Was es heißt, in Russland homosexuell zu sein

Angesichts der aktuellen Ereignisse wie der Gesetzgebung gegen „homosexuelle Propaganda“, geringer Akzeptanz von Homosexualität in der Bevölkerung und sogar Repressionen beantworten zwei Homosexuelle für uns die Frage: Kann man heute in Russland homosexuell sein und normal leben?
Foto: Reuters
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„Das ist möglich, sofern man Kompromisse macht“, meint Jana Mandrykina, 35 Jahre, Teilhaberin eines Immobilienmaklerbüros. „Man muss seine sexuelle Orientierung vor seinem Umfeld geheim halten und etwas schauspielern. Für manche führt das sogar zu einer falschen Heirat“, erklärt sie und sieht ihrem Gesprächspartner direkt in die Augen. Alles an ihr weist auf einen starken Charakter und viel Energie hin. Entspannt und mit einem Lächeln meint Jana, dass sie in ihrem beruflichen und privaten Leben erfolgreich sei. Jeden Gedanken an eine „Behinderung“ lehnt sie daher ab: „Meine Homosexualität hat mich in keiner Weise daran gehindert, mich selbst zu verwirklichen. Mich nicht und auch nicht meine Freunde. Mein Bekanntenkreis umfasst ungefähr 700 Personen. Das sind alles Menschen, die gesellschaftlich sehr akzeptiert sind, Menschen mit einem gehobenen Einkommen, die es in Gesellschaft und Beruf zu etwas gebracht haben.“

Jana: „Es müssten sich mehr von uns outen“

Was Jana und ihre Freunde verbindet, sind bestimmte menschliche Qualitäten – vielleicht aber auch die Ablehnung des intoleranten oder auch einfach nur schlecht informierten Teils der Bevölkerung. „Dank oder wegen unseres Unterschieds haben wir die Fähigkeit erworben, uns zu verteidigen, uns zu verstecken, zu kämpfen“, analysiert sie selbstbewusst und gesteht nebenbei ein persönliches Interesse am Studium der Psychologie ein.

Das steht im Gegensatz zum Stereotyp des empfindlichen und passiven Homosexuellen. Sind die Homosexuellen Russlands Kämpfer? Einige stehen zu ihrer Homosexualität, andere verstecken sie.

Jana hat im vergangenen März beschlossen, die Anonymität aufzugeben und hat ihre sexuelle Orientierung offen kundgetan. Foto: aus dem persönlichen Archiv

Wie viele ihrer Freunde kommt Jana vom Land und hat sich ganz allein in der russischen Hauptstadt ihren Platz gesucht. Dafür sind allerlei Anstrengungen und harte Arbeit vonnöten. „Ich komme aus Twer, das liegt 200 Kilometer nördlich von Moskau“, sagt sie. „Es ist in der Tat einfacher, in einer großen Stadt wie Moskau frei zu leben als in einer kleinen Provinzstadt, wo jeder jeden kennt.“

Sie betont, dass es in der Hauptstadt eine große homosexuelle Gemeinde gebe mit ihren Hobbys, ihren Treffpunkten, ihren gesellschaftlichen Ereignissen. „Das Freizeitangebot ist beachtlich: von rauen, bierseligen bis hin zu romantischen oder ausgelassenen Abenden ist alles dabei“, erzählt sie lächelnd.

Laut Jana gibt es in der zweitgrößten Stadt des Landes, Sankt Petersburg, sogar eine noch weiter entwickelte Gemeinschaft als in Moskau. „Zu Beginn des Jahrtausends haben wir überhaupt nicht daran gedacht, uns im Aktivismus zu engagieren oder uns für die Verteidigung der Rechte Homosexueller einzusetzen“, erinnert sie sich. „Wir haben uns vollkommen unserem beruflichen Erfolg gewidmet. In erster Linie haben wir daran gedacht, unsere Jugend und unsere Freiheit zu genießen.“

Doch Jana hat im vergangenen März beschlossen, die Anonymität aufzugeben. Sie hat „den Wandschrank verlassen“, zur selben Zeit wie rund 30 andere Schwule und Lesben. Sie alle haben ihre sexuelle Orientierung offen in Afisha kundgetan, einem Moskauer Kulturmagazin – ein Protestakt gegen die homophobe Welle, die ihrer Ansicht nach das Land überschwemmt.

Die Entscheidung sei ihnen nicht leicht gefallen. „Ich hatte große Angst, meine sexuelle Orientierung zu enthüllen“, gesteht sie. „Als Individuen haben wir alle Angst davor, zurückgewiesen zu werden. Ich habe 35 Jahre gewartet, um diese Hürde zu nehmen. Bisher wussten meine Eltern nichts davon. Für meinen Vater, ein Pilot beim Militär, war Homosexualität eine Tabu.“

Jana schätzt, dass die Eltern nur bei der Hälfte ihrer homosexuellen Freunde Bescheid wüssten. Sie gehört zu einer Minderheit von Homosexuellen, die bereit sind zu kämpfen, um ihre Rechte zu schützen.

„Es müssten sich mehr von uns outen“, meint sie. Zugleich gibt sie aber zu, um ihre Sicherheit zu fürchten. „Ich habe Angst, auf der Straße von irgendeinem Hitzkopf angegriffen zu werden. Die Homophoben schrecken nicht davor zurück, Frauen zusammenzuschlagen.“ Jana zufolge seien nicht nur die Homosexuellen im Visier der, wie sie es nennt, „ultrakonservativen Wende der Regierung“. Sie sagt: „Alle Minderheiten stehen im Fokus, alle, die anders sind als die Masse.“

Dimitri: „Homophobie gibt es überall“

Dimitri, 25 Jahre, ein schöner junger Mann mit einer hohen Stimme, sieht die Dinge anders. „Meine Devise? Wenn wir gut leben wollen, müssen wir im Verborgenen leben! Meine Mutter ist die Einzige, die meine sexuelle Orientierung kennt. Und meine Freunde natürlich.“

Ob ihn sein Verhalten verrate? „Möglicherweise vermuten es einige meiner Arbeitskollegen, vielleicht wird hinter meinem Rücken getuschelt, aber mehr nicht. Ich bin vorsichtig. Und wenn man mich eines Tages feuern sollte, hätte ich kein Problem, anderswo einen neuen Job zu finden. Demnächst werde ich mich sowieso selbstständig machen“, erklärt Dimitri entschlossen. „Ich bin von Natur aus sehr findig und habe viele Beziehungen – zum Beispiel zu verheirateten Männern in Führungspositionen“, ergänzt er schmunzelnd.

Er interessiere sich nur wenig für den politischen Aktivismus und fühle sich kaum betroffen von dem neuen Gesetz, das homosexuelle Propaganda verbietet. „Das wird für mich nichts ändern. Ich bin gegen die ‚Schwulenparade‘, denn das bringt die Bevölkerung nur noch mehr gegen uns auf. Je weniger man darüber spricht, desto besser.“

Dimitri ist sowohl beruflich als auch privat häufig im Ausland. Er ist sich der anderen Einstellung im Westen deutlich bewusst, hegt aber trotzdem überhaupt nicht den Wunsch, auszuwandern. „Ich kann in Moskau gut meinen Lebensunterhalt verdienen, und mein Lebensstil unterscheidet sich in keiner Weise von dem eines Schwulen in Frankreich oder Großbritannien. Auch dort muss man leider manchmal aufpassen und bestimmte Viertel meiden. Homophobie gibt es überall!“

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