Ein Haus mit Geschichte: Österreichs Botschaft in Moskau

21. November 2016 Maxim Rubtschenko
Das Gebäude der Botschaft Österreichs in Russland ist nicht nur ein Architekturdenkmal, sondern auch Zeitzeuge der politischen Geschehnisse des 20. Jahrhunderts. RBTH erzählt seine Geschichte.
botschaft
Das neoklassizistische Gebäude hat eine bewegte Vergangenheit. Quelle:Lori/Legion-Media

Das Gebäude, in dem sich die Botschaft und Residenz des Botschafters Österreichs befinden, ist ein Denkmal des Moskauer Neoklassizismus. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der Moskauer Handels- und Bau-Aktiengesellschaft errichtet. Der Direktor des Unternehmens, Jacob Reck, sagte damals, dass er bestrebt sei, die Stadt mit „stilvollen Häusern zu schmücken, die über den technischen Komfort westeuropäischer urbaner Gebäude verfügen und sich gleichzeitig in das nationale Kolorit Moskaus einpassen“. Als er beschloss, das neue Gebäude errichten zu lassen, beauftragte er deshalb den renommierten Architekten Nikita Lasarew mit der Planung. Dieser entwarf ein Bauwerk, das Fachleute heute als ein Beispiel des mit Elementen des Jugendstils angereicherten russischen Neoklassizismus bezeichnen.

Das Gebäude wurde 1906 fertiggestellt und fand auch gleich einen Käufer – den Besitzer mehrerer Textilfabriken Nikolai Mindowskij. Ihm ist es zu verdanken, dass das Gebäude eine Rolle in der Weltliteratur spielte. Denn Mindowskij war zu jener Zeit sehr gut bekannt mit dem jungen, aber in russischen Literaturkreisen bereits anerkannten Schriftsteller Boris Pasternak. 1911 war Pasternak zu Besuch bei Mindowskij und das Haus hinterließ beim Schriftsteller einen so nachhaltigen Eindruck, dass er dessen Beschreibung in seinen Roman Doktor Schiwago einbaute: Der Säulensaal, in dem die Romanheldin Lara auf ihren Verführer Komarowski schießt, ist in Wirklichkeit der Empfangssaal des Hauses Mindowskijs.

Diplomaten und Staatsmänner ziehen ein

Nach der Revolution 1917 wurde das Gebäude verstaatlicht und diente die nächsten zehn Jahre als Standesamt. In diesem Standesamt wurde seinerzeit die Ehe zwischen dem russischen Poeten Sergej Jesenin und der französischen Tänzerin Isadora Duncan geschlossen. 1927 überließ die Regierung das Gebäude der Republik Österreich zur Nutzung als diplomatische Vertretung. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland wurde das Haus der österreichischen Gesandtschaft zum Gästehaus der deutschen Botschaft in Moskau umfunktioniert. Am 23. und 24. August 1939 bewohnte es der Außenminister Deutschlands Joachim von Ribbentrop. Er war nach Moskau gekommen, um den sowjetisch-deutschen Nichtangriffspakt zu unterzeichnen. Ein weiterer historischer Gast dieses Hauses war der britische Ministerpräsident Winston Churchill, der sich 1944 für Gespräche mit Stalin über die Zukunft Nachkriegseuropas in Moskau aufhielt. Churchill sollte ursprünglich in Stalins Sommerhaus untergebracht werden. Da das Festbankett im Kreml zu Ehren des hohen Gastes am 11. Oktober aber bis vier Uhr morgens dauerte, und es zu spät war, um in das außerhalb Moskaus gelegene Sommerhaus zu fahren, schlug Stalin dem britischen Ministerpräsidenten vor, im Gebäude der ehemaligen österreichischen Gesandtschaft zu übernachten.

Als Österreich 1955 seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, wurde das Gebäude erneut zur diplomatischen Vertretung der Alpenrepublik. Hier wurde im April 1955 die offizielle österreichische Delegation, bestehend aus Bundeskanzler Julius Raab, Vizekanzler Adolf Schärf, Außenminister Leopold Figl und Staatssekretär Bruno Kreisky, untergebracht. Sie waren nach Moskau gereist, um den Vertrag über die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Österreichs abzuschließen.

Am 12. April fand im Empfangssaal der Botschaft Österreichs ein Festmahl statt, an dem der Vertreter des sowjetischen Ministerrats Nikolai Bulgakin, dessen Stellvertreter sowie Außenminister Molotow und Handelsminister Mikojan teilnahmen. Seitdem gilt das „Mindowskij-Haus“, das Gebäude der österreichischen Botschaft, als Symbol der Freundschaft zwischen den beiden Ländern.

2017 zum russisch-österreichischen Tourismusjahr ernannt

Alle Rechte vorbehalten
+
Folgen Sie uns auf Facebook