Alexej German: „Russland verlor sich selbst zu oft“

5. Februar 2015 Anton Dolin, für RBTH
Bei der 65. Berlinale geht auch ein russischer Film ins Rennen: das vielschichtige und figurenreiche Fresko „Unter Stromwolken“ von Alexej German. Der russische Kinokritiker Anton Dolin sprach mit dem Regisseur über das Werk.
Foto: PhotoXPress
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Eine Zuwendung zur Gegenwart: War das schwer? Was ist bei diesem Werk anders als bei den historischen Arbeiten?

Es brauchte fünf sehr schwere Jahre. Für mich stand die Filmkunst immer in der Tradition der Malerei. Die fertigen Pfade der modernen, angeblich nichtfiktionalen Kinematografie gehe ich nicht. Was mich angeht, so spricht der russische Film impressionistisch; die Wirklichkeit wird verschärft, nicht kopiert.
Vergleicht man den modernen und den historischen Film, so ist die Zeit jetzt neu. Alles ist anders: Informationsdichte, Zeitwahrnehmung, Farbkombination. Daher war dieser Film für uns viel schwieriger als die vorherigen, geschichtlichen. Ein Film, der über eine andere Epoche erzählt, ist im gewissen Sinn immer eine Stilisierung und hat einen klaren Bezugspunkt.

Die Gegenwart entsteht im Hier und Jetzt und rinnt uns durch die Finger. Daher ist es schwieriger, mit ihr zu arbeiten. Du musst nicht festhalten, was ist, sondern die Zukunft vorhersagen. Das Bild ergibt sich nicht auf einmal.


Was war die Grundlage für das Drehbuch? Gab es Literaturquellen oder bestimmte reale Tatsachen und Ereignisse für das Sujet?

Wir schrieben das Drehbuch ohne Grundlage oder Quellen. Im Grunde ist es für sich genommen ein literarisches Werk und kann so veröffentlicht werden. Geschrieben wurde lange. Denn ein natürliches Geflecht entsteht in der Literatur erst, wenn das Kunstspiel mit der Wahrheit im Text zu wirken beginnt und die nächsten Handlungsschritte eigendynamisch vorhersagt. Dafür braucht man immer enorme Energie und Zeit. Was das

Echo der Wirklichkeit anbelangt, so haben viele meiner Helden ihre Prototypen. Aber konkrete Schicksale standen mir nicht Modell, sondern das Wesen des Menschen. Ich versetzte einige meiner Bekannten in bestimmte Umstände und erschuf so literarische Helden.

Worin bestehen psychologische und künstlerische Schwierigkeiten, wenn junge russische Regisseure sich modernen Stoffen zuwenden? Was lässt sich an der heutigen Wirklichkeit Russlands verfilmen? Was bleibt für den Film unaussprechlich?

Leider ist Russland ein Land, das sich selbst im letzten Jahrhundert zu oft verlor. Unsere Mythologie ist künstlich, weil verloren. Unsere Traditionen sind ein Mix vergangener Epochen. Die Begriffe „gut" und „schlecht" variieren unzulässig oft. Unsere Gesellschaftsstruktur ist hektisch und chaotisch. Wir sind eine große Nation, haben uns aber nicht entschieden: Sind wir das Russische Reich, die UdSSR oder etwas Eigenes? Es ist eine merkwürdige Schmelze, in der wir leben: kommunistisch, orthodox,

imperial, konsumorientiert und kreditfinanziert.

Die Kunst kann das Flüchtige, Skizzierte wahrlich nicht festhalten. Daher muss leider der Großteil erfolgreicher russischer Filme die Wirklichkeit vereinfachen, die Komposition stilisieren, sonst sind die Widersprüche Russlands wohl kaum alle zu fassen.

Außerdem sind wir ein Land frei von Ästhetik. Die russische Architektur heute ist ein Nachbau, das Design ist angepasst, die Pflege des historischen Erbes wird gerade konzipiert. Mit anderen Worten: Bei uns ist es schwierig, beispielsweise in Moskau zu drehen. Deshalb drehen viele in der Provinz, wo man die Fiktion des Films irgendwie arrangieren kann.

Was löst die Teilnahme an eben dieser Berlinale bei Ihnen aus? Haben Sie eine eigene Geschichte mit Deutschland und Berlin?

Wir sind so geschafft und fertig von der Arbeit, dass wir nur eins denken: Wann ist es endlich vorbei? Zuviel Energie ist verbraucht. Keine Kraft für Emotionen. Mit Berlin verbinde ich Medizin. Mein Vater war hier zur Behandlung, meiner Mutter haben die Ärzte hier das Leben gerettet.


СHRONIK: Sowjetische und russische Preisträger auf der Berlinale

 

1975 • „Hundert Tage nach der Kindheit" von Sergej Solowjow: Der Silberne Bär für die beste Regie 

1987 • „Das Thema" von Gleb Panfilow: Der Goldene Bär für den besten Film

1977 • „Aufstieg" von Larissa Schepitko: Der Goldene Bär für den besten Film

1991 • „Der Satan" von Wiktor Aristow: Spezialpreis der Jury

1981 • „26 Tage aus dem Leben Dostojewskis" von Alexandre Zakhi: Der Silberne Bär für den besten Darsteller (Anatolij Solonitsyn)

1983 • „Auf eigenen Wunsch verliebt" von Sergej Mikaeljan: Der Silberne Bär für die beste Darstellerin (Jewgenija Gluschenko)

1994 • „Das Jahr des Hundes" von Semjon Aranowitsch: Der Silberne Bär für eine künstlerisch besondere Leistung

1984 • „Frontromanze" von Pjotr Todorowski: Der Silberne Bär für die beste Darstellerin (Inna Tschurikowa)

1999 • „Der Pharao" von Sergej Owtscharow: Der Goldene Bär für den besten Kurzfilm

1986 • „Die Reise eines jungen Komponisten" von Georgi Schengelaja: Der Silberne Bär für die beste Regie

1988 • „Die Kommissarin" von Alexander Askoldow: Spezialpreis der Jury

1990 • „Das asthenische Syndrom" von Kira Muratowa: Spezialpreis der Jury

2010 • „Wie ich diesen Sommer beendete" von Alexej Popogrebskij: der Silberne Bär für den besten Darsteller (Grigorij Dobrygin und Sergeij Puskepalis) und der Silberne Bär für herausragende künstlerische Leistung (Pavel Kostomarov)

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