Werden Abtreibungen in Russland verboten?

3. Oktober 2016 Oleg Jegorow
Russlands wichtigste Religionsvertreter und die Beauftragte für Kinderrechte fordern, Schwangerschaftsabbrüche als Leistung der Krankenkasse zu streichen oder gleich ganz zu verbieten. Doch mit wenig Erfolg: Das Gesundheitsministerium ist dagegen.
Abortion
"Kein Land wird blühen, wo man eigene Kinder umbringt", steht auf dem Plakat. Quelle:Alexey Kudenko/RIA Novosti

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. sorgte am Dienstag mit einer Unterschrift für Aufregung: Er unterzeichnete eine Petition, die ein umfassendes Abtreibungsverbot in Russland fordert. Die Verfasser – orthodoxe Aktivisten – sind der Ansicht, dass ein Mensch ab dem Moment seiner Zeugung als Lebewesen gilt. Deshalb setzen sie sich gegen chirurgische oder medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche ein.

Von der großen Welle der Empörung überrascht, versuchte der Pressesprecher des russischen Patriarchen Alexander Wolkow später zu relativieren: „Es geht in dieser Petition nicht um ein Verbot, sondern lediglich darum, Abtreibungen aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu streichen.“ Kyrill I. hätte die Petition nur unterschrieben, um dem Problem größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Gegner kritisieren staatlich finanzierte Abtreibungen

Dabei kann es nicht überraschen, dass sich das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche für ein Abtreibungsverbot einsetzt: Für die Kirche gilt, wie für andere christliche Kirchen auch, Abtreibung als Kindermord. So bemerkte der Journalist Iwan Dawydow denn auch ironisch auf Twitter: „So, wie viele reagiert haben, könnte man glauben, sie haben vom Patriarchen erwartet, er würde die sexuelle Revolution unterstützen. Tja, eine Riesenenttäuschung natürlich.“

Wladimir Legojda, Leiter der synodalen Abteilung für die Zusammenarbeit von Kirche, Gesellschaft und Massenmedien, stellte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Tass klar, worum es für die russisch-orthodoxe Kirche geht: Abtreibungen sollen keine kostenlose Leistung der Krankenversicherungen mehr sein, damit die Abtreibungsgegner nicht dafür zahlen müssen. Legojda träumt von einer Gesellschaft, in der es keine Schwangerschaftsabbrüche mehr gibt. Die Abschaffung von staatlich finanzierten Abtreibungen sei der erste Schritt.

Rückenwind bekommt die Kirche von den Muslimen in Russland. Der Oberste Mufti Talgat Tadschuddin signalisierte Zustimmung mit dem russischen Patriarchen und bekräftigte, dass Abtreibungen Kindermord seien.

Auch die Beauftragte für Kinderrechte Anna Kuznezowa ist überzeugte Abtreibungsgegnerin. „Die zivilisierte Welt kämpft seit Jahren gegen Abtreibungen und wir unterstützen diesen Kampf“, sagte die sechsfache Mutter. Kuznezowa betonte, wie wichtig und erfolgreich Prävention sei: Im vergangenen Jahr seien 67 000 Frauen von einem Schwangerschaftsabbruch abgehalten worden. 

Ein Verbot birgt Risiken

Das Gesundheitsministerium lehnt entsprechende Initiativen jedoch ab: Weder ein umfassendes Verbot noch eine Kürzung der Krankenkassenleistung fanden Unterstützung. Dem Radiosender Goworit Moskwa erklärte die Gesundheitsministerin Weronika Skworzowa, dass Einschränkungen und Verbote von Abtreibungen für Frauen gefährlich sein können.

„Es besteht die Gefahr, dass Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen wollen, in die Illegalität gedrängt werden. Besonders die, die schlecht verdienen oder noch minderjährig sind“, sagte Skworzowa. Ein Verbot würde die Kinder- und Müttersterblichkeitsraten steigern, ist die Gesundheitsministerin überzeugt. Das zu verhindern, sei Aufgabe ihres Ministeriums.

Mediziner bestätigen die Risiken eines Verbots. „Von 1936 bis 1955 gab es schon einmal ein Abtreibungsverbot. Und die Frauen starben an Blutvergiftung“, erinnert Wiktor Radzinskij, Vizepräsident des russischen Verbands der Gynäkologen, in einem Gespräch mit Lenta.ru. Die Frauen hätten sich damals gefährlichen Abtreibungsmethoden ausgesetzt, erklärt Radzinskij. Und oft habe das zum Tod geführt. 

RBTH-Check:

- Laut russischem Gesundheitsministerium wurden 2015 in Russland 746 000 Abtreibungen durchgeführt, das sind acht Prozent weniger als im Vorjahr. Die Abtreibungsraten sinken seit 1991 kontinuierlich. Eine Ausnahme war das Jahr 2014: Damals wurden etwa 50 000 Abtreibungen mehr durchgeführt als im Jahr zuvor. 

- Initiativen, Abtreibungen zu verbieten, sind nicht neu. Im Mai 2015 legte die Abgeordnete Elena Mizulina der Staatsduma einen Gesetzentwurf vor, der Schwangerschaftsabbrüche als Kassenleistung streichen und die „Pille danach“ verbieten wollte. Der Gesetzentwurf wurde vom Gesundheitsministerium als auch anderen Behörden abgelehnt.

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