„Russland hat mich gefressen“: Die letzten Worte russischer Schriftsteller

17. März 2017 Daria Aminowa
Schlichte Bekenntnisse, große Liebeserklärungen oder böse Abrechnungen – russische Schriftsteller verabschiedeten sich auf ganz unterschiedliche Weise von der Welt. RBTH erinnert an die letzten Worte zehn großer Literaten.

Lew Tolstoi  / Morzov/RIA NovostiLew Tolstoi / Morzov/RIA Novosti

Lew Tolstoi maß den letzten Worten schöpferischer Menschen eine große Bedeutung zu. So schrieb er in seinem Tagebuch: „Das Wort eines Sterbenden ist besonders wichtig!“ Viele Menschen bewahren bis zum letzten Augenblick ihren Sinn für Humor. Oscar Wilde, der seine letzten Stunden in einem Zimmer mit geschmackloser Tapete zubrachte, soll geäußert haben: „Ein mörderisches Muster! Einer von uns beiden muss verschwinden.“ Und der deutsche Dichter Heinrich Heine soll auf seinem Sterbebett gesagt haben: „Gott wird mir verzeihen – das ist sein Beruf.“ Auch russische Schriftsteller haben sich mit großen und mitunter rätselhaften Worten von der Welt verabschiedet.

1) „Einige Schmetterlinge sind schon davongeflogen“

Vladimir Nabokov interessierte sich für Insekten und sammelte Schmetterlinge. Wie sein Sohn Dmitri erzählte, standen seinem Vater, als er sich am Tag vor dessen Tod von ihm verabschiedete, auf einmal Tränen in den Augen: „Ich fragte: Warum? Da sagte er, einige Schmetterlinge seien wahrscheinlich schon davongeflogen ...“

2) „Ich sterbe! Ich habe schon lange keinen Sekt mehr getrunken!“

Der Schriftsteller und praktizierende Arzt Anton Tschechow starb im deutschen Kurort Badenweiler an den Folgen einer Tuberkulose. Nach altem deutschem Brauch serviert ein Arzt, der einem Kollegen eine tödliche Krankheit diagnostiziert hat, dem Sterbenden ein Glas Sekt. Seine letzten Worte richtete Tschechow an seinen Arzt.

3) „Russland hat mich gefressen wie ein dummes Schwein sein Ferkel“

Der symbolistische Dichter Alexander Blok erkrankte im Frühjahr 1921 schwer – eine Folge entbehrungsreicher Bürgerkriegsjahre, eines Nervenzusammenbruchs und der schwachen Resonanz seines Revolutionspoems „Die Zwölf“ in den Kreisen der russischen Intelligenzija. Der Schriftsteller Maxim Gorki, der Volkskommissar Anatoli Lunatscharski und alle Freunde des Dichters setzten sich dafür ein, Blok zur Behandlung aus Russland ausreisen zu lassen. Das Politbüro der Partei der Bolschewiki aber willigte zunächst nicht ein. An dem Tag, an dem schließlich die Ausreise bewilligt und der Auslandspass ausgestellt war, starb Blok.

4) „Ich denke immer wieder, dass der Mensch rechtzeitig sterben sollte. Mein Gott, wie Majakowski Recht hatte! Ich bin zu spät. Sterben sollte man rechtzeitig.“

Der sowjetische Schriftsteller Michail Soschtschenko, Meister der Erzählkunst und in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts einer der meistgelesenen Autoren, geriet ins Kreuzfeuer der staatlichen Kritik und Hetze, verarmte und wurde von Dichterfreunden verraten. Nach seinem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband zog er sich auf seine Datscha zurück, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Heute bezeichnet man ihn wegen seiner metaphysischen Schilderungen des sowjetischen Alltagslebens auch als russischen Kafka.

5) „Bist du das, du dummes Stück?“

Michail Saltykow-Schtschedrin war bekannt für seinen Galgenhumor und seinen Sinn für Satire. Einer Legende zufolge empfing er seinen eigenen Tod mit der Frage: „Bist du das, du dummes Stück?“

6) „Ich habe dich geliebt und nie betrogen, nicht einmal in Gedanken.“ 

Diese Worte richtete der Schriftsteller Fjodor Dostojewski an seine Frau Anna. Das Paar verbrachte im Laufe seiner Ehejahre nur einige wenige Tage getrennt. Anna war nicht nur die Frau, sondern auch die rechte Hand des Schriftstellers: Sie schrieb seine Manuskripte ab, verhandelte mit den Verlagen und Druckereien und half ihrem Mann sogar, seine Spielsucht zu besiegen.

7) „Welche Qual, keine Worte für einen Gedanken zu finden.“

Diese Worte stammen von Fjodor Tjutschew, dessen Gedichte zu den Meisterwerken der russischen Poesie zählen. In keinem Schulbuch zur russischen Literatur fehlen seine Zeilen. Viele Zitate und sogar Vierzeiler von Tjutschew wurden zu Aphorismen.

Verstehen kann man Russland nicht,
und auch nicht messen mit Verstand:
Es hat sein eigenes Gesicht – 
nur glauben kann man an das Land.

8) „Auf diesen Dummkopf schieße ich nicht!“

Im Duell zwischen dem Dichter Michail Lermontow und Nikolai Martynow gab nach dem Kommando des Sekundanten keiner der beiden Kontrahenten einen Schuss ab, da rief er diesen zu: „Schießen, oder ich löse das Duell auf!“ Lermontow entgegnete ruhig: „Auf diesen Dummkopf schieße ich nicht!“ Diese Worte kränkten Martynow, und er schoss. Danach stürzte er auf den zu Boden gesunkenen Dichter zu und bat ihn um Verzeihung. Lermontow aber war bereits tot.

9) „Ich liebe die Wahrheit.“

Im Alter von 83 Jahren beschloss Graf Lew Tolstoi, sein geordnetes und wohl situiertes Leben auf seinem Landgut Jasnaja Poljana hinter sich zu lassen. In Begleitung seiner Tochter und seines Hausarztes reiste er inkognito in einem Eisenbahnwagon der dritten Klasse. Auf der beschwerlichen Reise erkältete er sich und erkrankte an einer schweren Lungenentzündung. Schon nicht mehr bei vollem Bewusstsein sprach der Schriftsteller seine letzten Worte: „Ich liebe die Wahrheit.“

10) „Eine Leiter!“

Das Motiv der Leiter ist eines der grundlegenden Rätsel des Schriftstellers Nikolai Gogol. Als Kind bereits hörte der kleine Kolja die Erzählung seiner Großmutter von der Leiter, über die die Seelen der Menschen in den Himmel steigen. Dieses Motiv greift Gogol in seinen Werken immer wieder auf. Einem Augenzeugenbericht zufolge waren die letzten Worte des Schriftstellers der Ausruf: „Eine Leiter, bringt schnell eine Leiter!“

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