich bis zu 500 Millionen Kubikmeter Gas geliefert. 

Ein weiterer Faktor habe eine gewisse Rolle gespielt, sagte ein anderer Gazprom-Insider. Anfang 2011 sei das russische Gas billiger für die Europäer als das norwegische gewesen, was mit der Dynamik der damaligen Ölpreise übereingestimmt habe. „Deshalb kauften die Kunden in den ersten Monaten 2011 deutlich mehr billigeres russisches Gas.“ 

Sollte der aktuelle Trend anhalten, könnte Gazproms Exportplan für dieses Jahr (150 Milliarden Kubikmeter) nicht in Erfüllung gehen, so der Analyst des Investment- und Finanzhauses Kapital, Vitali Krjukow. „Falls die Exportlieferungen im Sommer weiterhin sinken werden, dann wird Gazproms Export am Ende des Jahres bei 140 bis 145 Milliarden Kubikmeter liegen.“ Der Plan wäre nur unter zwei Bedingungen erfüllbar: Wenn das Wetter im Juli und August sehr heiß und im November und Dezember sehr kalt wäre, so der Experte. 

Bei einem Jahresexport von 140 Milliarden Kubikmeter Gas könnten Gazproms Einnahmen auf 56,7 Milliarden Dollar (gegenüber 57,6 Milliarden Dollar im Vorjahr) schrumpfen. (Zuvor hatte die Holding ihre Preisprognose für Europa auf 405 bzw. 415 Dollar pro 1000 Kubikmeter gesenkt.)

Gazproms Führungsriege sorgt sich um die Absatzschwierigkeiten auf dem europäischen Markt. Vor einem Monat wurde das Thema Exportrückgang in einer Sitzung des Aufsichtsrats besprochen. Die zunehmende Konkurrenz in Europa wurde als wichtiger Faktor ausgemacht. 

In den letzten Jahren seien viele Unternehmen entstanden, deren Preise an die Gasindexe gebunden seien, stellte der Gazprom-Aufsichtsrat fest. Darüber hinaus seien die Kapazitäten der europäischen Gasverflüssigungs- und Regasifizierungsterminals wesentlich gewachsen. 

Angesichts dessen fordern viele Kunden Zugeständnisse von Gazprom. Gazprom muss Zugeständnisse machen. Das System der langfristigen Gasverträge mit der Bindung an die Ölpreise will der Gasriese aber nicht abschaffen. 

Der russische Gaskonzern räumt ein, dass ein wesentlicher Ausbau der Lieferungen nach Europa in kurzfristiger Perspektive kaum möglich ist. Langfristig aber (bis 2030) werden die Einnahmen wieder steigen. 

Gazproms Sturheit in Bezug auf die Exportpreise werde zum weiteren Rückgang der Gaslieferungen nach Europa führen, vermutete der Exekutivdirektor von East European Gas Analysis, Michail Kortschemkin. 2013 bzw. 2014 kämen nach seiner Auffassung etwa 130 Milliarden Kubikmeter jährlich infrage. 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei RIA Novosti.