Teile mit deinem Nächsten: Russen entdecken das Foodsharing

14. Juli 2016 Oleg Skripnik
Brot wegzuwerfen, selbst wenn es vertrocknet ist, bringt Streit und Unglück. So besagt es ein altes russisches Sprichwort. Es stimmt, dass Russen Nahrungsmittel zu schätzen wissen, ihr Wert spiegelt sich unter anderem in der russischen Folklore wider. Das sich rasend schnell verbreitende Foodsharing-Konzept ist eine weitere Bestätigung.
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Immer mehr Russen verschenken Lebensmittel über das Internet. Quelle:Alexandra Legkaïa

Bestimmt hat jeder Mensch in der industrialisierten Welt im Leben schon einmal überreife Bananen, eine misslungene Torte oder aufgrund eines festen Diätvorhabens eine Packung Kekse entsorgt. Schließlich landet laut einer Statistik der Vereinten Nationen jährlich ein Drittel aller weltweit hergestellten Nahrung, rund 1,3 Milliarden Tonnen, im Müll.

Foodsharer sind damit nicht einverstanden. Wozu durchaus essbare Lebensmittel wegwerfen, wenn sie jemand gebrauchen kann? Die Foodsharing-Bewegung setzt sich dafür ein, nicht mehr benötigte Nahrungsmittel kostenlos an andere Menschen zu verteilen. Die Bewegung entstand in Deutschland, seit Kurzem gibt es Foodsharing nun auch in Russland.

Das Internet macht Essen verschenken einfach

„Wir sind ein strikt nichtkommerzielles Projekt, Tauschgeschäfte sind untersagt“, erklärt Alexandra Legkaja, eine 26-jährige Petersburgerin. Im Dezember 2015 gründete sie in dem russischen sozialen Netzwerk Vkontakte die Gruppe „Ich vergebe Essen gratis“ und wurde somit zum russischen Foodsharing-Pionier. Derzeit zählt das Projekt 20 000 Teilnehmer, neuen Gruppen schießen wie Pilze aus dem Boden – egal ob in Sibirien, Tatarstan oder Karelien.

Das Foodsharing-System ist simpel: Wenn jemand ein für ihn überflüssiges Glas marinierter Gurken abgeben möchte, geht er oder sie in die Gruppe und postet: „Die Gurken sind für meinen Geschmack zu salzig, ich gebe sie ab“. Auch die Adresse wird angegeben. Wer sich als erstes auf den Post meldet, ist der neue Inhaber der Ware. Es gelten keine sozialen Kriterien, nur eine schnelle Reaktion. Früher dachten sich Teilnehmer herzzerreißende Geschichten über zehn hungernde Kinder aus, die Organisatoren riefen jedoch dazu auf, sich vom Schreibtalent einzelner Benutzer nicht irreführen zu lassen und nach einem einzigen objektiven Kriterium zu urteilen – der Schnelligkeit der Antwort.

Privat verschenkte Lebensmittel sind dabei aber nur die Spitze des Eisberges. Die eigentliche Arbeit liegt ganz woanders: Täglich entsorgen Hotels, Restaurants und Fabriken in großen Mengen eigentlich durchaus brauchbare Lebensmittel. Doch während Privatpersonen überflüssiges Essen gerne teilen, fällt es den russischen Foodsharern schwer, große Firmen für eine Zusammenarbeit zu begeistern. Dennoch beteiligen sich Kleinbäckereien in Moskau, Sankt Petersburg und Krasnodar am Projekt. „In einem Laden in Krasnodar fand unsere Idee so große Unterstützung, dass man ab sofort die übergebliebenen Lebensmittel nach Moskau schicken wollte“, erinnert sich Legkaja. Einmal bekamen die „Essensretter“ völlig unerwartet eine ganze Palette Milch: In einem kleinen Laden war für ein paar Stunden der Strom ausgefallen, sodass die Milch im Kühlregal nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht mehr verkauft werden durfte. Sie einfach zu entsorgen kam für die Besitzer nicht infrage.

Die Bewegung steht noch am Anfang

Es fällt schwer, den durchschnittlichen Foodsharer zu beschreiben: Sowohl Studenten als auch Rentner, Geschäftsleute und Angestellte beteiligen sich. Der Großteil der Aktivisten will so für die Umwelt und eine vernünftige Verteilung von Ressourcen sorgen. So überrascht es nicht, dass sich viele der führenden Köpfe der neuen Bewegung gegen die Weitergabe von Fleisch stellen, da sie überzeugte Veganer sind. Die Foodsharer aus Sankt Petersburg sind eng mit russischen Vereinen zur Förderung einer vegetarischen Lebensweise und dem Tierschutz verbunden. Viele der Vereine verdanken ihre Bekanntheit der Foodsharing-Bewegung.

Im Mittelpunkt steht jedoch eine soziale Frage. „Viele unserer Teilnehmer sind Studenten, die hautnah wissen, was es bedeutet, sich so gerade über Wasser zu halten“, meint Nadeshda Medwedewa, Gründerin der Foodsharing-Gruppe in Tomsk, 2 800 Kilometer östlich von Moskau. In Woronesch, 460 Kilometer südlich der russischen Hauptstadt, wird das Foodsharing von der Heilsarmee übernommen.

Der Bewegung steht in Russland jedoch noch ein langer Weg bevor. „Viele fürchten sich vor der Reaktion ihres Umfelds. Sie lehnen es ab, etwas anzunehmen, um nicht als Bettler dazustehen“, klagen die Aktivisten aus Almetjewsk, 930 Kilometer östlich von Moskau. „Gruppen im Internet gelten nicht als seriös. Viele Menschen möchten nichts damit zu tun haben, sie möchten nicht einmal Essen annehmen“, beschwert sich Ekaterina Trawuschkina, Gründerin der Foodsharing-Gemeinschaft in Nowosibirsk, 2 800 Kilometer östlich von Moskau. Die Grundskepsis der Bevölkerung konnte allerdings vielerorts bereits überwunden werden und in Foodsharing-Foren werden derzeit täglich mehrere Dutzend Angebote gepostet.

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