Internetsensation: Russische Polizisten erobern YouTube

9. Dezember 2013 Anja Ajwasjan, Bolschoj Gorod
Mit mehr als drei Millionen Klicks ist das Tanz- und Gesangsensemble des russischen Innenministeriums auf YouTube zur Internetsensation geworden. Den Erfolg verdankt es seiner Coverversion des Hits „Get Lucky“ der Band Daft Punk.
Zurzeit sorgt das Tanz- und Gesangsensemble des russischen Innenministeriums im Internet für Furore. Foto: Pressebild
Zurzeit sorgt das Tanz- und Gesangsensemble des russischen Innenministeriums im Internet für Furore. Foto: Pressebild

Das Tanz- und Gesangsensemble des russischen Innenministeriums veröffentlichte einen Clip mit einer Coverversion des Titels „Get Lucky" der französischen Gruppe Daft Punk. Das Video wurde auf YouTube bereits mehr als drei Millionen Mal angeklickt – die Chorsänger entwickelten sich zu Lieblingen des Internets. Der Leiter des Ensembles, Generalmajor Viktor Jelisejew, gab der Zeitschrift „Bolschoj Gorod" ein Interview.

 

Das Ensemble und seine Schirmherren

„Unser Ensemble wurde 1973 gegründet. Ich war von Anfang an dabei und fing als Chef-Chormeister an", erinnerte sich Jelisejew. „Bei uns in den Truppenteilen des Innenministeriums war die Laienkunst schon immer auf einem sehr hohen Niveau. Wir stellten die Gruppe aus diesen begabten Sängern zusammen und holten noch ein paar Jungs aus der Dserschinskij-Motorschützen-Division dazu – dort gab es auch ein Laienkunstensemble. So entstand ein kleiner Kern, der allmählich größer wurde. Wir hatten mit Iwan Kirillowitsch Jakowlew, dem Chef der Truppen des Innenministeriums, einen sehr guten Schirmherren. Er war sowohl ein hervorragender Stratege als auch ein ausgezeichneter Taktiker, ein richtiger Befehlshaber. Und wir hatten das Glück, dass er sich für Musik begeisterte. Er wurde manchmal äußerst sentimental: Wenn wir irgendein trauriges Lied sangen, konnte er weinen, oder er lachte aus vollem Herzen bei einem lustigen Titel. Er stammte aus einer Kosakenfamilie."

Doch Dank gebührt auch einer weiteren Person, wie Jelisejew resümierte: „Eine entscheidende Rolle spielte auch Jurij Tschurbanow, der sich für das Ensemble stark gemacht hat. Ich erinnere mich noch daran, wie wir 1979 in die Tschechoslowakei fuhren und uns nach der Rückkehr Innenminister Nikolaj Schtscholokow empfing. Der stellvertretende Minister Tschurbanow war auch anwesend. Sie erkundigten sich, wie sie uns unterstützen könnten, welche Probleme wir haben. Wir sagten, dass uns eine Beschallungsanlage fehle. Tschurbanow fragte, wie viel wir bräuchten. Es stellte sich heraus, dass die Anlage 550 Euro kosten würde – das war sehr viel Geld zur damaligen Zeit. Aber sie kauften uns für diese Summe eine Dynacord-Beschallungsanlage. Wir freuten uns natürlich sehr! Die Qualität unseres Ensembles verbesserte sich schlagartig."

Und heute? „Mittlerweile zählt das Ensemble 240 Mitglieder in Chor, Orchester und Ballett. Das sind alles professionelle Jungs und Mädels – hervorragende Tänzer und beeindruckende Akrobaten", schwärmte der Generalmajor.

 

Gastspiele im Ausland

„Im Ausland sind Militär-Ensembles sehr beliebt. Wir haben in den vergangenen drei Jahren alleine in Frankreich mehr als 250 Konzerte gegeben. Unsere letzten Gastspiele führten uns nach Algerien und Tunesien. Davor waren wir zehnmal in Nordkorea und zehnmal in China.

In Australien zum Beispiel sangen wir ‚Sex Bomb'. Alleine wegen dieses Liedes reisten uns Tausende Fans, vor allem junge Mädchen, durch ganz Australien hinterher. Wir gaben dort 73 Konzerte, und diese Mädels waren praktisch bei jedem von ihnen dabei: Sie reisten mit dem Auto oder auch dem Flugzeug an, schenkten uns jedes Mal Blumen. Sie sorgten wahrscheinlich für den größten Teil unserer Einnahmen."

 

Auftritte in Krisengebieten

„Das Tanz- und Gesangsensemble des russischen Innenministeriums ist ein hauptberufliches Musikensemble. Wir beziehen Gehalt und Zuschüsse vom Präsidenten. Wir sind aktive Künstler, die auf Anordnung auch in Krisengebiete reisen. Wir sind bereits in nahezu allen Krisengebieten gewesen. Alleine in Tschetschenien waren wir an die zwanzig Mal. Alle Militärangehörigen unter uns wurden als Kriegsveteranen ausgezeichnet, weil sie so viel Zeit in Tschetschenien verbracht haben."

 

Daft Punk und das Image der russischen Polizei

„Uns freut natürlich, dass Daft Punk unsere Cover-Version gefallen hat. Wir haben ihre elektronischen Sachen einfach auf Gesangsstimmen übertragen. Die Basspartitur zum Beispiel wird bei uns gesungen. Das wirkt

vollkommen anders, lockt die Leute an, lässt sie gespannt zuschauen. Ich denke, Daft Punk hat erkannt, dass wir ein professionelles Ensemble sind und dass unsere Interpreten – und das ist das Entscheidende – sehr interessante Persönlichkeiten sind."

Der Generalmajor zeigte sich überrascht vom Erfolg: „Ehrlich gesagt habe ich nicht erwartet, ja mir noch nicht einmal vorstellen können, dass wir so einen Erfolg damit erzielen würden. Aber das ist wichtig, denn die Jugendlichen bei uns hören solche Musik. Und man muss ihre Sprache sprechen, um sie zu den Konzerten zu locken. Die Jugendlichen mit ‚Get Lucky' anzulocken und dann Lieder zu spielen, die sie noch nie gehört haben, wie beispielsweise ‚Kalinka', darin besteht unsere Aufgabe."

„Die Menschen haben nach diesem Clip eine wesentlich positivere Haltung zur Polizei", glaubt Jelisejew und hofft auf eine Imagebesserung: „Uns ist wichtig, dass alle erkennen, dass bei der Polizei völlig normale Menschen arbeiten. Wir kämpfen auch darum, dass unsere Polizisten respektiert und gemocht werden, dass die Leute sich nicht davor fürchten, bei der Polizei anzurufen."

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der Zeitschrift "Bolschoj Gorod".

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