Castros Tod: Russen bewerten sein Erbe unterschiedlich

26. November 2016 Jekaterina Sinelschtschikowa
In einem Beileidstelegramm an die Regierung Kubas bezeichnete Präsident Wladimir Putin Fidel Castro als Symbol einer ganzen Epoche in der jüngsten Weltgeschichte. Das von ihm und seinen Anhängern aufgebaute freie und unabhängige Kuba diene als beflügelndes Beispiel für viele Völker.
Fidel Castro
Der ehemalige Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow äußerte, dass Fidel Castro eine „tiefe Spur in der Geschichte der gesamten Menschheit hinterließ“. Quelle:Reuters

Fidel Castro, Führer der kubanischen Revolution und eine der prägendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, verstarb im 91. Lebensjahr. In Russland, mit dem Castro immer schon mehr als nur ein herzliches Verhältnis verband, nahmen viele Menschen die Meldung über das Ableben des Comandante mit Betroffenheit auf. Sie legten Blumen an der Botschaft Kubas in Moskau nieder.

Der Präsident der Russischen Föderation Wladimir Putin bezeichnete Fidel Castro als „Symbol einer ganzen Epoche in der jüngsten Weltgeschichte“. „Das von ihm und seinen Anhängern aufgebaute freie und unabhängige Kuba wurde zu einem einflussreichen Mitglied der internationalen Gemeinschaft und diente als beflügelndes Beispiel für viele Länder und Völker“, heißt es in dem Telegramm des Präsidenten an das Volk und die Regierung Kubas.

Fidel Castro: Er veränderte die Welt

Für Präsident Putin ist Fidel Castro das Symbol einer ganzen Epoche. Foto: ReutersFür Präsident Putin ist Fidel Castro das Symbol einer ganzen Epoche. Foto: Reuters

„Castro gehörte zur Riege der Großen, die die Welt verändert haben“, schrieb in seinem Twitter-Account der ehemalige Vorsitzende des Parlamentskomitees für internationale Beziehungen Alexej Puschkow. Er fügte hinzu, „Castro hat bewiesen, dass ein Land 55 Jahre dem Druck und Wirtschaftsembargo seitens der USA widerstehen konnte. Im März 2016 sei es US-Präsident Obama gewesen, der Havanna besucht habe und nicht umgekehrt.

Der kubanische Revolutionär war eine moralische Autorität für die Menschheit, erklärte der Vorsitzende der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation Gennadij Sjuganow. Weiter schrieb er: „Ein Titan der Politik ist von uns gegangen, ein Staatsmann, ein Mensch, der die Grundlagen der ethischen Politik geschaffen hat, ein Politiker, der sich in erster Linie um das Schicksal der einfachen Menschen, ein würdevolles Leben der Werktätigen und eine glückliche Welt sorgte.“

Der ehemalige Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow äußerte, dass Fidel Castro eine „tiefe Spur in der Geschichte der gesamten Menschheit hinterließ“. Castro

habe dem Druck der USA widerstanden und sein Land zuzeiten „der härtesten US-amerikanischen Blockaden sowie massiver persönlicher Angriffe gegen ihn  auf den Weg einer selbständigen unabhängigen Entwicklung geführt“.

Der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew erinnerte in seinem Facebook-Account an ein Telefonat mit Fidel Castro im August anlässlich des 90. Geburtstags des Revolutionsführers. „Er interessierte sich sehr für das Geschehen in der Welt und in Russland, er bewahrte seinen scharfen Verstand bis zum letzten Augenblick und vermochte viele Informationen im Kopf zu behalten“, postete Medwedjew.

Der Vorsitzende der Liberal Demokratischen Partei Russlands Wladimir Schirinowskij bezeichnete Castro als „ein Muster an Stehvermögen und Heldenmut“.  Kubas Jahre unter seiner Führung würden bedeutsam bleiben. Gleichzeitig prognostizierte er, dass sich in „Kuba in fünf bis zehn Jahren „ein normales Regime eines durchschnittlich entwickelten lateinamerikanischen Landes etabliert haben werde.

