Grün und weiblich: Der russische Pavillon auf der Biennale in Venedig

19. Mai 2015 Oleg Krasnow, RBTH
Am 9. Mai wurde in Venedig die 56. Kunstbiennale eröffnet. Den russischen Pavillon gestaltete erstmalig ein reines Frauenteam, bestehend aus der russischen Künstlerin Irina Nachowa und der US-amerikanischen Kuratorin Margarita Tupizyna. Im Interview mit RBTH berichtet Nachowa von ihren ersten Schritten als Künstlerin.
Der russische Pavillon auf der Biennale in Venedig Foto: Pressebild
Der russische Pavillon auf der Biennale in Venedig Foto: Pressebild

RBTH: Erzählen Sie uns etwas über das Biennale-Projekt.

Irina Nachowa: Unser Projekt heißt „Der Grüne Pavillon". Der Name war die Idee von Margarita Tupizyna. Er ist so neutral, dass er keinerlei Rückschlüsse zulässt. Ein Name, der in Erinnerung bleibt, doch sein Geheimnis bewahrt. Der Pavillon ist das Erste, was das Publikum sieht. Er hatte zuletzt die Farbe eines trockenen Sandkuchens. Als ich ihn vor Jahren das erste Mal sah, dachte ich sofort, dass die Farbe nicht dazu passt. Es war nicht stimmig. Es wurde zu einer fixen Idee von mir, dem Pavillon einen neuen Anstrich zu verpassen. In Gesprächen mit Historikern fand ich heraus, dass der ursprüngliche Entwurf des Architekten Alexej Schtschusew grün war.

Im Inneren erwartet die Besucher eine „totale" Installation, gewissermaßen in Gedenken an Schtschusew. Ich fühle eine Verbindung zu ihm.

Die ersten totalen Installationen richteten Sie in ihrer Wohnung ein. Warum?

Eigentlich aus der Not heraus. Ich wollte mir einen anderen Raum schaffen, die unerträgliche Situation damals verändern.

Die Künstlerin Irina Nachowa gestaltet den russischen Pavillon auf der 56. Kunstbiennale.Foto: Pressebild

Wie wurden Sie Künstlerin? Wie kam es dazu?

Als ich 13 Jahre alt war, lernte ich den Konzeptualisten Wiktor Piwowarow und seine Familie kennen. Es ist erstaunlich: Damals hielt ich seinen kleinen Sohn Pascha Pepperstein noch im Arm und drei Jahrzehnte später nahmen wir gemeinsam an einer Ausstellung in London teil. Wiktors Werke haben mich damals gefesselt. Sie waren so frisch und außergewöhnlich. Er führte mich in seinen Kreis ein, stellte mich vielen Künstlern und Schriftstellern vor. Das Treffen mit ihm hat meine weitere Entwicklung als Künstlerin beeinflusst.

Mit den Installationen begann ich Anfang der 1980er-Jahre in meinem Apartment. Die Maße kenne ich auswendig: etwa vier mal vier Meter. Dort wohne ich noch heute.

Ich beschäftigte mich viel mit Malerei, doch der Raum weckte mein besonderes Interesse, hat mich immer gereizt. Ebenso die Verwendung

architektonischer Elemente in meinen Bildern. Mark Rothko liebe ich abgöttisch: Er verzichtet auf jegliche Elemente und erschafft in seinen Gemälden bloßen Raum, der allerdings nur lebensecht wahrgenommen werden kann.

Die Zeiten damals waren erdrückend, eine Art breschnewsche Stagnation. Ich hatte den Eindruck, dass überhaupt nichts passiert und sich alles im Kreis dreht: Freunde und die Kunst. Viele kreative Menschen verfielen damals in Depressionen. Der einzige Ausweg schien, die eigene Umwelt radikal zu verändern, zum Architekten seiner „Reise" zu werden. Also gestaltete ich die erste Installation für mich persönlich aus Farbe und Papier, das ich aneinanderklebte. So erweiterte ich den Raum um mich herum.

Sie hatten ihre erste eigene Ausstellung in New York. Wie kam es dazu?

Im Jahr 1988 fand in Moskau die erste Sotheby´s-Auktion statt. Russische Avantgardisten und zeitgenössische Künstler waren dort. Eine eklektische Auswahl. Ich war eine der jüngsten Teilnehmerinnen und zweifelte sehr daran, dass diese Ausstellung irgendwas mit Kunst zu tun hatte. Ich verstand sie eher als eine politische Geste. Das Land hatte sich

abgeschottet und doch kamen diese Sammler und Galeristen aus dem Westen.

Die berühmte US-amerikanische Galeristin Phyllis Kind war beeindruckt und zeigte daraufhin Werke russischer Künstler in New York, auch von mir. Kuratorin einer der Ausstellungen war übrigens Margarita Tupitsyna.

Sie haben viele große totale Installationen in Europa und den USA gestaltet. Welches Schicksal erwartet die Werke nach den Ausstellungen?

Einige bleiben in den Museen, andere werden abgebaut. Ihr weiteres Schicksal ist mir oft nicht bekannt. Bei Norton Dodge im Zimmerli Art Museum in New Jersey blieb meine Installation aus 16 riesigen Reliefs, ein modernes Pompei, nach der Ausstellung Momentum Morti zurück. Die Reliefs wurden später in Dodges Lager in Maryland aufbewahrt. Nach seinem Tod erreichte mich ein Brief: „Was soll mit Ihrer Installation geschehen? Könnten Sie sie abholen?" Ich antwortete: „Bedauere, ich kann nicht!" Vielleicht existiert sie nicht mehr. Vielleicht ist sie einfach auf einer Müllhalde gelandet.

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