Der letzte russische Zar Nikolai II. verliest den Boten von Alexander Kerenskij, Chef der Übergangsregierung und einer der Vorreiter der Revolution, in seinem Zugwaggon in Zarskoje Selo seine Abdankungsurkunde. Illustration der Szene, die sich am 15. März 1917 ereignete.  / Getty ImagesDer letzte russische Zar Nikolai II. verliest den Boten von Alexander Kerenskij, Chef der Übergangsregierung und einer der Vorreiter der Revolution, in seinem Zugwaggon in Zarskoje Selo seine Abdankungsurkunde. Illustration der Szene, die sich am 15. März 1917 ereignete. / Getty Images

„Bei der Unterzeichnung der Abdankungsurkunde dachten weder Nikolai II. noch sein Umfeld, dass die Monarchie in Russland untergehen würde. Er unterzeichnete das Dokument und trat den Thron an seinen Bruder Michail ab, der jedoch unter dem Druck der Kadetten noch vor dem Beschluss der konstituierenden Versammlung selbst auf den Thron verzichtete. Wir wissen nicht, wie groß der Anteil Nikolais II. am Text des Manifestes über den Thronverzicht ist, aber unterzeichnet wurde es von ihm selbst“, erzählte Sergej Mironenko, wissenschaftlicher Leiter des Staatsarchivs der Russischen Föderation dem Fernsehsender TV Kultura.

Die Abdankung des Zaren wurde zu einem Schlüsselereignis der russischen Februarrevolution von 1917. Die Reaktionen der Zeitgenossen darauf waren vollkommen unterschiedlich, wie historische Aufzeichnungen aus jener Zeit eindrücklich belegen.

Sir George William Buchanan, Botschafter Großbritanniens in Russland:

„Weil der einzige Ausweg zur Vermeidung von Unruhen ein Bürgerkrieg gewesen wäre, übergab der russische Zar am 15. März General Russki ein Telegramm zur Entsendung nach Petrograd, in dem er den Thronverzicht zugunsten seines Sohnes erklärte. Einige Stunden später rief Seine Majestät den Leibarzt Professor Fjodorow zu sich und bat diesen, ihm die Wahrheit über den Gesundheitszustand des Zarewitschs zu berichten. Als er hörte, dass die Krankheit unheilbar sei und sein Sohn jede Minute sterben könne, sagte der Zar: ‚Da Alexej dem Throne nicht so dienen kann, wie ich es ihm gewünscht hätte, habe ich das Recht, ihn bei mir zu behalten.‘ Deshalb händigte der Zar den Duma-Abgeordneten Gutschkow und Schulgin, als diese am Abend in Pskow ankamen, einen Ukas aus, in dem er den Verzicht auf den Thron zugunsten seines Bruders erklärte.“

Georges Maurice Paléologue, Botschafter Frankreichs in Russland:

„Der Zug des Zaren kam am Abend um acht Uhr in Pskow an. General Russki fand sich sogleich zu einem Gespräch beim Landesherren ein und legte ihm nahe, abzudanken. Er verwies zudem auf die einhellige Meinung von General Alexejew und der Armeebefehlshaber, die er telegrafisch befragt hatte. Der Zar wies General Russki an, den Vorsitzenden der Duma Rodsjanko über seine Absichten zum Thronverzicht zu unterrichten.“

Duma-Abgeordneter Karaulow:

„Der Landesherr Nikolai II. hat zugunsten von Michail Alexandrowitsch auf seinen Thron verzichtet. Michail Alexandrowitsch seinerseits verzichtete zugunsten des Volkes auf den Thron. In der Duma kam es zu grandiosen Kundgebungen und Beifallsbekundungen. Der Freudentaumel ist nicht zu beschreiben!“

Metropolit Eulogius (Georgijewskij):

„Das Manifest über den Thronverzicht des Monarchen wurde in der Kathedrale vom Protodiakon verlesen – er brach in Tränen aus. Unter den Betenden weinten viele. Dem Gemeindegendarmen flossen die Tränen in Strömen.“

Aus dem Tagebuch des Bauern Samarajew aus dem Gouvernement Wologda (etwa 500 Kilometer nördlich von Moskau):

„Nikolai Romanow und seine Familie sind entthront, befinden sich unter Arrest und bekommen eine Lebensmittelration gleich allen anderen. Sie haben sich wahrhaft nicht um das Schicksal ihres Volks gekümmert, und dem Volk ist der Kragen geplatzt. Sie haben ihren Staat in Hunger und Finsternis geführt. Und was haben sie im Palast getrieben?! Das ist Schmach und Schande! Geführt hat den Staat nicht Nikolai II., sondern der Saufbold Rasputin. Alle Fürsten wurden ausgewechselt oder aus ihrem Amt entlassen, darunter auch der Oberbefehlshaber Nikolai Nikolajewitsch.“

Silvester, Bischof von Omsk und Pawlodar:

„Unter den gegenwärtigen Lebensumständen vermochte der autokratische Zar es nicht, einen solch großen Staat zu führen. Das Volk selbst, vertreten durch die von ihm gewählten Vertreter, hätte an dieser Führung beteiligt werden müssen. Aber der Zar tat dies nicht. Und ein Staatsstreich war die Folge. Das unausweichliche Schicksal zwang den Zaren Nikolai II. auf den Thron zu verzichten. So wurde das Gottesurteil über unseren ehemaligen Zaren Nikolai II. gefällt, wie einst über Saul.“

Wassilij Rosanow, Religionsphilosoph, Schriftsteller und Publizist:

„Die Rus wurde binnen zweier, höchstens dreier Tage hinfortgespült. Selbst die ‚Neue Zeit‘ konnte nicht so schnell geschlossen werden wie die Rus. Es ist erstaunlich, dass sie mit einem Schlage ganz und gar auseinanderfiel, in all ihre Einzelheiten. Und im Grunde genommen gab es noch nie eine solche Erschütterung, einschließlich der Großen Völkerwanderung.“

Großfürstin Olga Alexandrowna:

„All diese misslichen Jahre waren die Romanows, die die beständigste Stütze für den Thron hätten sein können, nicht den Namen oder den Traditionen der Familie wert. Zu viele von uns, den Romanows, steckten in der Welt des Egoismus fest, in der es zu wenig gesunden Menschenverstand gibt und in der der endlosen Befriedigung der eigenen Wünsche und Ambitionen gefrönt wird. Aber wer von ihnen hat sich um den Eindruck gekümmert, den sie hinterließen? Niemand.“

Marc Ferro, französischer Historiker:

„Die Regentschaft Nikolais II., die ihm vom Schicksal auferlegt wurde, verwandelte sich in einen Albtraum: Er überlebte zwei Revolutionen, war Zeuge Dutzender Anschläge in seinem persönlichen Umfeld, führte den Vorsitz in der Duma, deren Gründung er eigentlich ablehnte, und nahm an deren Sitzungen und den nicht enden wollenden Zusammenkünften des Ministerrats teil. Außerdem musste er zweimal Krieg führen, obwohl er eigentlich ein Friedensapostel sein wollte. Nach langer Einkerkerung wurde er erschossen. Während dieser Gefangenschaft, wie auch bereits vor dem Thronverzicht galt seine ganze Sorge der Gesundheit seines Sohnes, des einzigen Thronfolgers, der unheilbar an Hämophilie erkrankt war.“