Sowjetische Geschichte: „Die Republik der Strolche“

3. Februar 2017 Daria Aminowa
Vor 90 Jahren schrieben Grigorij Belych und Leonid Pantelejew den Abenteuerroman „Die Republik der Strolche“. Millionen Leser weltweit erfuhren darin vom Leben der Waisenkinder im Sankt Petersburg nach der Oktoberrevolution.
Republic of ShKID
Wie Waisenkinder in der UdSSR umerzogen wurden, erzählte ein Kult-Buch und später seine Verfilmung. Quelle:RIA Novosti

Dass er einmal ein berühmter Autor werden würde, dachte Leonid Pantelejew in seinen Jugendjahren freilich nicht. Als Teenager schlug er sich als Langfinger auf Märkten durch, beteiligte sich an der Niederschlagung von Bauernaufständen, floh aus zwei Kinderheimen und landete schließlich an der „Schulkommune namens Dostojewski“. Die SchKID war eine Anstalt zur Umerziehung verwaister Kinder im postrevolutionären Sankt Petersburg.

Hier traf er auch seinen Freund und späteren Ko-Autor Grigorij Belych. Auch diesem waren die Überlebenstricks eines Waisen wohl vertraut. Vor seinem Leben in der Schulkommune hielt er sich mit Betrügereien über Wasser und ackerte als Packer an einem Petersburger Bahnhof: Er fing Reisende am Bahnsteig ab und fuhr für einen Brotlaib ihr schweres Gepäck auf einem Schlitten durch die Stadt.

Die Autoren des Buches Leonid Pantelejew (rechts) und Grigorij Belych (links) 1928.  / Archive photoDie Autoren des Buches Leonid Pantelejew (rechts) und Grigorij Belych (links) 1928. / Archive photo

Die Schlüsselfiguren des Romans sind realen Personen nachempfunden. Die Handlung spielt größtenteils in der Umerziehungsanstalt, in welcher der Internatsdirektor Wiktor Sorokin versucht, mit seinem allerersten Jahrgang fertigzuwerden. Dabei macht er die Erfahrung, dass es gar nicht so einfach ist, die damals landesweit propagierte Losung von der Umerziehung schwieriger Jugendlicher in die Praxis umzusetzen. Die Fürsorge ihrer Erzieher lehnen die Bengel kategorisch ab; sie protestieren gegen jede Art des Lernens, schikanieren ihre Lehrer und treiben das, was sie am besten können: Sie klauen Kleidung und Essen. Die Jungs erkennen die Schwachstellen ihrer Pädagogen sofort und zwingen sie letztlich in die Knie, Strafen hin oder her.

Der Schuldirektor Sorokin versteht jedoch das Wesen seiner Schüler gut. Er nutzt ihr Interesse für alles Neue und versucht sie für frische Ideen zu begeistern. So entsteht zunächst eine Schulzeitung, dann ein Schulwappen und eine Hymne nach den Motiven des Studentenlieds „Gaudeamus“. Die Krönung pädagogischer Innovationen ist eine neue Regierungsform, die Sorokin in der Schulkommune ausruft: Die Republik. Alle Standes- und Besitzverhältnisse werden abgeschafft, es herrscht soziale Gleichheit.

Nur an der damals grassierenden Hungersnot änderte das wenig. In der Umerziehungsanstalt machen sich Diebstahl und Lebensmittelspekulation breit. Einer der Internatszöglinge verleiht seinen Schulkameraden Brot, es kommt zum Aufstand gegen den Abzocker und infolge zum Schuldenschnitt.

Scherbengericht gegen Anarchie 

Die „Republik der Strolche“ kam 1966 in sowjetische Kinos. / RIA NovostiDie „Republik der Strolche“ kam 1966 in sowjetische Kinos. / RIA Novosti

In dieser schweren Zeit greift der Direktor Sorokin tief in die Annalen der Geschichte und holt eine Maßnahme sozialer Kontrolle hervor, die einst im antiken Griechenland verbreitet war: Das Scherbengericht. Bei dieser Volksabstimmung schrieben die Griechen auf Tonscherben die Namen jener Bürger, die ihrer Ansicht nach die Demokratie gefährdeten und deshalb aus der Gemeinschaft vertrieben werden mussten. Eigentlich widersprach diese Praxis dem Gesetz der Straßenkinder, die eigenen Leute nicht zu verraten. Doch nur die wenigsten „Republikbürger“ gaben ihre Stimmzettel leer ab – die Angst vor Strafe bezwang den Ehrenkodex. Dieses kollektive Gericht wurde zum größten Sieg des Direktors Sorokin im Kampf gegen die Anarchie und Willkür der Waisen.

Die „Republik der Strolche“ (russisches Original: „Die Republik SchKID“) wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und verfilmt. 1966 kam der gleichnamige Film in die Sowjetkinos. Der Streifen eroberte die Herzen des Publikums und gewann viele Kritikerpreise.

Selbst das Aushängeschild der Sowjetliteratur, der Schriftsteller Maxim Gorki, kommentierte den Abenteuerroman in einem Brief an die Insassen eines Jugendgefängnisses: „Ich schätze jene Menschen sehr, denen das Schicksal seit jungen Jahren viele Kopfnüsse verpasst hat. Jüngst haben zwei solcher Kerle ein wunderbar interessantes Buch geschrieben und verlegt. Die beiden Autoren sind noch Jungs – einer ist 17, der andere, glaube ich, 19. Aber das Buch ist talentiert gemacht, weitaus besser als viele Autoren in reifem Alter schreiben. Für mich ist der Roman ein Fest, es bestätigt mich in meinem Glauben an den Menschen, das Wunderbarste, das Größte, das es auf unserer Erde gibt.“

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