Das freudigste aller Feste: Ostern feiern unter Russen

17. April 2017 Peggy Lohse
Hoffnung, Zuversicht, Freude - Ostern ist der Höhepunkt im christlichen Kirchenjahr und für viele Russen das liebste religiöse Familienfest. Unsere Autorin hat sich in Twer unter die Jubelnden gemischt.

 / Peggy LohseBild: Peggy Lohse

Es ist Samstag, 22.30 Uhr. Auf den Straßen der kleinen Wolgastadt Twer - und wohl auch in nahezu allen, nicht nur russischen Städten - hasten Familien mit Kindern, ältere und jüngere Pärchen und Grüppchen auffallend zielgerichtet in eine bestimmte Richtung. Alle Mädchen und Frauen mit Kopfbedeckung, meist in bunten Tüchern. Kopftuchstreit? Nein, an diesem Sonntag ist Ostern.

Nur wenn es die Launen des Kalenders hergeben, feiern Orthodoxe mit Protestanten und Katholiken am selben Tag Ostern. 2017 ist das so.

Vor der Zufahrt zur Auferstehungskathedrale, dem Sitz des Metropoliten Viktor, stauen sich die Autos. Gehalten wird schon in der zweiten Reihe. Ruhigen Schrittes strömen die Menschen durch das große Tor aufs Gelände des Weihnachtsklosters. Vorm Torbogen mit Ikone im Zentrum halten sie kurz inne und bekreuzigen sich. Weiter geht es zur Hauptkirche des Twerer Gebietes. Hinter dem Torbogen patrouillieren Dutzende Polizisten. Ja, die Sicherheit bei solchen Großveranstaltungen ist eine wichtige Frage - gerade nach dem Anschlag in der St. Petersburger Metro vor kurzem. Mehrere Beamte führen Spürhunde mit sich. Vorm Eingang treffen wir auf eine kleine Einheit junger Soldaten, offensichtlich von der nahen Ausbildungsstätte der russischen Luft- und Raumfahrtkräfte. Sie werden später an einem Flügel in den ersten Reihen direkt vorm Altar stehen.

Video: Peggy Lohse

Das Weihnachtskloster entstand an seiner heutigen Stelle im 16. Jahrhundert. Der Kathedralbau stammt aus dem Jahr 1914. Bei der Weihe 1916 waren unter anderem auch der damalige Ministerratsvorsitzende Boris Stürmer sowie der Twerer Gouverneur Nikolaj von Bünting anwesend. Beide fielen der Revolution 1917 zum Opfer. Ähnlich erging es der Kathedrale: Das gesamte Weihnachtskloster wurde geschlossen, noch bevor in der neuen Kathedrale der erste Gottesdienst gefeiert werden konnte. Erst 1988, kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion, hat die Russisch-Orthodoxe Kirche das Gelände zurückerhalten. Die letzten Sanierungsarbeiten sind keine zehn Jahre her.

In der Kirche herrscht Gedränge. Und gleichzeitig Ruhe. Es leuchten nur Lampen am Rand und die Kerzen, die die Gläubigen anzünden und vor Ikonen aufstellen. Der wichtigste und freudigste Gottesdienst des christlichen Kirchenjahres soll gegen 23 Uhr beginnen. In einem Flügel der Kirche segnet ein Priester einige Gläubige. In den hinteren Reihen herrscht ein ständiges Gewusel, die Kathedrale füllt sich weiter. Auf den Emporen und auch im Hauptraum überwachen Polizisten das Geschehen. Während die Geistlichen das Vaterunser verlesen, ist bereits das für die orthodoxen Christen wichtige Heilige Feuer aus Jerusalem per Flugzeug unterwegs nach Moskau, von dort aus wird es weiter im Lande verteilt.

Gegen 23.30 Uhr betritt eine offenbar wichtige Delegation die Kirche und bekommt einen Stehplatz direkt an der Altarwand zugewiesen - so wie oft Präsident Putin oder Premier Medwedew im Fernsehen bei hohen kirchlichen Feiertagen gezeigt werden. Es ist der noch relativ neue Gouverneur des Twerer Gebiets, Igor Rudenja, mit Frau und engsten Vertrauten. Er ist bekannt für seine Nähe zur Orthodoxen Kirche, soll zu Ostern gar sein Monatsgehalt für den Aufbau einer alten Kirche am frisch renovierten Reisepalast gespendet haben.

Es ist Mitternacht. 40 Mal schlägt die Glocke. In der Kirche herrscht Stille. Jesus ersteht auf. Daraufhin beginnt der prächtigere, fröhlichere, ja jubilierende Teil des Gottesdienstes: mit dem Kreuzgang um die Kirche. Der Metropolit voran, dann die Geistlichen, dann Militärs, Politiker und andere wichtige Personen des öffentlichen Lebens - dann laufen ihnen die Gläubigen im Laufschritt nach, um nach einer Runde wieder vorm Eingang der Kirche, zur Auferstehung Jesu gesegnet zu werden.

 / Peggy LohseBild: Peggy Lohse

Wieder im Innenraum angekommen, tragen zwölf Priester  Gewänder in sechs verschiedenen Farben. Der Metropolit wird in reinem, erhabenem Weiß eingekleidet. Er ruft „Christos voskrese!” („Christus ist auferstanden!”) und erhält von allen Gläubigen im Chor zur Antwort „Woistinu woskrese!” („Er ist wahrhaftig auferstanden!”). Drei Mal. Mehrere Priester schwenken Weihrauch. Nach dem Choral „Christos ist erstanden von den Toten / und hat den Tod durch den Tod zertreten / und denen in den Gräbern / das Leben in Gnaden geschenkt“ wiederholt sich der dreifache Ostergruß noch einige Male. Der Kronleuchter in der Kuppel der Kathedrale strahlt nun auf allen drei Reihen und aus voller (elektrischer) Kraft.

Das Große Fasten ist vorbei, Christus ist auferstanden. Die Menschen lächeln, viele haben Tränen in den Augen. Eine selige Euphorie legt sich auf die Gläubigen. Und gegen 2 Uhr wird dann auch das Heilige Feuer aus Jerusalem hereingetragen. So ist auch Twer Teil der weltweiten Osterfreude. In den nächsten Tagen begrüßt man seine Liebsten und Nächsten mit demselben Gruß, wie er zwischen dem Metropoliten und den Gläubigen hin und her ging. Oder man wünscht einfach ein „Helles Osterfest”: „Swetloj Pas’chi”. Und wenigstens in Twer hält der Morgen des Ostersonntags dieses Versprechen - die Sonne besiegt den Frost der Osternacht.

Das russische Osterbrot - Kulitsch - selber backen

Alle Rechte vorbehalten
+
Folgen Sie uns auf Facebook