Durch die Augen eines Expats: Der russische Pilzwahn – und seine Folgen

Schon die russischen Fibeln für Kinder, die das Lesen lernen, strotzen vor Fungi-Fachbegriffen.

Schon die russischen Fibeln für Kinder, die das Lesen lernen, strotzen vor Fungi-Fachbegriffen.

Vostock-Photo
Es ist der wohl am tiefsten sitzende Instinkt beinahe eines jeden Russen: die Pilzjagd. Steinpilze, Rotkappen und Pfifferlinge sind weder aus Büchern noch dem Familienleben wegzudenken, und sogar in den überregionalen Medien ist der Herbst alljährlich die Zeit des „allrussischen Pilzfiebers“.

Die Pilzsaison ist da. Nach einigen Stunden kehren wir drei Freundinnen mit vollen Eimern aus dem Vorstadtwald zurück. Rotkappen, Stein-, Butter- und Birkenpilze – das Ergebnis ist zufriedenstellend, das Abendessen – traditionelle Pilzsuppe – gesichert. Wir steigen in die gut gefüllte Marschrutka, ein Sammeltaxi, Sitzplätze gibt es keine mehr. Wir drei „Pilzler“ stehen, die Eimer zwischen die Füße geklemmt. „Oh, haben Sie da etwa Steinpilzchen?“, fragt die vor mir sitzende betagte Dame umgehend. „Ist es wirklich schon so weit?“ Sie schaut in meinen Eimer wie oft Erwachsene auf ein Baby in einem Kinderwagen sehen. Es fehlt nur noch ein „Kudschiguu!“. Stattdessen streichelt sie nur ein bisschen die Steinpilz-Kappe: „Sehr fein! Na, da haben Sie drei ja noch viel Arbeit vor sich“, lacht sie, steigt aus bietet uns ihren Sitzplatz an.

Eines steht allen Erfahrungswerten nach fest: Wer mit frischen Pilzen unterwegs ist, hat es in jedem Fall leichter! Nach dem Pilzesammeln kurz per Anhalter zurückfahren? Ist gelungen – in fünf Minuten, ohne Geld zu zahlen und bis kurz vor die Haustür. Im Laden einkaufen? Die Verkäuferin passt sicher gern auf die Pilzbeute auf. Nur die Steinpilze sollte man etwas bedecken. Und das sind nur die alltäglichen Kleinigkeiten.

Von Mord und Luxus-Salzwannen

Noch größere Resonanz als die Meldung vom Pilz-Mord im nordrussischen Gebiet Archangelsk im Jahr 2015, als ein Mann eine Frau alleine dafür erstochen haben soll, dass diese an seinem bevorzugten Pilzort unterwegs war, rief im August dieses Jahres die Nachricht aus einem Schweizer Luxushotel in den Alpen hervor: Gäste aus Russland hatten offenbar in der Badewanne ihres Hotelzimmers massenweise frisch gesammelte Pilze gesalzen. Das Ehepaar „um die 50“ soll regelmäßig in den Wald gegangen sein und sämtliche Pilze gesammelt haben, die sie nur finden konnten. Sie müssen sehr große Beute gemacht haben, die dann offenbar gesalzen werden sollte. Aber wie? Es blieb nur die Luxus-Badewanne. Das Paar versprach später, bald wieder zu kommen. Offenbar zum nächsten „Pilzregen“.

Meine Pilz-Ausbildung

Die Autorin des Textes auf Pilzjagd in einem Wald nahe Twer. Foto: Peggy LohseDie Autorin des Textes auf Pilzjagd in einem Wald nahe Twer. Foto: Peggy Lohse

Das alljährliche „Pilzfieber“ in meinem Freundeskreis hat mir als ausländischem Gast eine mittlerweile ordentliche Grundlage in der Pilz-Wissenschaft eingebracht. Viele Namen kenne ich sogar nur auf Russisch und muss die deutsche Übersetzung suchen – beispielsweise für Reizker, Grünling oder Egerling. Ab dem Frühsommer wurde ich in der Theorie der zu sammelnden Pilzsorten sowie der besten Plätze und Verarbeitung unterwiesen, um dann im Herbst schon mit von der Partie zu sein.

Und was sich „in den Pilzen“ in Russland alles zutragen kann, ist einfach unglaublich: Einer meiner Bekannten ist sicherlich keine Sportskanone, kann aber locker fünf bis sechs Stunden am Stück ohne Pause durchs Unterholz stapfen und kriechen, allein in der Hoffnung doch noch ein richtiges „Butterpilz-Feld“ ausfindig zu machen.

Pilze im Familienleben

Sechs Eimer Pilzen an einem Tag: Was man damit anstellen kann, lernen Russen von klein auf. Foto: Peggy LohseSechs Eimer Pilzen an einem Tag: Was man damit anstellen kann, lernen Russen von klein auf. Foto: Peggy Lohse

Der Vater einer Freundin – sonst doch ein eher rauer, im Gespräch aufs Nötigste bedachter ehemaliger Werkschef – wird beim Anblick eines prallen Steinpilzes augenblicklich schwach. Geht es um Pilze, tauchen im Gespräch sofort liebevollste Koseformen auf: Ob „Pilzlein“ oder „Pilzchen“, die erbeuteten Schönheiten werden gestreichelt, geküsst und liebkost. Scherzende Zungen sagen, dass Pilze oft gar Herzlicheres zu hören bekämen als manch eine Ehefrau.

Dafür ist in der Pilzsaison in russischen Familien ein weiteres Phänomen zu beobachten: das Schicht-System. Während zumeist Vater und Kind am Morgen in den Wald fahren, schläft die Mutter noch tief und fest. Kommen die Pilzjäger heim, wird gegessen, kurz ausgeruht und dann die heimgebrachte Beute zusammen geputzt. Der Abend und die Nachtschicht gehören dann der Mutter – je nach Müdigkeit mit oder ohne den Kindern: Hier wird dann gekocht, gebraten, gesalzen oder mariniert. Und dieses Schichtsystem kann sich über Wochen hinziehen – mit Pilzen, aber auch mit Beeren, Äpfeln und allem anderen, was die Natur hergibt.

Das kennt doch jedes Kind!

Zuhause freuen sich auch die Kleinsten über die Trophäen der Pilzjager. Foto: Peggy LohseZuhause freuen sich auch die Kleinsten über die Trophäen der Pilzjager. Foto: Peggy Lohse

Und woher all das Pilzfieber? Es muss wohl schon in der Kindheit beginnen – oder liegt es an den Genen? Jedenfalls strotzen schon die russischen Fibeln für Kinder, die das Lesen lernen, vor Fungi-Fachbegriffen: Während die deutsche Kinderwelt kaum über Fliegenpilz und Steinpilz hinausgeht, gehören in russischen Fibeln auch Reizker, Egerling und Butterpilz schon zu den selbstverständlichen Alltagsbegriffen, die das Lernen erleichtern sollen. In einem sowjetischen Lesebuch von 1987 muntert die Mutter die am Abend müden Kinder mit einem großen roten Egerling auf. In einer aktuelleren Fibel spielt neben den Pilzen auch die buchstäblich heiß geliebte Pilzsuppe eine wichtige Rolle.

Ein guter Tipp von Expat zu Expat: In jeder noch so schwierigen Situation – ob mit Kollegen, Unbekannten, Zug- und Flugreisenden oder auch Vorgesetzten: Ein kleiner Smalltalk über Pilze schafft in Russland immer eine angenehme Atmosphäre. 

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