Gaito Gasdanow: Taxifahrer bei Nacht, Autor bei Tag

3. September 2016 Yolanda Delgado
Der Russische Bürgerkrieg brachte Gaito Gasdanow über Umwege nach Paris, wo er aus prekären Bedingungen heraus zum gefeierten Schriftsteller wurde. Seine Werke erinnern an große Namen wie Tolstoi oder Proust.
Taxi in Paris
Quelle:Alamy/Legion Media

Als Gaito Gasdanow im Jahr 1923 in Paris ankam, war er 20 Jahre alt und musste jeden Job annehmen, den er bekam. Er entlud Frachtkähne an der Seine, putzte Züge, arbeitete in einer Citroën-Fabrik und drei Monate lang beim Buchverlag Hachette. Sogar ein Leben auf der Straße blieb ihm zeitweise nicht erspart. Bis er 1928 einen Job als Nachttaxifahrer fand.

Das Taxifahren änderte alles: Es erlaubte ihm, an der Sorbonne zu studieren und zu schreiben – womit er letztendlich zu einem der interessantesten Jungautoren russischer Emigranten der damaligen Zeit wurde. In den letzten 25 Jahren seines Lebens erhielt er (endlich!) internationale Anerkennung, vor allem für seine Novellen und Kurzgeschichten, die auch auf Englisch, Französisch, Italienisch, Deutsch und Japanisch erschienen.

Die „New York Times“ attestierte „Tolstoische Kraft“

Foto: WikipediaFoto: WikipediaGeorgi (Gaito auf Ossetisch) Iwanowitsch Gasdanow wurde im Jahr 1903 in Sankt Petersburg als Sohn einer mittelständischen Familie geboren, die aus Ossetien stammte, einer Republik im nördlichen Kaukasus, heute ein Teil von Russland. Sein Vater war Förster, ein Beruf, der die Familie häufig zur Umsiedlung im Russischen Kaiserreich zwang. Gaito war ein frühreifes Kind, ein leidenschaftlicher Leser der Literatur und der Philosophie.

Sein Debüt in der literarischen Arena gab Gasdanow in den zwanziger Jahren, zunächst als Autor von Kurzgeschichten, die an die russische Zeitung „Wolja Rusii“ verkauft und in Prag veröffentlicht wurden. Sie erschienen später in vielen westlichen russischsprachigen Magazinen. Der Wendepunkt in seiner noch jungen Karriere kam im Jahr 1929, als sein erster Roman „Ein Abend bei Claire“ in Paris veröffentlicht wurde: Er war bei russischen Emigranten wie bei Kritikern gleichermaßen ein voller Erfolg.

Letztere verglichen ihn mit Proust, den, wie Gasdanow selbst zugab, nie gelesen hatte, und seinem Zeitgenossen Wladimir Nabokow, der als einer der vielversprechendsten Vertreter der „neuen“ russischen Literatur galt – und das, obwohl er mit diesem wenig bis gar nichts gemein hatte. Der Autor von „Lolita“ schrieb nur in russischer Sprache, während Gasdanow seine Muttersprache – das Ossetische – nie vernachlässigte.

„Ein Abend bei Claire“ ist eine autobiografische Arbeit, geschrieben in bester russischer Tradition. Sie fiktionalisiert Gasdanows Leben, indem er auf der Suche nach verlorener Kindheit und Jugend über die Trauer über den Tod von geliebten Menschen und über Liebe und Natur schrieb. Es war ein Leben, das von dem Tod seines Vaters und seiner Schwestern sowie vom Russischen Bürgerkrieg, in dem er sich noch als Jugendlicher als Freiwilliger für die Weiße Armee gemeldet hatte, geprägt war. Ein damaliger Kritiker der „New York Times“ bescheinigte einigen Passagen des Romans „Tolstoische Kraft“.

Der „französischste“ aller russischen Autoren

Gaito Gasdanow, "Ein Abend bei Claire". Übersetzt aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Carl Hanser Verlag, 2014. 192 Seiten. Übersetzt aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Carl Hanser Verlag, 2014. 192 Seiten. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte der Schriftsteller zwei Bücher: „Die Geschichte einer Reise“ (1938) und „Nachtstraßen“ (1939-1941). Der Protagonist des Letzteren ist ein Nachttaxifahrer in Paris, bei dem es sich natürlich um Gasdanows Alter Ego handelt. Irgendwo zwischen Verachtung und Mitleid malt der Roman das Porträt eines Lebens im nächtlichen Paris, ein riesiges Stück, in dem die Bühne von einer archaischen und unausweichlichen Armut geprägt ist: Diebe, Zuhälter, Vagabunden, Kellner, Taxifahrer, Prostituierte und Vertriebene wie Gasdanow selbst, die ein schizophrenes Leben weit weg von Russland führen, bei dem Alkohol der wichtigste Begleiter ist.

Im Zweiten Weltkrieg schloss sich Gaito Gasdanow dem französischen Widerstand an, fand aber dennoch Zeit zum Schreiben. Er versuchte sich im Genre des Psychothrillers und veröffentlichte „Das Phantom des Alexander Wolf“ und „Die Rückkehr des Buddha“. Als diese Werke im Jahr 1951 ins Französische übersetzt wurden, schrieben Kritiker, dass er „Le plus français des écrivans russes!“ sei, also der „französischste“ unter den russischen Autoren. Sie fanden Ähnlichkeiten mit der Literatur von Camus wegen seiner durchdachten Analyse des persönlichen Schicksals, Verantwortung für unsere Taten und die Konsequenzen des Zufalls, was in einigen Fällen zur Erlösung und in anderen zur Zerstörung führt.

1953 endete seine Zeit als Taxifahrer und er begann bei Radio Liberty zu arbeiten, einem antikommunistischen Sender, der von der CIA finanziert wurde. Später war er als Redakteur in Paris und München tätig. Zeit seines Lebens blieb er Schriftsteller. Im Jahr 1971 starb er an Lungenkrebs in München.

Hier finden Sie eine Leseprobe von "Ein Abend bei Claire"

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