„Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ von den Brüdern Lumière ging in die Geschichte ein. Der Stummfilm aus dem Jahr 1895, der nichts anderes zeigt als einen Zug, wie er in den Bahnhof einfährt, und Fahrgäste, die aussteigen und ihr Gepäck tragen, veranlasste nicht nur den jungen Autor Maxim Gorki zu einer panisch anmutenden Rezension. Wie andere Zuschauer auch hatte Gorki die Furcht, dass der Zug die Leinwand verlassen und „das Haus und die Zuschauer in Schutt und Asche zerlegen und zerstören“ würde.

Die Ankunft eines Zuges auf dem Berliner Ostbahnhof wird wohl ebenfalls in die Geschichte eingehen – aber nicht wegen etwaiger Horrorvisionen, wie Gorki sie hatte. Mit einer kleinen Verspätung traf am Sonntagmorgen ein Zug ein, der die Strecke zwischen Moskau und Berlin schneller gemeistert hat als jeder andere Zug in der Geschichte der Bahn – in nur 20 Stunden.

Eine kleine Gruppe von Journalisten, Vertretern der Deutschen Bahn, russischen Diplomaten und spanischen Ingenieuren hatte sich um sieben Uhr morgens am Gleis versammelt, um die Ankunft des Zuges zu begleiten. Ein paar Reden wurden gehalten. „Das ist nur der erste Zug“, sagte der Vertreter der russischen Botschaft, „viele weitere werden folgen“.

Schnell und komfortabel

Das Begleit- und Servicepersonal nach der Ankunft des ersten Zuges im Berliner Ostbahnhof.  / Viacheslav Strekozov (FPC)Das Begleit- und Servicepersonal nach der Ankunft des ersten Zuges im Berliner Ostbahnhof. / Viacheslav Strekozov (FPC)

Die Fahrgäste, die aus Moskau angereist kamen und nun ihre Betten in den Schlafwaggons verlassen mussten, waren von dem Trubel so früh am Morgen nicht sonderlich begeistert. Die meisten verschwanden schnell in den Weiten des riesigen Bahnhofs. „Wozu die ganze Aufregung?“, fragte auch Aleksej, der kurz am Bahnsteig stehen blieb. „Was hat sich schon großartig verändert?“, sagte der 50-Jährige verwundert, der die Strecke von Moskau nach Berlin regelmäßig mit der Bahn fährt. Dennoch pries er Qualität und Komfort der neuen Waggons.

Aleksej hat Recht: Dass es zwischen Moskau und Berlin eine moderne, sichere und schnelle Zugverbindung geben muss, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Umso kurioser ist es, dass in den 150 Jahren des bestehenden Zugverkehrs zwischen Russland und Europa das Problem der Spurweitendifferenz erst im Jahr 2016 gelöst wurde. Der neue Zug, der unter der Marke „Strizh“ zweimal die Woche zwischen Moskau und Berlin pendeln wird, schafft die Spurweitenanpassung, die im belarussischen Brest erfolgt, in nur 20 Minuten. Die älteren Züge brauchen dafür zwei Stunden.

Doch lieber spät als nie – die Zugreise nach Moskau war noch nie so schnell und so komfortabel. Komfort bedeutet in erster Linie ausreichend Platz. Und das bieten die Waggons des spanischen Herstellers Talgo ganz hervorragend – selbst in der zweiten Klasse sind die Zugabteile geräumig, die Betten richtig groß und gemütlich. Die Liegen sind breiter und länger als in normalen russischen Zügen, von den europäischen, zum Beispiel auf der Strecke zwischen Berlin und Wien, ganz zu schweigen. Ja, in diesem Zug kann man richtig gut schlafen.

Die Talgo-Züge haben sich bereits sehr gut auf der Strecke zwischen Moskau und Nischnij Nowgorod bewährt. Was im Zug nach Berlin wirklich neu ist: Ein Handwaschbecken ist in jedem Zugabteil vorhanden, selbst in der zweiten Klasse. Sicher ist fraglich, ob das notwendig ist, doch an Hygiene wird hier eben nicht gespart.

Hightech trifft russische Gemütlichkeit

Ein Blick ins Innere eines Wagens des STRIZH.  / RBTHEin Blick ins Innere eines Wagens des STRIZH. / RBTH

Auch im Bordrestaurant möchte man gern länger verweilen. Hier haben die Spanier ein wahres Kunststück vollbracht, eines, auf das die ICE-Produzenten Siemens und Bombardier neidisch sein können: Sie haben altmodischen Charme, die Gemütlichkeit des traditionell gemächlichen russischen Abendessens, und Hightech zusammengeführt.

Zudem sind die Preise günstiger als in Moskau. Das teuerste Gericht, ein Black-Angus-Steak kostet ungefähr 22 Euro. Blinis mit Honig 3,50 Euro, Borschtsch fünf Euro, baltische Sprotten mit Toast sieben Euro. Das Baltika-Bier – 3,50 Euro – wird leider nur bis zur polnisch-weißrussischen Grenze serviert. „Alkohol und Fleischprodukte dürfen wir nicht über die Grenze transportieren“, erklärt der Restaurantmitarbeiter – eine weitere unsinnige Regel, die das Leben schwerer macht.

Eigentlich ist an dem ganzen Zugprojekt nichts auszusetzen – außer, dass kein Europäer das russische Wort „Strizh“ je wird aussprechen können. Übersetzt bedeutet es „Mauersegler“, ein kleiner Zugvogel. Darin kommt zufällig auch das Wort „Mauer“ vor, was den momentanen Stand der Beziehungen zwischen Europa und Russland treffend charakterisiert. Man kann nur hoffen, dass der „Mauersegler“ irgendwann ohne unnötige Grenzkontrollen, Sanktionen und Lebensmitteleinfuhrverbote die Strecke nach Moskau noch schneller schafft. Dann vielleicht in 15 Stunden? 

RBTH-Check:

Der „Strizh“ fährt jeden Samstag und Sonntag immer um 13.05 Uhr vom Moskauer Kurskij-Bahnhof ab. Von Berlin fährt er sonntags und montags um 18.05 Uhr wieder zurück. Haltestellen gibt es in Smolensk, Minsk, Warschau, Rzepin und Frankfurt (Oder). Fahrscheine gibt es ab 170 Euro.

Dossier: 100 Jahre Transsibirische Eisenbahn