Tschechow dramatisch und in leisen Halbtönen

Der Stanislawski-Forscher Dieter Hoffmeier stellte Erinnerungen der Gründer des Moskauer Künstlerischen Theaters zusammen, endlich nun auf Deutsch.
Konstantin Stanislawski, Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko: „Tschechow oder die Geburt des modernen Theaters“. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Dieter Hoffmeier, Alexander Verlag Berlin, 360 Seiten, 24,99 Euro. Amazon

Zunächst eine kleine Warnung: wer viel über das Leben von Anton Tschechow erfahren möchte, sollte die spannende Biographie von Donald Rayfield lesen, die 1997 auf Englisch, 2008 auf Russisch erschien. Denn Tschechow oder die Geburt des modernen Theaters ist ein Buch über die Entstehung und die Anfangsjahre des berühmten Moskauer Künstlerischen Theaters unter Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko und Konstantin Stanislawski, über die Impulse und Handlungen, die 1897/1898 zu seiner Gründung führten, über die Konflikte, die sich in den Weg stellten. Und dennoch ist es auch ein Buch über Tschechow, der dem Theater mit seinen Stücken zum Durchbruch verhalf und es zum legendären Tschechow-Theater werden ließ.

Der Stanislawski-Forscher, Herausgeber und Übersetzer Dieter Hoffmeier stellte Erinnerungen der beiden Theatergründer zusammen, endlich nun auf Deutsch. Nemirowitsch-Dantschenko hebt als erfahrener Dramaturg und Theatermensch mit sicherer Hand die wichtigen Ereignisse dieses Theaterdramas hervor, er führt den Leser gefühlsmäßig immer mehr hinein, so dass er Zeuge wird, wie Stanislawski um fünf Uhr morgens einem Schauspieler irgendwo im eiskalten und dunklen Theater zeigt, wie man einen Degen führt oder wie er mit Stanislawski bei einem Bittgang um Geld demütigend vom Adel abgekanzelt wird. Zu Anfang taucht Tschechow nur skizzenhaft auf. Dagegen erfährt man viel Details über das damalige kulturelle und soziale Leben in Russland. Der Kampf des Neuen gegen das Alte offenbart Großzügigkeit und Großherzigkeit der russischen Kaufmannschaft (heute würde man den Mäzen Sawwa Morosow einen Oligarchen nennen), und in Konventionen erstarrte Denkformen andrerseits, die sich im Theater in Form von Schablonen, Grobheit und Rührseligkeit äußerten. Die Konflikte des neuen bürgerlichen Theaters mit der zaristischen Zensur und der russisch-orthodoxen Kirche, die Stücke von Byron, Wilde und Hauptmann (Hanneles Himmelfahrt) verbot, zeigt eine gesellschaftliche Kluft auf, die auch heute wieder aktuell scheint.

Die Verbote treiben das junge Theater fast in den Bankrott. Erstaunlich modern erscheinen vor diesem Hintergrund die Aktiengesellschaft als wirtschaftliche Basis und der kühne ästhetische Entwurf. Dann betritt Tschechow mit seiner Kunst der feinen Schattierungen und leisen Halbtöne endlich die Bühne, zwei Jahre nach der Uraufführung seines Stücks Die Möwe in Petersburg, mit dem unbeschreiblichen Skandal, als er tief verletzt nie mehr für das Theater schreiben wollte. Die Moskauer Premiere der Möwe wird zu einer nervenaufreibenden Zitterpartie: Stanislawski will vor Angst seinen Namen vom Plakat streichen lassen, Tschechows Schwester Marija will die ganze Premiere verhindern… und es kommt doch zum umjubelten Erfolg, später zur Ausbreitung eines Tschechowschen Weltgefühls im Theater. Gebannt und oft amüsiert folgt man als Leser dem Geschehen.

Stanislawskis Erinnerung schildert sehr genau, farbig und lebhaft, oft komisch zugespitzt, aber auch die tragischen Untertöne zeichnend, seine Erlebnisse mit dem berühmten kranken Schriftsteller und Arzt. Er nahm sogar seine Strenge wahr - Tschechow kannte in der Kritik über die Darstellung seiner Figuren keinerlei Rücksicht.

Gewisse Probleme dürfte es allerdings für einen nicht Russisch Sprechenden mit der Erkennbarkeit der Theaternamen geben, auch in den zahlreichen Anmerkungen. Wer identifiziert schon unter dem Moskauer kaiserlichen Kleinen Theater das dem Zaren unterstellte Maly Theater oder unter dem Großen das Bolschoj? Das älteste Theater Russlands in St. Petersburg, nach Alexandra, der Frau von Zar Nikolaj I. benannt, wurde zwar in der Sowjetunion in „Puschkin Schauspielhaus“ umgetauft, im Volksmund aber blieb es stets das „Alexandrinsky“. Seit der Wende kann man es auch offiziell so wiederfinden.

Übrigens: Kain, das von der Kirche zur Aufführung verbotene Stück von Lord Byron, wurde kürzlich, nach über 100 Jahren, am Moskauer Theater „Schule für Dramatische Kunst“ inszeniert, auch dieses ein explizit „Allgemein zugängliches Theater“, wie sein berühmtes Vorbild.

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