Unter Stalin ermordet: Gerechtigkeit für den Urgroßvater

25. November 2016 Alexej Timofejtschew
Denis Karagodin aus Tomsk suchte lange nach den Mördern seines Urgroßvaters, der unter Stalin zum Tode verurteilt worden war. Nun hat er sie in den Archiven des FSB gefunden. Seine Suche und sein Erfolg haben in Russland große Resonanz gefunden – und eine gesellschaftliche Diskussion über Schuld und Sühne ausgelöst.
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Stepan Karagodin (Mitte) mit seinen Kindern auf einem Archivbild. Einige Jahre später wird er verhaftet und erschossen. Quelle:blog.stepanivanovichkaragodin.org

„Eilmeldung! Wir haben sie alle! Alle!“, schrieb der 34-jährige Denis Karagodin aus Tomsk, Absolvent der philosophischen Fakultät, vor ein paar Tagen auf der seinem Urgroßvater gewidmeten Website. Er habe im Archiv des FSB ein Protokoll über die Erschießung von 36 Personen gefunden. Unter ihnen sei auch sein Urgroßvater gewesen, schrieb er in seinem Eintrag. Und was für den Tomsker besonders wichtig ist: Das Dokument enthält auch die „Namen der unmittelbaren (letztendlichen) Henker“ seines Urgroßvaters.

Der Bauer Stepan Karagodin wurde von Mitarbeitern des NKWD, dem damaligen Innenministerium, im Jahr 1937, in der Zeit des Großen Terrors, verhaftet. Als Vertreter des japanischen Geheimdienstes und Kopf einer Spionage- und Sabotagegruppe verurteilte man ihn zum Tode durch Erschießung. Das Urteil wurde im Januar des folgenden Jahres vollstreckt. Ende der 1950er-Jahre, in der Periode des Tauwetters unter Chruschtschow und der Entstalinisierung, wurde Stepan Karagodin rehabilitiert.

Die Liste der Mörder

Alle "Schuldigen" auf einem Bild: der Chef des sowjetischen Innenministeriums NKWD Genrich Jagoda (zweiter von links), der erste Parteisekretär der KPdSU Nikita Chruschtschew (links von Stalin), Generalsekretär Joseph Stalin selbst (in der Mitte) und rechts von ihm Lasar Kaganowitsch, Volkskommissar für das Eisenbahn- und Transportwesen, während einer Athletenparade auf dem Roten Platz. Foto: TASSAlle "Schuldigen" auf einem Bild: der Chef des sowjetischen Innenministeriums NKWD Genrich Jagoda (zweiter von links), der erste Parteisekretär der KPdSU Nikita Chruschtschew (links von Stalin), Generalsekretär Joseph Stalin selbst (in der Mitte) und rechts von ihm Lasar Kaganowitsch, Volkskommissar für das Eisenbahn- und Transportwesen, während einer Athletenparade auf dem Roten Platz. Foto: TASS

Denis Karagodin begann die Suche nach den Mördern seines Urgroßvaters bereits 2012. Er forderte Dokumente in verschiedenen Archiven an. Schließlich konnte er eine Liste von Tätern zusammenstellen. Sie enthält mehrere Dutzend Namen. Als „Organisatoren der Tötung“ sind dort Angehörige der Führungselite der UdSSR aufgeführt: Stalin, Molotow, Woroschilow und andere. Die Liste umfasst aber auch Personen einer ganz anderen Ebene des sowjetischen Machtgefüges, etwa den Leiter der Wagenhalle des NKWD. Karagodin ist der Meinung, dass es viele Mitverantwortliche bei der Hinrichtung seines Urgroßvaters gibt – bis hin zur Maschinenschreiberin, die für das Tippen der NKWD-Dokumente zuständig war. 

Schlüsseldokument ist das von der Tomsker Abteilung des NKWD abgefasste Protokoll über die Vollstreckung des Urteils. Sie gelangte erst im November dieses Jahres, nach Karagodins zweiter Anfrage bei der Verwaltung des FSB im Gebiet Nowosibirsk, in seinen Besitz. Es trägt die Unterschriften dreier Personen, an oberster Stelle steht der Name Nikolai Syrjanow. Er war Assistent des Leiters des Gefängnisses von Tomsk.

