Vergangene Woche stattete Kulturmanager Hans-Joachim Frey Wladiwostok einen Besuch ab, um das Operngebäude zu besichtigen und sein Konzept für die Eröffnungsfeierlichkeiten vorzustellen. Im Interview teilte uns der deutsche Regisseur seine ersten Eindrücke vom Opernhaus im Besonderen und Wladiwostok im Allgemeinen mit. 

Herr Frey, Sie sind schon lange mit Russland beruflich verbunden. Erzählen Sie uns bitte, wie diese Zusammenarbeit begann.

Ich bin seit bald 20 Jahren in Russland aktiv. Seit 1996 der Gesangswettbewerb „Competizione dell’Opera“ ins Leben gerufen wurde, führen wir in Russland regelmäßig Wettbewerbsrunden durch. Vor allem natürlich in St. Petersburg und Moskau. 2009 hatten wir den damaligen Premierminister Wladimir Putin auf dem Dresdner Opernball zu Gast. Diese Begegnung war sehr hilfreich, um Bekanntschaft mit den russischen Kulturmanagern zu machen. Seit 2010 veranstalte ich jährlich bis zu drei Großprojekte in Russland. 

Es heißt, die Zusammenarbeit mit Russen sei schwierig. Stimmt das?

Das kommt darauf an, wo man die Arbeit startet. In den Großstädten herrscht in der Regel ein aggressives Management vor. Zu Beginn meiner Tätigkeit wurde ich mit einigen Intrigen konfrontiert, aber es gab auch viel Positives. Natürlich, wenn man es mit dem europäischen Management vergleicht, ist in Russland alles anders. In Europa beginnt die Planung viel früher: wenn irgendwelche Probleme auftauchen, dann werden sie gleich in der ersten Etappe der Vorbereitungsphase gelöst, so dass zum Ende hin alles glatt läuft. In Russland ist es umgekehrt: anfangs ist alles ruhig, aber gegen Ende nimmt der Stress zu. Die Russen haben ein Talent zur Improvisation, hier sind die Leute flexibler. Aber ich arbeite schon lange mit Russland, so dass ich an diesen Stil gewöhnt bin und mich anpassen kann. 

Hans-Joachim Frey – Regisseur und Kulturmanager. Künstlerischer Leiter des internationalen Brucknerfests (LIVA Linz/Österreich).

1997 - 2007 Direktor der Staatsoper Dresden. 2007 - 2011 Generalintendant des Theaters Bremen.

Organisator des internationalen Gesangswettbewerbs „Competizione dell’Opera“. Begründer, Künstlerischer Leiter und Regisseur des Dresdner Opernballs, eines Highlights des europäischen Kulturlebens.

Als Regisseur und Organisator realisierte Hans-Joachim Frey ungefähr 10 internationale Projekte in Russland.

Merken Sie einen Unterschied zwischen der Arbeit in Moskau und den kleineren Städten in den Regionen?

Ich würde Wladiwostok nicht als klein bezeichnen. In dieser Hinsicht hat mich die Stadt sehr überrascht. Sie ist eine riesige Hafenstadt und Ihr neues Theater ist nicht schlechter als die Theater in Europa. 

Können Sie uns schon verraten, was die Zuschauer bei der Eröffnung des Opernhauses erwartet?

Unser Konzept berücksichtigt drei wichtige Elemente. Erstens werden bei der Gala-Veranstaltung einige herausragende Stars der russischen und außerrussischen Opern- und Ballettszene mitwirken. Darunter Künstler aus Japan, China und Europa. Zweitens werden wir aktiv Multimedia-Technik einsetzen, um die besondere Rolle Wladiwostoks als Kulturbrücke zwischen Europa und Asien hervorzuheben. Die Darbietungen werden aus dem großen Saal des Opern- und Balletthauses auf große Leinwände im Freien übertragen. 

Zu Beginn unseres Gesprächs erwähnten Sie ein wichtiges Projekt – den Gesangswettbewerb „Competizione dell’Opera“. Ein Teil davon soll in Wladiwostok stattfinden. Können Sie uns Näheres darüber erzählen?

Diesen Wettbewerb gibt es schon 16 Jahre. Sehr lange Zeit fand er in der Dresdner Oper, dem Bolschoi-Theater Moskau und dem Bolschoi-Theater Minsk statt. In diesem Jahr wird das Finale als Teil des internationalen Brucknerfestes in Linz stattfinden. Der Wettbewerb besteht aus insgesamt 12 Runden, von denen eine in Wladiwostok durchgeführt wird. Das Interessanteste dabei ist die Zusammensetzung der Jury. Diese besteht nicht aus Opernsängern, sondern setzt sich aus Theaterdirektoren und Kulturmanager aus der ganzen Welt zusammen. Die Jury wählt die besten Sänger aus, um ihre weitere Karriere zu fördern.

Zum Finale in Linz kommen etwa 100 Kandidaten. Dort wird es eine internationale Jury aus 25 Personen über den Sieger entscheiden. Hier muss man unbedingt erwähnen, dass der Preis nicht unbedingt in Form von Geld überreicht wird, sondern ein mögliches Engagement an einem Theater darstellt. 

Während Ihrer Reise haben Sie das neue Opernhaus besucht. Wie gefällt es Ihnen?

Von meinem Besuch habe ich nur die allerbesten Eindrücke. Sowohl die Außenansicht als auch die einzigartige Innenausstattung des Gebäudes haben mich sehr beeindruckt. Genauso wie der kleine Saal und die gigantische Hauptbühne, deren Konstruktion es erlaubt, sehr schnell die Dekoration zu wechseln. Es ist ein modernes Theater, das allen internationalen Standards entspricht. Es kommt in Russland – wie ich glaube – zu Recht an dritter Stelle nach dem Bolschoi-Theater und dem Mariinski-Theater. Man kann es durchaus mit den großen Opernhäusern der Welt vergleichen. 

Die Einwohner von Wladiwostok sagen oft, dass niemand eine Oper dieser Größenordnung braucht. Gibt es überhaupt eine Zukunft für ein solch großes Haus in einer vergleichsweise kleinen Stadt?

Wladiwostok ist das Tor nach Asien. Es muss eines der bedeutendsten Wirtschaftszentren Russlands und des Fernen Ostens werden. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn man die Kultur als heilende Kraft betrachtet. Weil Kultur eine internationale Sprache ist, die jeder versteht. Ohne Kultur hat man keine Chance auf eine harmonische Weiterentwicklung, die es ermöglicht, zu einem äußerst wichtigen ökonomischen Bindeglied zwischen Russland, Europa und Asien zu werden. 

Noch eine letzte Frage: Würden Sie auch als Tourist nach Wladiwostok kommen?

Während des Flugs konnte ich eine riesige Waldfläche beobachten. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich habe gedacht: Es wäre nicht schlecht, hierher in Urlaub zu fahren und diese Naturschönheit zu genießen. Aber im Moment bin ich glücklich, dass ich  überhaupt eine Weile hier sein darf. Ich hoffe, dass ich bald wieder kommen kann. Vielleicht klappt es ja sogar, Arbeit und Urlaub zu verbinden.

 

Die ungekürzte Fassung des Interviews erschien zuerst bei PrimaMedia.