Köpfchen statt Kettchen: Der russische Eminem macht den Rap zur Dichtung

15. April 2017 Alexandra Gusewa
Seine Markenzeichen: Scharfer Blick, provokativ aufgeblähte Nüstern, harte Klänge und … Intellekt. Oxxxymirons junge Fans grölen seine tiefgängigen Reime zu Tausenden in den Konzerthallen, das erwachsenere Publikum nickt im Takt zu den Beats wohlwollend mit. Doch er kann nicht nur Musik: Der 31-Jährige ist ein echtes Multitalent.
Oxxxymiron
Der 31-jährige Russe wird für seine intellektuellen Lyrics gefeiert. Quelle:Vostock-Photo

Aus dem Underground ins TV

Miron Fjodorow aka Oxxxymiron gibt keine Interviews: „Mir gefällt fast gar nichts von dem, was man über mich schreibt“, sagt der russische Rapper leicht verlegen. Dem Erfolg aber steht seine Verweigerungshaltung nicht im Wege: Oxxxymirons Konzertposter fallen überall ins Auge – im Netz und in den Straßen.

Geboren ist Miron Fjodorow in Sankt Petersburg. Seine Herkunft stellt er stolz mit einem Hals-Tattoo zur Schau: 1703, das Gründungsjahr der Stadt an der Newa. Noch als Teenager zieht Fjodorow mit seinen Eltern nach Deutschland, wo seine ersten Lyrics entstehen. Da ist er zwölf.

Später geht die Familie nach England. Der junge MC studiert in Oxford englische Literatur des Mittelalters. Erst nach dem Studium, im Londoner Szeneviertel Canning Town, wird sein künstlerisches Alter Ego geboren: Oxxxymiron. Er macht Musik und hilft nebenbei seinen reichen Landsleuten in der britischen Hauptstadt, löst Probleme aller Art.

Nach den Motiven seiner abenteuerlichen Vita entsteht 2015 die TV-Serie „Londongrad“. Miron hat den Soundtrack beigesteuert. Er habe es aus dem Underground ins TV geschafft, heißt es darin unter anderem. 

Neuer Rap

Heute ist Oxxxymiron in beiden Welten zu Hause: in Russland und in England. Er tourt durch ganz Europa, auf dem Programm vom letzten Jahr standen unter anderem Konzerte in Deutschland, Frankreich und Portugal. Zwei Alben hat er bereits veröffentlicht. 

Oxxxymiron / Vostock-PhotoOxxxymiron / Vostock-Photo

In seinen Texten geht es nicht um das schwere Leben auf der Straße, auch nicht um Frauen, dicke Autos oder schwere Ketten. Seine Kunst ist ein neuer, intellektueller Rap. Geistige Armut, existenzielle Leere, Gleichgültigkeit der Menschen ihrer Umwelt und Kultur gegenüber – das ist das, was seine Reime bewegt. Und natürlich die – aus dem russischen Rap inzwischen bekannte – Rebellion gegen Macht, Korruption und verschwenderische Gier. Ein „Paradigmenwechsel“ sei ihm gelungen, spricht Oxxxymiron in einem seiner Songs. Das Video dazu hat dem Russen unter amerikanischen Hip-Hop-Fans den Ruf des russischen Eminem eingefahren.

2016 machte ein Video im Internet die Runde, auf dem eine russische Schülerin einen Text von Oxxxymiron im Russischunterricht vorlas und für ein Gedicht des russischen Dichters Ossip Mandelstamm ausgab. Aufgabe war, die moderne mit der klassischen Dichtung zu vergleichen – die Schülerin erhielt die Bestnote. Seitdem wurden auch Medien auf den künstlerischen Gehalt von Oxxxymirons Lyrics aufmerksam. Eine Zeit lang kursierten Tests im Netz: „Rate, von wem diese Zeilen stammen“ – zur Auswahl standen Fjodorows Texte und russische Dichtkunst aus dem Silbernen Zeitalter.

Von Dichtung zum Geschäft

Authentizität, ein Grundstein des Raps, ist auch im echten Leben des 31-jährigen Musikers ein fester Anker. Auf den Kanon des Showbiz gibt Miron nicht viel und spricht offen aus, was er über die musikalische Qualität seiner Kollegen zu sagen hat. Dass deshalb die Luft zwischen Oxxxymiron und vielen russischen Hip-Hop-Stars dick ist, liegt auf der Hand. Meistens werden die Konflikte im Netz ausgetragen, manchmal auch in den Songs. Einmal soll ein Konflikt so weit gegangen sein, dass ein Rapper dem 31-Jährigen eine Pistole an den Kopf hielt und wegen beleidigendem Text eine Entschuldigung forderte.

Aber nichts hält Oxxxymiron davon ab, sich weiterzuentwickeln. Im Februar dieses Jahres hat der Rapper die Leitung des Konzertveranstalters Booking Machine übernommen. Außerdem ist er das Gesicht des Sportartikelherstellers Reebok in Russland. Die Vielzahl seiner Projekte managt er offensichtlich mit links: „Ich habe mich nie als Workaholic gesehen, aber Appetit kommt bekanntlich beim Essen. Eine feste Freundin, für die ich meine Zeit hergeben würde, habe ich nicht. Meine Freunde arbeiten ohnehin fast alle mit mir zusammen. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit ist inzwischen verschwommen. Ich schmiede das Eisen halt, solange es heiß ist, will aber keine Kunst wie am Fließband“, sagt das russische Multitalent.

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