Kinofilm „Kind-44“ wird in Russland nicht gezeigt

Der russische Filmverleih Central Partnership verzichtet in Absprache mit dem russischen Kultusministerium darauf, den Film „Kind 44“ über einen Kindermörder in der Stalin-Zeit zu zeigen. Der Grund: angebliche Geschichtsverzerrung. Auf Central Partnership können nun hohe Kosten zukommen.
„Kind 44“ kommt nicht in russische Kinos. Foto: Kinopoisk.ru
„Kind 44“ kommt nicht in russische Kinos. Foto: Kinopoisk.ru

Laut einer Mitteilung auf der Internetseite des russischen Kultusministeriums hat der russische Filmverleih Central Partnership, der zur Gazprom Media Group gehört, seinen Antrag auf die Verleihlizenz für den Film „Kind 44" (russischer Titel „Номер 44", zu Deutsch „Nummer 44") der Filmgesellschaft LionsGate zurückgenommen. Der Thriller des Regisseurs Daniel Espinosa mit Gary Oldman und Tom Hardy sowie Vincent Cassel und Noomi Rapace in den Hauptrollen sollte ursprünglich am Donnerstag in mehr als 500 russischen Kinos starten. Gedreht wurde der Film mit einem Budget von 45 Millionen Euro. Central Partnership erklärte, „alle aus dieser Entscheidung entstehenden wirtschaftlichen Konsequenzen" zu tragen.

 

Teurer Verzicht

Bei der Pressevorstellung des Films am Dienstag waren neben der Verleihfirma auch Vertreter des Kultusministeriums anwesend. In einer Mitteilung des Kultusministeriums heißt es nun, Central Partnership und das Ministerium seien übereingekommen, dass eine Vorführung des Films „im Vorfeld der Feiern zum 70. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg nicht hinnehmbar" sei.

„Wir haben versucht das Drehbuch, die Produktion und die Synchronisierung anzupassen", erklärte Central-Partnership-Hauptgeschäftsführer Pawel Stepanow in einer Erklärung des Filmverleihs. Doch sei man nicht zu einem für das Unternehmen zufriedenstellenden Ergebnis gekommen. „Wir halten es für wichtig, dass die staatliche Verleihkontrolle von Filmen mit einem reichen soziokulturellen Kontext zukünftig verstärkt wird", heißt es in der Mitteilung Stepanows weiter.

Nach Angaben einer Filmproduktionsfirma können die Kosten für die Vermarktung eines solchen Films zwischen 95 000 und 470 000 Euro liegen. Bislang gab es für „Kind 44" noch keine Fernsehwerbung. Der Film war Bestandteil eines Pakets, dieses zu erwerben sei eine Fehlentscheidung gewesen, meint ein Experte. Er findet, die russische Seite hätte das Drehbuch lesen müssen und bei dem Verdacht, dass der Film als antirussisch oder antisowjetisch aufgefasst werden könne, einen Ausschluss des Films aus dem Paket verlangen sollen. Nun werde Central Partnership mit den Filmproduzenten wohl verhandeln müssen, dass die verlorenen Einnahmen durch die Vorführung eines anderen Films dieses Produzenten kompensiert werden.

 

Wer wagt sich in Zukunft noch an historische Filme?

Alexander Rodnjanskij, Filmproduzent und Mitgesellschafter von A Company, einem Verleiher internationaler Filme in Russland, nennt den freiwilligen Verzicht auf eine Verleihlizenz ein Novum in der Geschichte der russischen Filmvermarktung. „Das zeugt schon sehr von einem Mangel an Professionalität: die Rechte an dem Film erwerben, den Tag der Veröffentlichung abwarten, den Antrag auf die Lizenz zurückziehen und dabei eigenes Geld in den Sand setzen", wundert er sich.

Das sei ein schlechtes Zeichen für den gesamten russischen Filmmarkt: „Früher erschienen bei uns durchaus auch Filme, die Sowjets oder Russen nicht immer im besten Licht zeigten. So etwas wie diesmal ist aber noch nie passiert", betont Rodnjanskij. „Jetzt muss wohl alles, was die Vergangenheit

betrifft, einem gewissen Konsens entsprechen. Danach setzt eine Selbstzensur ein. Viele hier werden sich in Zukunft scheuen, (historische) Filme einzukaufen und vorzuführen", meint er.

Der Film „Kind 44" basiert auf dem gleichnamigen Buch des britischen Schriftstellers Tom Rob Smith. Der Film erzählt von Lew Demidow (gespielt von Tom Hardy), einem Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der UdSSR, der zu Stalin-Zeiten in einer Serie von Kindermorden in der Provinz ermittelt. Im Verlauf der Ermittlungen stößt er auf die Probleme eines totalitären Systems: Die Sicherheitsorgane weigern sich, die Existenz eines Serienmörders anzuerkennen, fordern von dem Protagonisten, sich von seiner Ehefrau loszusagen, und suspendieren ihn letztendlich vom Dienst. Die Handlung von „Kind 44" spielt im Jahr 1953. Die Grundlage für das Buch legte die Biografie des sowjetischen Serienkillers Andrej Tschikatilo. Der Buchautor betont allerdings, dass „einer der wichtigsten Protagonisten des Buches das Sowjetrussland ist – eine ungeheure Mischung aus Horror und Absurdität".

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei RBC Daily

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