Castros Erbe: „Es wird keinerlei Rechtfertigung geben“

Neben den Erklärungen der politischen Eliten Russlands sind in den sozialen Netzen auch anderslautende Meinungen zu lesen: Der russische Oppositionelle Alexej Nawalnyj schrieb auf Twitter: „Castro hat seinem Volk 50 Jahre geraubt, ohne das Land dabei auf das notwendige Niveau anzuheben. Ich bin sicher, dass die Lobeshymnen auf Castro jetzt von jenen gesungen werden, die niemals in Kuba gewesen sind. Ich habe das Land besucht und  wurde Zeuge von Armut, Verfall und Ganoventum.“

Wladimir Milonow, ein Mitstreiter Nawalnyjs, verglich das Bruttoinlandsprodukt Kubas pro Kopf der Bevölkerung von 7.000 US-Dollar mit dem des Nachbarlandes Puerto Rico von 29.000 US-Dollar. „Dabei hatten sie die gleiche Ausgangssituation. Das haben sie nun von ihrem Castro“, kommentierte Milonow.

Der aus Russland ausgewanderte ehemalige Direktor der Wirtschaftshochschule und Ökonom Sergej Gurjanow erinnerte daran, dass Russland Kuba im Jahre 2014 Schulden in Höhe von 31,7 Milliarden US-Dollar, also 2.813 US-Dollar pro Kopf der Bevölkerung, erlassen hat. „Das ist so, als wenn jemand Russland 412 Milliarden US-Dollar erlassen würde, aber solche Narren gibt es nicht“, schrieb der Wirtschaftsexperte.

Gurjanow stimmte der Meinung des bekannten russischen Journalisten und Bloggers Ilja Warlamow über Kuba zu. „Castro richtet sein eigenes Land zugrunde, wirtschaftet die einstmals wohlhabendste Region auf das Niveau der ärmsten afrikanischen Länder herunter. Hier herrscht immer noch ein Mangel an Medikamenten und Lebensmitteln. Hier gibt es kein normales Mobilfunknetz und Internet. Die Menschen arbeiten für einen Hungerlohn, und ihre einzige Chance besteht darin etwas zu stehlen“, hatte Warlamow bereits im Oktober geschrieben.

Die Wirtschaftszeitung Kommersant schrieb, dass man wohl noch bis in alle Zukunft darüber streiten werde, ob Fidel Castro nun ein „blutrünstiger Diktator“ oder ein „großer Kämpfer gegen den US-amerikanischen Imperialismus“ war. Er werde, wie auch Josef Stalin und Iwan Grosnij, immer umstritten sein.

Die Zeitung Kommersant erinnerte an den Gerichtsprozess 1953 zur versuchten Erstürmung der Moncada-Kaserne, in dessen Ergebnis Castro zu einer Gefängnishaft von 15 Jahren verurteilt wurde. Damals habe er erklärt: „Die Geschichte wird mich freisprechen“. Dieser Spruch, so der Kommersant,  sei zum geflügelten Wort geworden. Jedoch sei nach Jahrzehnten klar, dass es keinen Freispruch geben werde. Der erbitterte Meinungsstreit zwischen Castro-Anhängern und Castro-Gegnern werde wohl auch dann nicht beigelegt sein, wenn Kuba ein typisches (oder nahezu typisches) karibisches Land geworden sein wird“.

Ungeachtet aller unterschiedlicher Sichtweisen, bestehe das größte Erbe Fidel Castros darin, ein „Modell einer unabhängigen selbständigen Außenpolitik Kubas“ geschaffen zu haben, meint der Lateinamerikaexperte und Professor an der Staatlichen Universität St. Petersburg Viktor Heifetz. Ein anderes Erbe hingegen sei das autoritäre politische Regime, auf das sogar viele seiner Anhänger nicht besonders stolz seien. „Die kubanische Wirtschaft ist eine Monokultur geblieben, wie sehr die Regierung sich auch bemüht hat, sie konnte das Problem nicht beheben. Ja, Kuba vermochte zu überleben. Aber darin bestand wohl kaum die Aufgabe“, so das Fazit von Professor Heifetz.

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