Sowjetische IT: Fortschritt, der zum Stillstand kam

5. Oktober 2014 Aram Ter-Gasarjan, für RBTH
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die sowjetische IT-Branche an Fahrt auf. Doch dann setzte die sowjetische Regierung auf ausländische Technik und vielversprechende Eigenentwicklungen verschwanden in der Versenkung.
 BESM-1, die erste große sowjetische EDV-Anlage. Foto: Boris Uschmajkin/RIA Novosti
BESM-1, die erste große sowjetische EDV-Anlage. Foto: Boris Uschmajkin/RIA Novosti

Bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der sowjetischen Regierung bewusst, dass für den Ausbau von Industrie und Wissenschaft Fortschritte auf dem Gebiet der Technologie unerlässlich waren. Dazu wurde mobil gemacht, und zwar unter den Intellektuellen der Bevölkerung. Bis zum Beginn der 1950er-Jahre wurde eine moderne IT-Branche aufgebaut, die sich mit der US-amerikanischen durchaus messen konnte. Doch Anfang der 1970er-Jahre traf die sowjetische Führung die Entscheidung, eigene Entwicklungen zurückzustellen und stattdessen westliche Systeme illegal zu kopieren. Das bedeutete das Ende der sowjetischen Informationstechnik.

 

Sowjetische IT-Spezialisten hatten großes Potenzial

Eine der ersten Erfindungen auf dem Gebiet war die „Kleine Elektronische Rechenmaschine“. Sie wurde im Jahr 1948 in einem geheimen Labor in der kleinen Ortschaft Feofania nahe Kiew unter der Führung von Sergej Lebedew entwickelt. Lebedew war damals Leiter des Instituts für Elektrotechnik an der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften. Auf Basis der kleinen Rechenmaschine entwickelte sein Team schließlich im Jahr die erste große sowjetische EDV-Anlage: BESM-1 (Große Elektronische Rechenmaschine). Zusammengebaut wurde diese nicht in Feofania, sondern im Moskauer Institut für Feinmechanik und Computertechnik. Die Besonderheiten der BESM-1 bestanden darin, dass sie aus 180 diskreten Transistoren bestand und nicht über einen Mikrochip verfügte.

Auch die Personal Computer der Sowjetunion hatten technische Besonderheiten, vor allem die PC-Serie des Kiewer Instituts für Kybernetik, mit den Namen „Mir-1“, „Mir-2“ und „Mir-3“. Dabei handelte es sich um PCs, die in den 1960er-Jahren entwickelt worden waren und über alle notwendigen Features, wie beispielsweise einen sparsamen Speicher, verfügten. Zudem waren sie für den flexiblen Einsatz in der Fertigungsindustrie geeignet.

Jedoch waren die einzelnen Computersysteme in der UdSSR selbst innerhalb einer Serie nicht standardisiert. Daher konnten neuere Versionen Vorgängermodelle nicht verstehen. In der Bitarchitektur und Peripherie waren die Rechner nicht kompatibel. Heute meinen Wissenschaftler, dass die Sowjetunion zu einem wahren Vorreiter in der internationalen IT-Branche hätte werden können, wenn die Computersysteme unter einem einheitlichen Standard entwickelt worden wären. Stattdessen entwickelte sich die IT-Branche in der UdSSR Anfang der 1970er-Jahre zurück. Zum Ende der Sowjetunion war die sowjetische IT-Branche international nicht mehr konkurrenzfähig. Andrej Erschow, einer der Begründer der Computertechnik in der UdSSR, erklärte einst, dass die Sowjetunion wahrscheinlich den besten PC der Welt hätte entwickeln können, wenn Gluschkow die Weiterentwicklung seiner PC-Serie „Mir“ nicht eingestellt hätte.

Das staatlich verordnete Aus für sowjetische IT-Projekte kam im Jahr 1969. Die sowjetische Regierung beschloss stattdessen, Computer auf Basis der IBM/360-Rechenarchitektur zu erstellen. Dazu sollte das System illegal

kopiert werden. „Das war von allen Entscheidungen die schlechteste“, urteilt der Historiker und Programmierer Jurij Rewitsch. „Die sowjetische Regierung und zum Teil auch die Entwickler selbst waren daran schuld, dass sich die IT-Branche in der UdSSR nicht mehr selbstständig weiterentwickelte.“ Der Austausch habe gefehlt. „Jede Gruppe schmorte in ihrem eigenen Saft und die Geheimhaltungspflicht führte dazu, dass es einfacher schien, technische Lösungen aus westlichen Wissenschaftszeitschriften heranzuziehen, als selbst zu entwickeln“, sagt er. Für Rewitsch ist die damalige Entscheidung nicht nachvollziehbar: „Der Arbeitsaufwand beim Kopieren war nicht geringer als bei einer eigenen Entwicklung.“ Zudem seien keine guten Ergebnisse dabei herausgekommen, fügt Rewitsch hinzu. Als in der Sowjetunion 1971 das erste Einheitliche System Elektronischer Rechnertechnik (ESER) auf Basis der Kopien auf den Markt kam, wurde in den USA bereits die zweite Generation, die IBM/370-Großrechenarchitektur, vorgestellt.

 

Ein sowjetischer Programmierer führte Intel zum Erfolg

In den 1980er-Jahren herrschte in der IT-Branche Stillstand, ebenso wie in allen anderen technischen Bereichen in der UdSSR. Als sich die Lage später entspannte, wurden die Pläne aus den 1940er- bis 1960er-Jahren wieder aus der Schublade hervorgeholt und es gelang,  sowjetische Pendants zu IBM zu entwickeln, ganz eigene Entwicklungen blieben jedoch weiter aus.

Die Handhabung der damaligen Rechner war nicht mit der heutigen unkomplizierten und selbstverständlichen Nutzung zu vergleichen. Daran erinnert sich Maksim Moschkow, Programmierer und Analyst bei UBS sowie Begründer der ersten russischen E-Bibliothek „Lib.ru.“: „In dem Unternehmen, in dem ich tätig war, standen zwei Rechner von der Größe eines Schreibtischs, etwa anderthalb Meter hoch. Mithilfe dieser Rechner wurden die Gehaltsabrechnungen der Mitarbeiter gemacht, und sie wurden

zur Begleitung von wissenschaftlichen Experimenten eingesetzt. Der Arbeitsspeicher dieser PCs hatte 16 Megabytes.“ Der Aufwand war enorm: „Insgesamt wurden 15 Programmierer, Systementwickler und auch Laborgehilfen benötigt, um sie zu bedienen“, erzählt Moschkow.

Viele sowjetische Programmierer gingen später ins Ausland. So auch Wladimir Pentkowskij, ein ehemaliger Mitarbeiter des Lebedew-Instituts für Feinmechanik und Computertechnik, der zu einem der führenden Entwickler von Mikroprozessoren bei Intel wurde. Unter seiner Leitung stellte Intel 1993 den Pentium-Prozessor her. Pentkowskij nutzte für seine Entwicklungen bei Intel sein Know-how aus der Sowjetunion. Bereits zwei Jahre nach der Präsentation des Pentium-Prozessors brachte Intel dann eine neue Version des Prozessors auf den Markt – den Pentium Pro, der dem 1990 in der Sowjetunion vorgestellten Mikroprozessor El-90 sehr ähnlich war.

 

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