Google-Fragen: Warum ist Russischlernen so schwer?

29. Januar 2017 Oleg Jegorow
„Wie wird Wodka ...?“, „Warum ist Putin ...?“ – in der Reihe „Google-Fragen“ gibt RBTH Antworten auf die beliebtesten Suchmaschinen-Anfragen über das weltweit größte Land. In diesem Beitrag geht es um die russische Sprache, die so schön und doch so schwer zu erlernen ist.

Die Grammatik ist verwirrend, die Phonetik unberechenbar. / Каterina LobanovaDie Grammatik ist verwirrend, die Phonetik unberechenbar. / Каterina Lobanova

„Lauter fremde Zeichen“, so beschreibt Mayu Okamoto, Übersetzerin aus Japan, ihre ersten Eindrücke von der russischen Schriftsprache. Ausländern, die lateinische Schriftzeichen gewohnt sind – und selbst die Mehrheit der asiatischen Bevölkerung verfügt in der Regel über Englischkenntnisse – ist auf den ersten Blick klar, dass die russische Sprache etwas Besonderes ist.

Unbekannte Buchstaben

Natalja Blinowa unterrichtet privat Russisch als Fremdsprache. Ausländer, so erzählt sie, beginnen meist nervös auf ihren Stühlen hin und her zu rutschen, wenn man ihnen erklärt, dass das Russische 33 Schriftzeichen und noch mehr Laute hat. Manchmal werden die Buchstaben nicht so ausgesprochen, wie man sie schreibt (so sagen die Russen beispielsweise nicht „choroscho“, sondern „charascho“), andere Zeichen und Laute sind zudem einzigartig.

Besonders schwer zu vermitteln ist der Laut ‚ы‘. Online wird viel darüber diskutiert. Eine englischsprachige Studentin empfiehlt einen Tipp, den russische Freunde ihr gegeben hätten: Einfach aus dem englischen Wort „table“ den Laut zwischen „b“ und „l“ heraustrennen. Das schaffe aber nicht jeder. Wer die Hürde des ‚ы‘ genommen hat, steht bereits vor dem nächsten Problem – den Zischlauten ‚sch‘ und ‚schtsch‘. Ausländer würden diese beiden Konsonanten lediglich anhand des Schwänzchens unterscheiden, das aus dem „sch“ ein „schtsch“ macht, erzählt Natalja Blinowa. Anders sei das nicht zu schaffen.

Russischlernende treibt außerdem die Betonung der Wörter zur Verzweiflung. Diese kann nämlich nicht nur auf jede beliebige Silbe fallen (im Unterschied etwa zum Französischen), sondern sich auch mit der Flexion des Wortes ändern. „Sie ist absolut unberechenbar“, sagt Anna Solowewa, Dozentin am Institut für russische Sprache und Kultur an der Moskauer Lomonossow-Universität. „Man kann logisch nicht erklären, warum der Plural von ‚stol‘ – ‚stolY‘ – auf der letzten Silbe betont wird, während es beim Plural von ‚telefon‘ – ‚telefOny‘ – die vorletzte ist.“

Sechs Fälle

Gesetzt den Fall, ein Ausländer hat sich durch das Dickicht der russischen Phonetik geschlagen und ist imstande, russische Wörter auszusprechen. Jetzt wird er sich der nächsten Prüfung stellen müssen – der russischen Grammatik. „Das Schwierigste war für mich, mir die sechs Fälle im Russischen zu merken, im Deutschen haben wir ja nicht so viele“, erinnert sich der deutsche Student Simon Schirrmacher an seine Zeit des Russischlernens zurück. Er sei erst nach einem Jahr in Russland mehr oder weniger sicher im Umgang mit den Fällen gewesen.

Eine besondere Herausforderung sind die vielen Endungen für Lernende, in deren Muttersprache es keine Fälle gibt oder die Fälle sich nicht auf die Struktur des Wortes auswirken. „Es ging mir nicht in den Kopf, ein Wort je nach Fall ändern zu müssen! Schrecklich!“, erzählt beispielsweise Mayu Okamoto. „Und dann auch noch die Konjugation der Verben. Jedes Mal, wenn du einen Satz hervorbringen möchtest, musst du über jedes Wort und seine besondere Form nachdenken.“

Schwierige Verben

Eine weitere Eigenheit der russischen Grammatik erweist sich immer wieder als Fallstrick für Russischlernende – die Verbalaspekte. „Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann einmal dieses System begriffen haben werde“, sagt Simon Schirrmacher lächelnd, aber ohne große Hoffnung. Die Übersetzerin Okamoto beschreibt ihre Erfahrung so: „Ich habe mir bestimmt hundertmal das Lehrbuch mit den kleinen Bildchen vorgenommen, um zu verstehen, wann es ‚prischjol‘ und wann ‚prichodil‘ (beides ‚er kam‘) heißt. Was bedeutet das? Wo ist er jetzt? Ist er geblieben oder schon wieder weg? Fürchterlich.“

Besondere Schwierigkeiten werfen die Verben der Bewegung auf, und von denen gibt es im Russischen sehr viele. „Das simple italienische Verb ‚andare‘ (‚gehen‘) hat im Russischen die Spielarten ‚chodit‘, ‚idti‘, ‚pojti‘, ‚jechat‘, ‚pojechat‘ und ‚jesdit‘“, zählt Natalja Blinowa auf. Sprachwissenschaftlerin Solowewa führt ihr Lieblingsverb „katatsja“ an. Man kann es übersetzen als „Verwendung von Fortbewegungsmitteln nicht zum Zwecke der Fortbewegung selbst, sondern zum Vergnügen“. Verben der Bewegung verändern zudem ihre Bedeutung jeweils durch Voranstellen von Präfixen – um auch die letzten Illusionen zu vertreiben, Russischlernen wäre ein Vergnügen.

Die gute Seite

Es gibt allerdings keinen Grund zu verzagen. Russisch ist in mancher Hinsicht leichter als andere Sprachen. Vor allem das Fehlen von Artikeln und die, verglichen mit europäischen Sprachen, geringe Zahl von Zeiten führen die Expertinnen an. Davon kennt das Russische nämlich lediglich drei.

Solowewa glaubt, dass die russische Sprache nicht schwerer zu erlernen sei als etwa Englisch. Man müsse sich einfach an ihre Eigenheiten gewöhnen. „Wenn Ausländer Russisch von früher Kindheit an lernen würden, erschiene es ihnen nicht so schwer“, meint die Linguistin.

Natalja Blinowa wiederum merkt an, dass manche Sprachen schwerer seien als Russisch, zum Beispiel Chinesisch oder Arabisch. „Fast alle schwierigen Aspekte der russischen Grammatik sind mit Stufe A2 abgehandelt“, sagt Blinowa und fügt hinzu: „Danach ist man frei und kann die Größe und Schönheit der russischen Sprache unendlich genießen.“

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