Zwischen den Zeilen von „Krieg und Frieden“

Poster zur sowjetischen Verfilmung von „Krieg und Frieden“ unter der Regie von Sergei Bondartschuk. Der Film erhielt 1969 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Poster zur sowjetischen Verfilmung von „Krieg und Frieden“ unter der Regie von Sergei Bondartschuk. Der Film erhielt 1969 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

kinopoisk.ru
Vom 8. bis zum 11. Dezember 2015 findet ein weltweiter Online-Lesemarathon zu Leo Tolstois berühmtem Roman „Krieg und Frieden“ statt. RBTH stellt einige interessante Fakten vor. Stimmen Sie sich ein auf eines der größten Dramen der Weltliteratur.

1. Tausend Seiten Schicksal

Der Roman füllt 1 300 Seiten eines üblichen Buchformats. „Krieg und Frieden“ zählt nicht nur zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur, sondern auch zu den umfangreichsten der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Die beiden ersten Auflagen erschienen in vier Teilen, spätere in sechs. 1873, als der Roman das dritte Mal in Druck gehen sollte, änderte Tolstoi die Aufteilung des Textes in vier Bände.

2. Von den Dekabristen zu den napoleonischen Kriegen   

Anfangs wollte Tolstoi seinen Roman nicht den napoleonischen Kriegen widmen, sondern einem alten Dekabristen, der aus der sibirischen Verbannung kommt. Als Dekabristen werden die Adeligen, die am 14. Dezember 1825 den Aufstand zur Entmachtung des Zaren probten, bezeichnet. Tolstoi erkannte jedoch schnell, dass er die revolutionären Motive seines Helden nicht darstellen konnte, ohne dessen Jugendjahre zu beschreiben, die von den napoleonischen Kriegen geprägt waren. Er musste zudem damit rechnen, dass seine Darstellung des versuchten Staatsstreichs die Zensur auf den Plan rufen würde. So verwandelte sich die geplante „Geschichte eines Dekabristen“ in einen epischen Roman.

3. Die Hochzeitsnacht fiel der Zensur zum Opfer      

Mit Rücksicht auf die zu erwartende Zensur und auf Drängen seiner Frau Sofja Andrejewna strich der Schriftsteller seine recht detaillierten Passagen über die Hochzeitsnacht seines zentralen Romanhelden Pierre Besuchow und dessen erster Frau Helene aus dem Manuskript. Sofja Andrejewna konnte ihren Mann davon überzeugen, dass die kirchliche Zensur diese Textstellen nicht billigen würde.

 4. Der tragische Tod einer triebhaften Frau   

Mit Helene Besuchowa, für Tolstoi offensichtlich die Verkörperung der „dunklen Triebkräfte der Sexualität“, verbindet sich auch die skandalträchtige Wendung der Romanhandlung. Helene, eine junge Frau in der Blüte ihres Lebens, stirbt unerwartet im Jahr 1812 und lässt Pierre verwitwet zurück, der nun Natascha Rostowa heiratet. Russische Schüler, die den Roman durchschnittlich mit etwa 15 Jahren lesen, fassen diesen unerwarteten Tod meist als Stilmittel auf, um die Handlung zu entwickeln. Wer sich im Erwachsenenalter den Roman ein zweites Mal vornimmt, weiß die Anspielungen Tolstois besser zu deuten und begreift, dass Helene an den Folgen einer missglückten Abtreibung stirbt.

Poster zur sowjetischen Verfilmung unter der Regie von Sergei Bondartschuk. Quelle: kinopoisk.ru

5. Reale Vorbilder

Die Beschreibung der Adelsfamilien Rostow und Bolkonski lehnt Tolstoi recht eng an seine eigenen Vorfahren an, die alten russischen Fürstenhäusern entstammten. So zeichnet die Figur Nikolai Rostow weitgehend seinen eigenen Vater Nikolai Tolstoi nach, einen Helden des Vaterländischen Kriegs von 1812 und Fähnrich das Pawlograder Husarenregiments. Unter diesem Namen wird diese Armee auch im Roman eingeführt. Marja Bolkonskaja ähnelt Tolstois Mutter Marja Nikolajewna, eine geborene Fürstin Bolkonskaja. Sehr detailliert werden auch die Umstände ihrer Hochzeit beschrieben, die Lyssyje Gory haben eine offensichtliche Ähnlichkeit mit Tolstois Anwesen in Jasnaja Poljana.

Nach dem Erscheinen des Romans konnte diese Bezüge nur erahnen, wer die Tolstois gut kannte. Wikipedia gab es damals noch nicht, und Tolstoi selbst versicherte, dass die Namen der wichtigsten Romanfiguren Bolkonski, Drubezkoi, Kuragin auf die realen russischen Adelsfamilien Wolkonski, Trubezkoi, Kurakin nur deshalb anspielten, weil er seinen Romanstoff auf diese Weise besser in einen historischen Kontext stellen und er so reale historische Personen „sprechen“ lassen konnte, von dem Moskauer Generalgouverneur Fjodor Rostoptschin bis zu Napoleon und Zar Alexander I.

6. Die fleißige Sofja   

Während der Arbeiten an dem Roman schrieb Tolstois Frau Sofja den Text vollständig ab, vom Anfang bis zum Ende und das insgesamt acht Mal. Manche Episoden brachte sie bis zu 26 Mal zu Papier. Fünf Jahre dauerte es bis zur Fertigstellung, von 1863 bis 1869. Ein Jahr vor Beginn seiner Arbeiten an diesem Werk heiratete der damals 34-jährige Tolstoi die 18-jährige Sofja, die auch die Aufgaben einer Sekretärin übernahm. Zudem brachte sie während der Entstehungszeit des Romans vier von insgesamt 13 Kindern zur Welt. 

7. Hoffähiges Französisch

Das Französisch in „Krieg und Frieden“ entspricht der echten aristokratischen französischen Sprache des 19. Jahrhunderts. Das kann der namhafte französische Slawist Georges Nivat, der selbst fließend Russisch spricht, bestätigen. Diese Sprache wurde jedoch eher in der Mitte des 19. Jahrhunderts gesprochen. Die Romanhandlung spielt mehr zu Beginn des Jahrhunderts.

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