Der diesjährige Petersburger Dialog in Moskau stand unter dem Thema „Russland und Deutschland – die Informationsgesellschaft vor den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts". Zum 12. Mal trafen sich zivilgesellschaftliche Vertreter beider Länder, um politische und soziale Fragen zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und Felder gemeinsamer Zusammenarbeit auszuloten.

In diesem Jahr waren auch erstmals junge Teilnehmer aus Russland und Deutschland eingeladen. Sie engagierten sich in den Arbeitsgruppen „Politik", „Wirtschaft", „Medien", „Zivilgesellschaft", „Bildung und Wissenschaft", „Kultur", „Zukunftswerkstatt", „Kirchen in Europa" und äußersten ihre Sichtweisen zur deutsch-russischen Zusammenarbeit bei den anschließenden Gesprächen.

Im Vorfeld des Dialoges schlugen die Wellen hoch. Neue Gesetze in Russland stießen auf Unverständnis auf deutscher Seite und entfachten

einen medialen Sturm der Entrüstung. Unter Federführung des Russlandbeauftragten Andreas Schockenhoff wurde ein Antrag im Bundestag verabschiedet, der „deutliche Worte an Moskau fordert". Von russischer Seite reagierte man verärgert. Als Reaktion verweigerte man die Zusammenarbeit mit Schockenhoff. Von Seiten der deutschen Regierung ließ man ausrichten, dass nicht jede Kritik Verleumdung sei und die Besetzung der Ämter nicht durch das Ausland bestimmt werde. Die Töne verschärften sich und Titel wie „Petersburger Dialog vor dem Aus?" suggerierten gar das Ende des deutsch-russischen Gesprächsforums. Die Aussicht auf zielführende Gespräche schienen im Vorfeld getrübt oder gar aussichtslos.

Langfristig angelegter Gedankenaustausch


Entgegen dem in den deutschen Medien gezeichneten Stimmungsbild zeigte sich der Petersburger Dialog aufgeschlossen und konstruktiv. Standpunkte wurden erörtert und zum Teil auch hitzig debattiert. Der Dialog war vom Einvernehmen und der Einsicht geprägt, dass ein langfristig angelegter Gedankenaustausch über alle zivilgesellschaftlichen Fragen hinweg von enormer Wichtigkeit ist.

Verschiedene Initiativen der letzten Jahre haben gezeigt, dass der Petersburger Dialog bedeutende Impulse für die deutsch-russische Zusammenarbeit geben kann. Die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch wurde 2004 gegründet und ermöglichte es bisher über 80.000 Jugendlichen, Lehr- und Fachkräften ein tieferes Verständnis für die jeweils andere Kultur und Mentalität zu entwickeln.

Im Rahmen des 2006 gegründeten Koch-Metschnikow-Forums finden zahlreiche Kongresse und Workshops im Bereich Gesundheitswesen statt. Die Besorgnis um die rasanten Resistenzentwicklungen der Tuberkuloseerreger gegenüber Antibiotika in Russland führt die Notwendigkeit solcher Kooperationen vor Augen. Ein weiteres Projekt des Dialoges ist die Begleitung des Aufbaus eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach deutschem Vorbild, der neue Möglichkeiten für die zukünftige Gestaltung der russischen Medienlandschaft bietet.

Lehrbeispiel für Interkulturelles Management


Ein Runder Tisch befasste sich mit dem Thema „Die Kunst einander zuzuhören – Diskussion brennender Fragen". Hier wurden strittige

Fragen noch einmal aufgegriffen und aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Innenpolitische Geschehnisse wie die Verurteilung der Punkband Pussy Riot, die neuesten Gesetze zur der Einschränkung des Internets oder der Bezeichnung in Russland tätiger und vom Ausland (finanziell) unterstützter Mitarbeiter von NGOs als Agenten standen dabei besonders im Fokus der Diskussion. Von russischer Seite war die Antwort stets von persönlicher Betroffenheit überlagert. Der Ball wurde zurückgespielt und innenpolitische Probleme um die deutsch-deutsche Wiedervereinigung sowie die Bewertung von Politik im Sinne doppelter Moral thematisiert. Man werde nicht uneingeschränkt das westliche Wertemodell übernehmen, da sich die Europäische Union und die USA selbst in einer tiefen Krise befinden.

Marieluise Beck von den Grünen sowie der CDU-Abgeordnete Andreas Schockenhoff betonten, dass sie nur wohlwollende Kritik anbringen, doch diese kam auf der Sachebene nicht an. Die Diskussion wurde auf eindrucksvolle Art und Weise auf der Beziehungsebene ausgetragen. Ralf Fücks von der Heinrich-Böll-Stiftung sprach gar von einer neuen Qualität der Gespräche auf „emotionalem Boden". Es wurde aneinander vorbeigeredet. Die Erfahrungen aus diesem Rundtischgespräch könnten sehr gut ein Lehrbeispiel für Interkulturelles Management darstellen.

Ergebnisse des Petersburger Dialoges


Als Abschluss des Petersburger Dialoges wurden unter Beisein des russischen Präsidenten Wladimir Putin und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen vorgestellt. Vertreter des Deutsch-Russischen Jugendparlamentes wandten sich mit der Bitte an den Petersburger Dialog, den „deutsch-russischen Jugendaustausch auf ein neues Niveau zu heben", indem zu diesem Zweck eine „Institution" gegründet wird. Merkel bekräftigte, dass der Peterburger Dialog ein „Knotenpunkt" der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland sei. Wir „wollen, dass Russland erfolgreich ist", betonte sie.

Die den Regierungskonsultationen vorausgegangenen Kritikpunkte um die Punkband Pussy Riot und die neusten russischen Gesetze wurden ebenfalls diskutiert. Jedoch wurde darauf verwiesen, dass man „aufeinander hören" sollte, da wir „im Geiste Freunde sind", so Merkel.

Noch am gleichen Abend der Zusammenkunft titelte der Spiegel „Merkel und Putin spielen kalten Frieden" und die Bild-Zeitung sprach vom „Gift-Gipfel in Moskau". Als junge Teilnehmerin des Petersburger Dialoges zeigten sich mir zwei Perspektiven: die Begebenheiten auf dem Petersburger Dialog aus eigener Sicht und die Interpretation einiger auflagenstarker Medien, die oft ein zugespitztes und vereinfachtes Bild des russisch-deutschen Dialoges zeichneten. Dem Diktat der Quote folgend wird leider zu häufig auf eine ausgewogene und differenzierte Darstellung der Ereignisse verzichtet.

Gutgemeinte Kritik wird dadurch ins Gegenteil verkehrt und als Affront im Ausland wahrgenommen. Eine Einflussnahme auf die Gegebenheiten ist so leider kaum zu erreichen und eine Verbesserung unserer Beziehungen zu Russland wird dadurch eher erschwert. Sich selbst zu reflektieren, um auf gleicher Augenhöhe die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts angehen zu können, wäre sehr wünschenswert.

Jana Wandrowski (25 Jahre) ist Studentin der Humanmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Doktorandin im Bereich Ethik in der Medizin. Sie ist väterlicherseits russischer Herkunft und hat verschiedene Regionen Russlands bereist. Ihre Eindrücke mündeten in der Fotografie-Ausstellung „Liebenswürdiges Russland" (Berlin, 2007). Dieses Jahr nahm sie als Jugend-Delegierte am Petersburger Dialog in Moskau teil. Dort gehörte sie der Arbeitsgruppe „Bildung und Wissenschaft" an.