Russische Filmwoche Berlin: Weibliche Power, europäisches Niveau

28. November 2014 Dmitry Vachedin, für RBTH
Starke Frauen – vor und hinter der Kamera – stehen im Mittelpunkt vieler Filmbeiträge der zehnten Russischen Filmwoche, die vom 26. November bis 3. Dezember in Berlin stattfindet. Den Besucher erwartet europäisches Kino mit russischer Seele, jenseits der weltpolitischen Geschehnisse.
Eine Szene aus dem Film von Anna Melikjan "Der Star". Foto: Kinopoisk.ru
Eine Szene aus dem Film von Anna Melikjan "Der Star". Foto: Kinopoisk.ru

Zum zehnten Mal findet in Berlin die russische Filmwoche statt, in diesem Jahr vom 26. November bis zum 3. Dezember. Sie ist ein Andenken an die Zeit, in der die russisch-deutschen Beziehungen besser waren, zeigt aber auch, wie die aktuelle Krise überwunden werden kann – durch Kultur, durch Wiederentdecken der Gemeinsamkeiten und Verständnis für die Unterschiede. Gerade jetzt ist es wichtig zu verstehen, wie der andere denkt. Und das kann kaum besser vermittelt werden als durch einen Film.

Im Kino International, in dem die Filmwoche eröffnet wurde, schien die Politik weit entfernt zu sein – zur Erleichterung des Publikums und der Organisatoren um Julia Kuniß und Anna Leonenko von der Agentur Interkultura. Ein Kinobesucher brachte das Thema dann aber doch noch auf die Tagesordnung. Er bat in der Diskussionsrunde im Anschluss an den Eröffnungsfilm „Der Star“ den Schauspieler Pawel Tabakow um eine Stellungnahme zu seiner Rolle, die nach Meinung des Kinobesuchers „Verständnis für Putins Ukraine-Politik“ zeige. Allerdings ging es in dem Film weder um Putin noch um die Ukraine, ganz im Gegenteil, den Kinobesuchern sollte die Gelegenheit geboten werden, einmal von den Nachrichten abzuschalten.

 

Traumfabrik Moskau

Der Star im Film „Der Star“ von Anna Melikjan ist die bislang eher unbekannte Schauspielerin Severija Janusauskaite. Überzeugend spielt sie die Rolle der Jungschauspielerin, die erfolgslos von einem Casting zum nächsten zieht und süchtig nach Schönheitsoperationen ist. Ihr Gegenpart

ist eine verbitterte Oligarchen-Gattin, die eine tödliche Diagnose erhalten hat. „Der Star“ ist ein Film, der zeigt, dass der starke russische Frauenfilm wieder auf dem Vormarsch ist, was sich schon beim „Kinotavr“-Festival im Juni in Sotschi abzeichnete. Den oberflächlichen Charakteren in „Der Star“  verleiht die Schauspielkunst der Darstellerinnen Tiefe. Das Bild von Moskau pendelt zwischen blassem Naturalismus und einer märchenhaften Traumfabrik. Der Film vereint geschickt Genre-Klischees mit Arthaus-Elementen – er bringt einen zum Lachen, er bringt einen zum Weinen. Wer den Film verpasst, den bestraft das Leben. 

Am zweiten Tag wurde Oksana Bytshkowas Film „Noch ein Jahr“ gezeigt. Darin geht es um ein junges Paar mit unterschiedlichen Lebensstilen. Sie arbeitet in einem schicken Loft, liebt Kieslowski und Kunstausstellungen. Er verdient sein Geld als Taxifahrer im nächtlichen Moskau, kann mit Kunst nichts anfangen und verachtet ihre Freunde. Die beiden können nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander, wie sie feststellen müssen. Dieser Film ist nicht so bunt und schrill wie „Der Star“, sondern präziser und subtiler. Das Drehbuch stammt von  Natalja Meschtschaninowa und Ljubow Mulmenko, die in diesem Jahr schon mit anderen Projekten das Frauenkino vorangebracht haben. „Noch ein Jahr“ ist auf jeden Fall eine Alternative zur Beziehungsberatung

Eine Szene aus dem Film von Oksana Bytschkowa "Noch ein Jahr". Foto: Kinopoisk.ru

Anna Melikjan und Oksana Bytschkowa schaffen mit ihren Filmen das, woran viele ihrer männlichen Kollegen gescheitert sind: europäisches Kino mit russischer Seele. Sie schaffen in ihren Filmen ganz selbstverständlich die Verbindung zwischen den europäischen und den russischen Eigenheiten, bleiben dabei nicht zu lokal und werden nicht realitätsfremd, das war lange Zeit eine Seltenheit. Es ist bedauerlich, dass das im Westen aufgrund des aktuellen politischen Klimas kaum Beachtung findet. Der russische Film ist bereit, Staatsgrenzen und kulturelle Unterschiede zu überwinden. Davon können sich die Besucher der Russischen Filmwoche überzeugen.

Einige Filme, die durchaus gegenwartskritisch sind, wurden in Russland übrigens staatlich gefördert, weiß die „Berliner Zeitung“ zu berichten. Dazu gehören Filme wie „Der Sohn“ und „Die Korrekturklasse“. Der zuletzt genannte Film hat nicht nur beim „Kinotavr“ in Sotschi, sondern auch beim Filmfestival des osteuropäischen Films in Cottbus für Aufsehen gesorgt. 

Wer Naturaufnahmen mag, beispielsweise von der endlosen Steppe, und ein Gefühl von Freiheit und Poesie erleben will, für den empfiehlt sich „Der Test“ von Alexander Kott. Bei der  Langen Nacht des russischen Studentenfilms am 30. November im Filmtheater am Friedrichshain bekommen Nachwuchsdrehbuchschreiber eine Chance. Die Russische Filmwoche läuft noch bis zum 3. Dezember – Zeit genug, um wieder mal ins Kino zu gehen. 

 

Das Filmprogramm des Festivals gibt es hier zum Download.

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