„Ich reiche die Hand der Versöhnung“

Stepan Karagodin. Foto: blog.stepanivanovichkaragodin.orgStepan Karagodin. Foto: blog.stepanivanovichkaragodin.orgDie Berichte über Karagodins Nachforschungen erreichten über die sozialen Netzwerke schnell viele Menschen. Bald wandte sich Syrjanows Enkelin in einem Brief an Karagodin. „Ich schlafe schon seit Tagen nicht mehr. Meine Scham ist grenzenlos, ich leide körperlich. Und es ist besonders bitter, dass ich nichts wiedergutmachen kann, außer mich zu meiner Verwandtschaft mit N.I. Syrjanow zu bekennen und Ihres Urgroßvaters in der Kirche zu gedenken“, zitiert Karagodin aus dem Brief der Nachfahrin des NKWD-Mitarbeiters. Sie schreibt weiter, dass auch ihr Urgroßvater auf mütterlicher Seite den Repressionen zum Opfer gefallen sei. „Wir sehen, dass es in einer Familie es Opfer und Henker geben kann.“ In seiner Antwort schreibt Karagodin: „Ich reiche Ihnen die Hand der Versöhnung, so schwer es mir in diesem Moment auch fällt.“

Karagodin möchte nun 20 Personen strafrechtlich zur Verantwortung ziehen lassen: von Josef Stalin bis zum Fahrer des schwarzen „Rabens“, wie man die dunklen Autos des NKWD der 1930er-Jahre nennt, der als „Gehilfe“ beteiligt sei. „Anklage: Eine Gruppe von Personen hat nach vorheriger Absprache einen Massenmord begangen“, erklärt er. 

„Man muss das Böse vergessen“

Der Urgroßvater Denis Karagodins hatte eine große Familie und etwa zehn Kinder. blog.stepanivanovichkaragodin.org

Der Urgroßvater Denis Karagodins hatte eine große Familie und etwa zehn Kinder.

Archivfoto der Familie Karagodins: Der Urgroßvater ist als zweiter von links zu sehen. blog.stepanivanovichkaragodin.org

Archivfoto der Familie Karagodins: Der Urgroßvater ist als zweiter von links zu sehen.

 
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Karagodins Initiative stößt in Russland auf breite Resonanz. Viele bezeichnen seine Nachforschungen als bedeutsames Signal. Stanislaw Kutschera, Kommentator des Radiosenders „Kommersant FM“, hält Karagodins Versuch, ein Strafverfahren gegen die Henker seines Urgroßvaters einzuleiten, für „ein historisches Ereignis mit weitreichenden politischen Folgen“. Er sagt: „Es ist bisher noch niemandem eingefallen, das Stalinistische Regime mit dem Strafgesetzbuch in der Hand auf dem Wege persönlicher Ermittlungen und einer persönlichen Klage wegen des Todes eines Familienangehörigen strafrechtlich verfolgen zu lassen. Dass die Antwort auf die Frage nach dem „guten oder schlechten Stalin“ von einem intelligenten jungen Mann aus der Generation der Nullerjahre vorgebracht wird, hat eine besondere symbolische Kraft und stärkt meinen persönlichen Glauben an die Menschheit.“

Andere Stimmen würdigen Karagodins Initiative zur Aufklärung des Schicksals seines Urgroßvaters. Die Auflistung der Mörder gehe ihrer Meinung nach jedoch einen Schritt zu weit. Für den Publizisten Dmitri Olyschanski, dessen Urgroßvater in den Jahren der Repressionen ebenfalls auf der Grundlage einer erfundenen Beschuldigung erschossen wurde, lässt sich „niemand zurückholen“ und „nichts ändern, was in der Vergangenheit geschehen ist“. Es gibt, so ist er überzeugt, „keine generationenübergreifende Verantwortung und Reue“. Er ist überzeugt, dass sich „nur eigene Taten“ bereuen ließen. „Ich denke, es ist zu spät für eine Bestrafung der Mörder meines Urgroßvaters. Man muss das Böse vergessen – gänzlich und abschließend, alles“, schreibt Olyschanski.

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