Fünf Gründe, warum Sie „Leviathan“ sehen sollten

21. Januar 2015 Anton Dolin, für RBTH
Golden Globe, Goldene Palme, Fipresci – das sind nur einige der namhaften Auszeichnungen, die Andrej Swjaginzews Film „Leviathan“ gewonnen hat. Er ist für den Oscar und den BAFTA Award nominiert. Der renommierte russische Filmkritiker Anton Dolin nennt fünf Gründe, warum man den Film gesehen haben muss.
V.l.n.r.: Die Schauspieler Wladimir Wdowitschenkow, Jelena Ljadowa, Roman Madjanow, der Regisseur Andrej Swjaginzew und der Schauspieler  Alexej Serebrjakow während der Internationalen Filmfestspielen von Cannes im Mai 2014. Foto: Denis Makarenko / RIA Novosti
V.l.n.r.: Die Schauspieler Wladimir Wdowitschenkow, Jelena Ljadowa, Roman Madjanow, der Regisseur Andrej Swjaginzew und der Schauspieler Alexej Serebrjakow während der Internationalen Filmfestspielen von Cannes im Mai 2014. Foto: Denis Makarenko / RIA Novosti

Andrej Swjaginzews „Leviathan" ist der erfolgreichste russische Film nicht nur des letzten Jahres, sondern des letzten Jahrzehnts. Der Golden Globe ist der erste für einen russischen Film seit „Krieg und Frieden" von Sergej Bondartschuk im Jahr 1969. Vier Nominierungen für die Auszeichnungen der European Film Academy, bester Film bei den Filmfestspielen in London, bestes Drehbuch in Cannes – das ist nur eine unvollständige Aufzählung der Ehrungen. Nun hat Swjaginzews Werk sogar Aussichten, den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film" zu gewinnen. Zum ersten Mal ginge es dann nicht um inszenierte Abbilder der Wirklichkeit, sondern um ein hartes Lebensdrama aus der Provinz. Ein solches Russland haben US-amerikanische Medienwissenschaftler bisher noch nicht auf der Leinwand gesehen.

 

Russlands bedeutendster zeitgenössischer Regisseur

Heute ist Swjaginzew der russische Regisseur. Ein Glückspilz, dessen verspätetes Debüt „Die Rückkehr" im Jahr 2003 gleich zwei Goldene Löwen in Venedig erhielt. „Die Verbannung" – in Europa mit russischen und einer schwedischen Schauspielerin gedreht – wurde in Cannes für die beste männliche Rolle, gespielt von Konstantin Lawronenko, ausgezeichnet. Dort bekam auch Swjaginzews „Elena" den Certain Régard. „Leviathan" ist zweifellos sein bestes, schwierigstes und kompromisslosestes Werk und erfüllt zudem die Erwartungen, die das Publikum an einen russischen Film stellt. Gleichzeitig enttäuscht der Film sie aber auch.

 

Magische Bildgewalt

Das langwierige, melancholische Drama des Überlebens in der grauen Provinz zieht sich hin. Die Natur ist grausam und malerisch zugleich. Das wird von Swjaginzew seit seiner magischen Rückkehr erwartet. Die Schicksale der Helden sind kompliziert und tragisch. Jede Aufnahme – ein Gemälde und nicht bloß meisterhaftes Handwerk – lässt eine Metapher oder ein Symbol erkennen. Die einen sind dadurch verzaubert, die anderen eher gereizt. Der Leviathan ist eine biblische Gestalt, aber es bleibt unklar, ob er ein Drachen oder ein Wal ist. Hier sind an der Küste des Weißen Meeres Knochen eines Ungeheuers zu erblicken, dort taucht im stürmischen Ozean eine Schwanzflosse auf, mal tritt plötzlich ein Priester an den Helden heran und hält eine Mini-Predigt über den Propheten Hiob, aus dessen Buch die Gestalt Leviathans stammt. Zugleich enthält das Werk Swjaginzews alles, was der russische metaphysische Film für gewöhnlich entbehrt: eine direkte politische Botschaft, ausgezeichnete Schauspielerarbeit, realistische Dialoge und schwarzen Humor.

 

Aktuell und provozierend

„Leviathan" ist der aktuellste und provokanteste Film, der seit Langem in Russland gedreht wurde. Es geht darin um den Kampf eines einfachen

Handwerkers gegen den Staatsapparat, den Thomas Hobbes einst Leviathan nannte. Die Ehefrau des Handwerkers, sein minderjähriger Sohn und ein alter Armeefreund aus Moskau, Rechtsanwalt von Beruf, unterstützen ihn, als der Bürgermeister des Städtchens ihm Haus und Grund wegnehmen will. Doch der Film von Swjaginzew ist keine bloße Verurteilung des Systems, sondern eine tiefergehende Analyse seiner Wurzeln. Das Problem sind nicht die Korruption und die totale Verflechtung der Machthaber untereinander. Es besteht darin, dass die wichtigste moralische Instanz, die Russisch-Orthodoxe Kirche, die Schandtaten absegnet. Bislang haben nur einige bestimmte Künstler es gewagt, dieses Heiligtum zu entweihen, Pussy Riot zum Beispiel. Indirekt bezieht sich der Film ein paar Mal auf deren Aktion.

 

Allgemeingültigkeit

Die große Fangemeinde des Werks, angefangen von der Neuseeländerin Jane Campion, Jury-Vorsitzende von Cannes, wo der Film ausgezeichnet wurde, schätzt daran weniger das Porträt von Putins Russland als vielmehr seinen universellen Ausdruck. Selbst für jemanden, der sich mit Politik nicht auskennt, ist „Leviathan" ein mächtiges Drama, ja gar eine Tragödie im antiken Sinne, in der die Läuterung durch Schmerz und Leid geschieht. Wie der Humor, so auch die Lyrik Swjaginzews: Sein philosophischer Blick auf den Stellenwert des Menschen in der Natur und im Kosmos werden jedem Zuschauer überall auf der Welt klar werden.

 

Reales Vorbild

Inspiriert wurde Swjaginzew von der Geschichte des US-Amerikaners

Marvin Heemeyer, dem Besitzer einer Reparaturwerkstatt. Auf dem Gelände seiner Werkstatt sollte eine Zementfabrik errichtet werden, wodurch die Zufahrt zu Heemeyers Betrieb blockiert gewesen wäre. Er sah seine Existenz bedroht und lief schließlich Amok: Er schweißte sich in einer Planierraupe ein und legte die halbe Stadt in Schutt und Asche, darunter auch das Zementwerk. Am Ende beging er Suizid. Swjaginzews „Leviathan" endet anders, aber die Parallelen zum Fall Heemeyer machen neugierig. Auch der Soundtrack ist „made in USA". Er stammt aus der Oper „Echnaton" des US-amerikanischen Komponisten Philip Glass.

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