Allein in weiter Welt: Wie ein russischer Rentner die Erde umrundete

Sergej Lukjanow ist soeben von dem wohl ungewöhnlichsten Spaziergang zurückgekehrt – er ist einmal um die Welt gelaufen. Von Sankt Petersburg aus legte er in knapp zwei Jahren über 20 000 Kilometer zurück. Eine Reise, die ihm viel abverlangte.

 / Ruslan Shamukov / Ruslan Shamukov

Eine Weltreise ist zu schwer, zu kompliziert, zu teuer? Sergej Lukjanow aus Sankt Petersburg hat gezeigt, dass es auch anders geht: Der 60-Jährige legte in 22 Monaten 23 000 Kilometer zurück – zu Fuß.

Der russische „Forrest Gump“, wie er von den Medien getauft wurde, hat heute einen Fanclub, der darüber debattiert, ob es normal sei, sich im Alter von 60 Jahren von Schokoriegeln, Cola und Instantnudeln zu ernähren und täglich unmenschliche Entfernungen zu überwinden.

Dabei ist Sergej Lukjanow kein unbeschriebenes Blatt: Vor seiner Weltreise hat er bereits an die 300 000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Er war Trainer und Sowjetmeister im Gehen über 100 Kilometer. Zählt man seinen jüngsten Rekord hinzu, kann man sagen, dass er fast bis zum Mond gegangen ist.

„500 Kilometer Umweg? Kein Ding!“

„Wie lange haben Sie sich vorbereitet?“

„Mein Leben lang. Vor dem Start habe ich nichts weiter getan. Ich war einfach sicher, dass ich es schaffe.“

Sergej Lukjanow trinkt einen Kaffee, es ist Anfang März. Vor dem Fenster fällt Schnee. Am 1. April 2015 hatte er sein Haus verlassen, am 4. Februar 2017 war er zurück. In dieser Zeit habe er an die 20 Länder durchquert, an die genaue Zahl erinnere er sich aber nicht mehr, erzählt er. Alles sei spontan gelaufen. Selbst Visafragen habe er versucht, ad hoc zu klären: „Ich kam an die chinesische Grenze. Vorher habe ich im Internet nachgeschaut, wo es einen Übergang gibt. Also komme ich dahin, aber der ist nur für Chinesen und Vietnamesen. Alle anderen müssen einen Umweg nehmen, 500 Kilometer. Mein Visum war aber kurz vorm Ablaufen. Ich musste trotzdem den Schlenker machen und habe auch noch eine Strafe aufgebrummt bekommen“, erzählt Lukjanow.

Von dem Visum hing größtenteils Lukjanows Tempo ab. Vietnam musste in zwei Wochen, Singapur in drei Tagen passiert werden. „Das hat so seine Tücken. Da braucht man Profis für“, sagt er.

Und die hatte er. Seine Freunde koordinierten seine Reise von Sankt Petersburg aus und halfen in der Not. Einer davon war Michail Sokolowskij, der jeden der 22 Monate mit Lukjanow „zusammen“ erlebt hat: Er schickte Routen per SMS und suchte Übernachtungsmöglichkeiten.

„Ich hätte nicht gedacht, dass man in China in einer herrlichen Sauna für 300 bis 350 Rubel (5,50 Euro) übernachten kann, wenn nicht ein Russe vor Ort mich dorthin gebracht hätte“, sagt Lukjanow. „Dort kriegst du ein Bett, einen Einwegpyjama, ein Handtuch. Es gibt Fernsehen, einen PC, eine Massage und Obst.“

Geld hatte Lukjanow kaum. Der Rentner besaß kein Vermögen, das es ihm ermöglicht hätte, zwei Jahre lang in Hotels zu übernachten und die lokalen Spezialitäten zu genießen. Sein Tagesbudget: 500 Rubel – keine acht Euro, Tagesdistanz: 50 bis 60 Kilometer. Insgesamt hat ihn die Weltreise eine Million Rubel (15.500 Euro) gekostet.

Instantnudeln auf Cola-Basis

Übernachtet hat Lukjanow an Bushaltestellen, in Parks und Flughäfen. „In Europa ist es ruhig, dafür sind Hotels teuer – mindestens 50 Euro pro Nacht. Also nahm ich einen Schlafsack, ging kurz vor zehn in den Stadtpark, also kurz vor der Schließung. Dann versteckst du dich unter einer Tanne vor den Polizisten. Da hast du es bequem und bist in Sicherheit. Nur in Belarus musste ich im Hotel übernachten, als es minus 40 Grad war.“

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Gegessen hat Lukjanow das, was gerade da war – manchmal nur Erdnüsse. Größtenteils aber Käse, Schinken, Butter und Brot, wo es welches gab. Nichts Warmes. Und vor allem kein Wasser: „Ich war jeden Tag in einer anderen Stadt. Das Wasser ist überall anders, aber der Körper gewöhnt sich erst nach einer Woche dran. Das hieße Durchfall. Also habe ich nur Cola getrunken, die ist überall in etwa gleich. In einer Dose sind acht Löffel Zucker, das reicht für fünf Kilometer. Würde ich stattdessen Suppe essen, würde das für einen Kilometer reichen, vom Brennwert her“, erzählt Lukjanow und holt eine Colaflasche aus der Tasche.

