Anna Netrebko: „Lady Macbeth passt zu mir“

Аnna Netrebko wird oft mit der legendären Maria Callas verglichen – das ehrt die russische Operndiva, dabei ist sie selbst ein weltweit gefeierter Opernstar mit eigenem Stil. Am Samstag eröffnet sie die Opernsaison in New York. Das russische Publikum kann sie am 28. Oktober im Bolschoi-Theater bewundern.
Die Operndiva Anna Netrebko gibt an der New Yorker Met die Lady Macbeth. Foto: Getty Images/Fotobank
Die Operndiva Anna Netrebko gibt an der New Yorker Met die Lady Macbeth. Foto: Getty Images/Fotobank

Rossijskaja Gaseta: An der Metropolitan Opera von New York singen Sie in Verdis Oper „Macbeth" die Lady Macbeth. Das ist eine anspruchsvolle Rolle, an die sich bei Weitem nicht jede Primadonna heranwagt...

Anna Netrebko: Es war in der Tat ein großes Abenteuer. Ich hatte diese Idee, als ich die Königin in Donizettis „Anna Bolena" sang. Ich fragte mich, warum ich es nicht einmal mit Lady Macbeth versuchen sollte. Zwei Jahre lang habe ich mich darauf vorbereitet und mir die Rolle Schritt für Schritt angeeignet. Natürlich war das auch ein großes Risiko. Ich habe großen Respekt vor der Metropolitan Opera. Dort haben diese Rolle schon gewaltige Stimmen gesungen. Aber alles hat sich gut gefügt, die Besetzung war großartig wie auch Altmeister Fabio Luisi.

Lady Macbeth ist die erste Intrigantin in Ihrem Repertoire nach hochgeborenen Jungfrauen wie Jolanthe, Donna Anna und den komischen Figuren Adina und Norina. Wie haben Sie diese Umstellung gemeistert?

Erstaunlicherweise passte mir dieser negative Charakter wie angegossen, ich musste mich auf der Bühne nicht verstellen. Ich werde nie vergessen, was ich durchgemacht habe, als ich an der Rolle der Tatjana in Tschaikowskis „Eugen Onegin" arbeitete, die so überhaupt nicht zu mir passte und in der ich jede Geste und jeden Blick schauspielern musste. Mit Macbeth ist alles einfacher. Ich mag die Musik von Verdi und die Figur selbst, die mir, so kommt es mir vor, überhaupt keinen schauspielerischen Einsatz abverlangt. Eine sehr interessante Erfahrung.

Die Rolle der Lady Macbeth hat Ihr Repertoire einen weiteren Schritt an das der berühmten Maria Callas herangeführt. Schmeichelt Ihnen der Vergleich mit ihr?

Ein solcher Vergleich ist für mich eine große Ehre. Ich fühle mich aber künstlerisch nicht verwandt mit Callas. Es gab immer wieder Versuche, Maria Callas zu imitieren, äußerlich und stimmlich. Diese Sängerinnen sind allerdings nie weit gekommen. Ich bin fasziniert von Callas' absoluter Musikalität, ihrem genauen Gefühl für Rhythmus, Phrase, Stil. Wenn man hört, wie sie singt, versteht man, wie ein Part klingen muss.

Sie haben es weit gebracht. Was haben Sie noch vor? „Aida"? „Tosca"?

Ja, „Aida" steht bei mir auf dem Programm, ebenso die „Norma". Da habe ich schon einige Pläne. Ich arbeite derzeit an einem Repertoire, das Kraft und Technik fordert. Beide Rollen erfordern einen maximalen Einsatz

kreativer und körperlicher Kraft... Vor Kurzem habe ich ganz spontan die „Vier letzten Lieder" von Richard Strauss gesungen und mit Daniel Barenboim in Berlin aufgezeichnet. Das war ein weiterer Durchbruch in meinem Repertoire. Eine opulente, sehr schöne und leichte Musik, die ich mir erschlossen habe. Ich bringe sie mit großem Vergnügen nach Sankt Petersburg, vielleicht lässt sich Waleri Gergijew als Dirigent gewinnen.

Darf man Ihnen zu den Veränderungen in Ihrem Privatleben gratulieren?

Privat läuft alles wunderbar, wir sind alle glücklich, danke. Mit Yusif Eyvazov (Yusif Eyvazov ist ein aserbaidschanischer Operntenor und der Verlobte von Anna Netrebko, Anm. d. Red.) werde ich noch diesen Monat auf dem Opernball für Jelena Obraszowa im Bolschoi-Theater auftreten. Wir singen das Duett aus Puccinis „Manon Lescaut". Ich lebe in Wien, da mein Sohn aber in New York zur Schule geht, muss ich zwischen den Ländern und Kontinenten pendeln.

Was machen Ihre Fortschritte in der deutschen Sprache?

Mit der gesprochenen Sprache bin ich leider bisher noch nicht weitergekommen, mir fehlt die Zeit. Außerdem sprechen um mich herum alle

Englisch. Dabei ist es mir ehrlich gesagt sehr unangenehm, dass ich nach den vielen Jahren in Wien immer noch kein Deutsch spreche. Aber bald werde ich mich an die Arbeit machen müssen, dann steht für mich die Elsa aus Wagners „Lohengrin" auf dem Plan.

Haben Sie eine Einladung nach Bayreuth?

Nein, ich arbeite noch an meinem Auftritt in der Dresdner Semperoper mit dem polnischen Tenor Piotr Beczała und dem Dirigenten Christian Thielemann in eineinhalb Jahren. Ich bekomme Anfragen für Bayreuth, kann aber noch keine verbindliche Zusage machen. Ich muss erst proben, fühlen, wie sich die Rolle in meine Stimme fügt. Wagner in Bayreuth zu singen ist natürlich eine Ehre, was könnte es Größeres geben.

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