Doktor Lisa: Wohltäterin mit einem großen Herz

27. Dezember 2016 Oleg Jegorow
Unter den 92 Toten des Flugzeugabsturzes über dem Schwarzen Meer am Sonntag ist auch Jelisaweta Glinka, die als Doktor Lisa berühmt gewordene Ärztin, Wohltäterin und Menschenrechtlerin. Obdachlose, hoffnungslose und kranke Kinder in Syrien und dem Donbass – ihr ganzes Leben widmete Doktor Lisa Menschen in Not.
Doctor Liza
Die berühmte Ärztin kam beim Flugzeugabsturz am Sonntag ums Leben. Quelle: Sergei Savostyanov/TASS

Als Präsident Wladimir Putin Jelisaweta Glinka, die als Doktor Lisa bekannt geworden war, Anfang Dezember eine der höchsten Auszeichnungen der Regierung, den Staatlichen Menschenrechtspreis, verlieh, hielt Glinka keine triumphale Rede.

„Morgen fliege ich nach Donezk, und von dort nach Syrien", sagte die Ärztin und bezeichnete den Krieg als „Hölle auf Erden“. „Wir können uns nie sicher sein, lebend zurückzukehren.“

So geschah es nun. Die Tu-154 des russischen Militärs, mit der Doktor Lisa nach Latakia in Syrien unterwegs war, um Medikamente an eine Universitätsklinik zu übergeben, stürzte am Sonntagmorgen über dem Schwarzen Meer ab. Alle Insassen kamen ums Leben.

Vorreiterin der Hospizbewegung

Glinkas Tod rührte alle: Wohltäter, Kollegen und Bekannte von Doktor Lisa brachten ihre Trauer und den großen Respekt vor ihr zum Ausdruck. „Sie war ein Wunder, eine himmlische Tugend", schrieb Michail Fedotow, Leiter des russischen Menschenrechtsrates, in einem Nachruf. Doktor Lisa wurde sowohl von Vertretern der Regierung als auch von glühenden Oppositionellen als heilig bezeichnet und mit Mutter Theresa verglichen.

Als ausgebildete Reanimationsärztin zogen Jelisaweta Glinka und ihr Ehemann in den 1980er-Jahren in die USA, wo sie die Hospizarbeit kennenlernte. Damals war das Pflegesystem für unheilbar Kranke im postsowjetischen Raum noch kaum entwickelt. Nach der Rückkehr aus den Vereinigten Staaten beteiligte sich Doktor Lisa an der Sterbearbeit in Moskau und gründete schließlich das erste Hospiz in Kiew. „Jeder Mensch sollte das Recht auf einen würdigen Tod haben, zu seiner Zeit und schmerzlos", sagte sie.

Im Jahr 2007 gründete Glinka die gemeinnützige Organisation „Gerechte Hilfe“. Die Stiftung ist nach wie vor aktiv, hilft unheilbar Kranken, einsamen Alten und Behinderten sowie Obdachlosen. Jeden Mittwoch fahren Mitarbeiter zu den Bahnhöfen Moskaus, wo sie Menschen, die vom Staat und der Gesellschaft vergessen wurden, behandeln und mit Nahrungsmitteln versorgen.

Der Krieg als Geißel der Menschheit

Für Doktor Lisa gab es keinen Unterschied zwischen den Sterbenden in den Hospizen und den Obdachlosen, den Kindern aus Syrien und denen im Donbass. Foto: Sergey Pivovarov / RIA NovostiFür Doktor Lisa gab es keinen Unterschied zwischen den Sterbenden in den Hospizen und den Obdachlosen, den Kindern aus Syrien und denen im Donbass. Foto: Sergey Pivovarov / RIA Novosti

„Eine gerechte Hilfe ist für Glinka eine solche, die jedem angeboten werden kann“, schreibt die Journalistin Katerina Gordejewa, eine enge Freundin Doktor Lisas. Die Ärztin und ihre Stiftung wollten allen helfen. Im Jahr 2010 sammelten sie Spenden für die Opfer der Waldbrände, im Jahr 2012 für all diejenigen, die ihre Häuser nach den Überschwemmungen in Krymsk verloren hatten. Als im Jahr 2014 der Krieg im Osten der Ukraine ausbrach, konnte Glinka nicht tatenlos zusehen.

Doktor Lisa fuhr mehr als 20 Mal in die Kampfzone und riskierte ihr Leben, um kranke Kinder aus der tödlichen Falle zu retten. Die Krankenhäuser der Region waren von Gefechten umgeben. Mithilfe Glinkas und ihrer Kollegen konnten viele der Kinder evakuiert werden.

Politik jeglicher Art lehnte Glinka strikt ab. „Ich stehe auf niemandes Seite. Ich stehe auf der Seite von schwachen und kranken Kindern, die aus verschiedenen Gründen ohne Hilfe bleiben", sagte die Ärztin einst in einem Interview mit „Kommersant FM“. Jene Politiker, die den Krieg anzettelten, wolle sie am liebsten in die Notaufnahme mit den verletzten Kindern von Donezk bringen, um ihnen zu zeigen, was sie angerichtet hätten.

Ein Herz für alle Menschen

Die Organisation „Gerechte Hilfe“ hilft auch Obdachlosen. Foto: Iliya Pitalev / RIA NovostiDie Organisation „Gerechte Hilfe“ hilft auch Obdachlosen. Foto: Iliya Pitalev / RIA Novosti

Für Doktor Lisa gab es keinen Unterschied zwischen den Sterbenden in den Hospizen und den Obdachlosen, den Kindern aus Syrien und denen im Donbass. „Sie war eine gestandene Ärztin, eine geliebte und liebende Ehefrau, eine glückliche Mutter von drei Söhnen. Sie hätte eine Woche vor Silvester nicht unbedingt nach Syrien fliegen müssen", schreibt Gordejewa. Aber für Glinka war es wichtig, dort zu sein, wo es den Menschen am Schlechtesten geht, wo sie Hilfe brauchen. Deshalb saß sie an Bord der Tu-154 am Morgen des 25. Dezember.

Ihre Rede vom 8. Dezember, bei der sie vom Schrecken des Krieges und dem Leid der Kinder in Syrien und im Donbass sprach, hatte sie zufällig ihren eigenen Tod vorausgesagt. Ihre Rede endete dennoch optimistisch: „Wir sind uns sicher, dass Güte, Mitgefühl und Erbarmen stärker sind als jede Waffe. Danke.“

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