„Die habe ich immer mit. Damit kann man sogar Instantnudeln zubereiten.“

„Nudeln auf Cola-Basis?“

„Wenn du überleben willst, dann isst du das. Schmeckt okay. Mit kalter Cola sind sie aber erst nach einer Stunde fertig, statt schon nach drei Minuten.“

Auf seiner Weltreise hat Sergej Lukjanow 14 Kilogramm abgenommen.

Noch bevor Lukjanow Russland ganz durchquert hatte, musste er weit hinter Nowosibirsk operiert werden: ein Bauchwandbruch. Eigentlich hätte die Reha ein Jahr lang dauern müssen, doch Lukjanow verließ die Klinik bereits nach 45 Tagen, setzte seinen 18 Kilo schweren Rucksack sowie zwei Stützgurte auf und marschierte weiter.

In Südamerika – da war er schon seit einem Jahr unterwegs – wurde er überfallen. Taschen, Bankkarten und sein Handy mit Reisefotos: alles weg. „Also musste ich zu einem Freund nach Buenos Aires und abwarten, bis man mir alles neu zuschickt. Drei Wochen saß ich dort fest“, erinnert sich Lukjanow.

Das war nicht die einzige Notlage, die er auf seinem Weg bewältigen musste. Doch jedes Mal ging es irgendwie gut aus. Er hat es sogar pünktlich zur Olympiade in Rio geschafft: „Ich war der einzige russische Leichtathlet dort“, lacht er. „Unsere Leute kamen ja nicht. Aber ich war auch rechtzeitig losgegangen.“

Ob Krankheit oder Überfälle – das alles steckte der 60-Jährige gut weg. „Das Schwierigste aber, ich meine psychisch, ist es, das Haus zu verlassen. Du bist allein, ganz allein für zwei Jahre. Sprichst keine Sprache außer Russisch, kommunizierst mit Händen und Füßen. Bei mir stand auf dem Rucksack geschrieben, dass ich auf Weltreise bin. Und ich hatte einen Zettel in sieben Sprachen, den ich mir umhing, wenn ich in einem Café das Handy aufladen wollte.“

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Acht Tipps für eine Weltreise von Sergej Lukjanow

1. Suche einen Sponsor.

Eine Weltreise ist teuer. Gut ist, wenn man jemanden findet, der einen Teil der Ausgaben übernimmt. Ein Freund von Lukjanow, der beim japanischen Sportartikelhersteller Mizuno arbeitet, spendierte ihm Turnschuhe. Zehn Paar hat Lukjanow verbraucht, ungefähr alle 3 000 Kilometer musste ein neues Paar her.

2. Finde eine Navigation, die ohne Internet funktioniert.

Netz gibt es nicht überall und Landkarten bringen einen auch nicht immer weiter. Will man keinen 500-Kilometer-Umweg machen, muss man für gute Navigation sorgen.

3. Finde eine günstige Übernachtung.

Wer kostengünstig übernachten will, sucht in Europa Parks und Flughäfen auf, in China hingegen Saunas. Will man nicht in die Sauna, kann man auch ins Hotel: Diese sind in China deutlich günstiger als in Europa. Dafür ist der Unterschied zu einer Sauna dort nicht allzu groß.

4. Schaue öfter vor die Füße, da gibt es viel zu entdecken.

Lukjanow fand auf den Straßen dieser Welt Smartphones, Geld und sogar einen Laptop – im Schnitt rund alle 1 000 Kilometer. Nur in Russland finde man nichts: „Nur Kleingeld in Burjatien. Die schmeißen es dort weg, das soll Glück bringen. Bist du kein Burjate, kannst du es aufheben“, rät Lukjanow.

5. Finger weg vom Wasser!

Trinke nur, was überall ungefähr gleich ist – Cola zum Beispiel.

6. Sorge für ausreichend Unterstützung in der Heimat.

Alleine kriege man nicht alles mit. Besser sei es, man habe jemanden „an der Basis“, der einem – Internetzugang vorausgesetzt – schnell helfen kann.

7. Nicht ausziehen und nicht halbnackt herumlaufen!

Man müsse so gehen, dass man nicht schwitze. Und dabei Kleidung tragen, die vor Sonne schützt: „Du kannst natürlich halbnackt gehen. Aber dann muss der Körper doppelte Arbeit leisten, um sich auch noch abzukühlen.“

8. Plane in kleinen Schritten.

Um eine Weltreise zu schaffen, dürfe man nicht gleich mit einer Weltreise beginnen. Lukjanow schafft zu Fuß in sechs Tagen 700 Kilometer. Aber man kann auch ein Longboard mit Motor nehmen. 

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