Nächste Station: Gemäldegalerie

Das Leben in Moskau ist so rasch geworden, dass nur wenige Menschen sich leisten können auswendig Zeit für Museumsbesuche widmen. Doch jetzt kann man in der Haupstadt auch bei der U-Bahn Fahrt wohl die klassiche Kunst genießen.
Der Metrozug "Aquarell" an der Station "Slawjanskij Bulwar". Foto: Jörg Bruchertseifer.
Der Metrozug "Aquarell" an der Station "Slawjanskij Bulwar". Foto: Jörg Bruchertseifer.

Wer Moskauer Metro hört, der hat sofort ein Bild vor Augen: prunkvolle Stationen mit farbigen Marmorwänden, schweren Kronleuchtern an den Decken und allerlei Zierrat, der an die Sowjetzeit erinnert. Diese Paläste für das Volk sollten laut dem Volkskommissar für Verkehr Kaganowitsch den Geist anregen und erhellen. Am 15. Mai 1935 nahmen die ersten 13 Stationen auf einer Länge von gut 11 km den Betrieb auf. Heute sind es 185 Metrostationen mit einer Betriebslänge von 305 km und das Netz wächst noch, denn die Metro transportiert täglich 9 Millionen Menschen. Die Bahnen fahren zu Stoßzeiten alle 90 Sekunden und manchmal scheint der Strom der Fahrgäste endlos. Man fürchtet im Gedränge um die Leistungsfähigkeit der Rolltreppen und hört schon die nächste Bahn durch den Tunnel kommen.

Doch was kommt da mit dem unverwechselbaren Klang der Moskauer Metro in die Station gedonnert? Es ist der «Aquarell» – ein fünfteiliger Triebzug, der seit 2007 die Transport- und Kulturvielfalt Moskaus bereichert. Ein Zug mit Wagen, so farbig wie von der Malerpalette. Von außen zieren die Wagen Folien mit Blumen und Früchten. Das Innenleben erweckt eher den Eindruck einer rollenden Gemäldegalerie als den eines öffentlichen Verkehrsmittels. Die Wagons sind in den Farben braun, olive, dunkelblau, kirschrot und grau gehalten.

Im mittleren Wagenbereich wurden auf einer Seite die Sitze und Fenster ausgebaut und durch Reproduktionen berühmter Meisterwerke ersetzt. Spezielle Strahler an der Decke setzen die Gemälde ins rechte Licht. Die

erste Ausstellung umfasste Reproduktionen aus der Schule des Malers Sergej Andrijaka. Danach folgten Reproduktionen aus dem Russischen Museum in St. Petersburg und dem Moskauer Puschkin-Museum für bildende Künste. Seit 2011 kann man Bilder aus dem Kirower Wasnezow-Kunstmuseum bestaunen. Die Intention des Projekts erklärt in der so typischen blumigen Sprache, zumindest wenn es um Kunst geht, der Flyer, welcher extra zur Einführung des Zuges aufgelegt wurde: «Außerdem wird der ungewöhnliche Zug das Leben der Fahrgäste der hauptstädtischen Metro farbiger machen. Es erinnert an die Schönheit die so nahe ist, aber oft unbemerkt bleibt. Wer sich in die Metro hinab begibt, bekommt die Möglichkeit während der Fahrt in einem ungewöhnlichem schönen Zug auf angenehme Weise die Seele baumeln zu lassen.»

Dieser Zug reiht sich somit in die lange Tradition der bildenden Kunst in der russischen Hauptstadt ein. Schließlich reichen die Wurzeln der Tretjakow-Galerie, die nach der Sankt Petersburger Eremitage die bedeutendste Kunstsammlung des Landes ist, bis ins Jahr 1851 zurück.

Und wann kommt man in den Genuss der Kunst auf Rädern? Der Zug fährt im normalen Verkehr auf der Arbatsko-Pokrowskaja Linie. Anfangs war geplant, diesen Wagenzug nur außerhalb der Rush-Hour einzusetzen. Allerdings empfindet ein mitteleuropäischer Besucher die gesamte Betriebszeit in der Moskauer Metro als Stoßzeit. Später lief er einige Zeit in einem Umlauf mit publiziertem Spezialfahrplan. Heute braucht es etwas Glück, um ihn zu erwischen, da er in die normalen Umläufe eingereiht ist.

Schade, wenn man an seiner Zielstation angekommen ist und noch nicht alle Kunstwerke eingehend betrachten konnte. Entweder war es zu voll oder die Strecke zu kurz. Auf jeden Fall steigt man mit der Gewissheit aus, dass „Russland mit Verstand nicht zu verstehen ist", wie es in einem Gedicht von Fjodor Tjutschew aus dem Jahre 1866 heißt. Und man freut sich schon auf die nächste Fahrt mit dem «Aquarell».

Jörg Bruchertseifer ist Bundesvorsitzender des Fahrgastverbandes PRO BAHN und erkundet mit seiner Frau Heike Europa vorzugsweise mit Bahn und Bus. Dabei übernimmt er die logistische Organisation und sie setzt die kulturellen Impulse.

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