Die Mode der wilden 90er

11. April 2014 Inna Fjodorowa, für RBTH
In Russland waren die neunziger Jahre wild: Der Zerfall der Sowjetunion und der Beginn der Demokratie brachten viele Veränderungen mit sich – auch in der Mode.
Foto: ITAR-TASS
Foto: ITAR-TASS

Waren im Überfluss und eine freie Auswahl – das war der Beginn der 1990er-Jahre in Russland. Dazu kamen organisierte Kriminalität, Kapitalismus und natürlich die wilde Mode.

In dieser Zeit lebte die ganze Welt nach dem Motto „be yourself“, aber in Russland wurde das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung noch durch die ökonomischen Umbrüche verstärkt. Eine riesige Welle an Waren strömte aus der Türkei und Südostasien ins Land – sie waren zwar nicht immer von der besten Qualität, aber dafür von größtem Schick. Die Menschen konnten sich plötzlich so kleiden, wie sie wollten, und nicht so, wie es sich gerade ergab.


Mode für junge Frauen

Ein nachlässiger Pferdeschwanz, ein übergroßes T-Shirt mit lustigem

Aufdruck und eine ausgewaschene „Warjonki“-Jeans – das war zu diesen Zeiten noch der dezenteste Auftritt einer jungen Frau in Russland. Von diesem Stil gab es die verschiedensten Abwandlungen. Sehr beliebt waren auch grelle bunte T-Shirts, deren unterer Teil in vertikale Streifen geschnitten war, wovon jeder einzelne mit winzigen farbigen Plastikkügelchen geschmückt war.

Damals konnte man keine fertigen stonewashed Jeans kaufen, daher haben findige Russen ganz normale Jeans in Heimarbeit gekocht – daher der Begriff „Warjonki-Jeans“, zu Deutsch „gekochte Jeans“. Eine Alternative waren die topmodischen elastischen Leggings, die in den unmöglichsten Farben glänzten: von einheitlichem Türkis, Rosa und Neongrün bis zum Leoparden- und Regenbogenmuster. Außerdem wurden sie zu praktisch allem getragen – zu weiten Strickpullovern, Jacketts, unter Miniröcken oder eigentlich viel zu kurzen Tops. Dabei wurde keine Rücksicht auf Körperbau und Sportlichkeit der Figur genommen.

Eine Szene aus dem Film "Intergirl" (1989). Quelle: Pressebild

Die jungen Frauen waren begeistert von dem freizügigen Auftreten à la „Intergirl“, einem damals populären Film über das schwere Schicksal einer Prostituierten. Die Straßen verwandelten sich in öffentliche Clubs: Miniröcke wurden mit Netzstrümpfen, verschiedenfarbigen schultergepolsterten Jacketts und Halbstiefeln mit Pelzbesatz kombiniert.

Alle Sachen waren grellbunt und mit einer Vielzahl von Aufdrucken, dekorativen Elementen und Strass als Leder-Applikationen verziert – von der Lederjacke mit diagonalem Reißverschluss bis hin zu Lederarmbändern.

Eine andere interessante Eigenart der postsowjetischen Straßenmode war die Neigung zu figurbetonten Schnitten. Viele Frauen, die die Sexualfeindlichkeit der UdSSR satt hatten, begannen, Stretchoberteile mit eng anliegenden Jeans zu kombinieren – Letztere war auf der ganzen Welt populär.


Synthetik sorgte für Begeisterung

Ältere Frauen kleideten sich eleganter. Doch auch sie konnten dem Kauf von türkischen Jeans mit Strass und Aufnähern nicht widerstehen. Am besten gefielen den russischen Damen die bunten, aber strapazierfähigen synthetischen Materialien. In den Geschäften und überall war Begeisterung zu hören. In der UdSSR hatte man in der Bekleidungsindustrie natürlichen Materialien den Vorzug gegeben. Sie hatten ihre Vorzüge, knitterten aber leichter und auch die Farbgebung war nicht so vielfältig. Außerdem passten sie sich nicht immer ideal der Figur an, sodass man nie wirklich zufrieden war.

Typisch für die Moder der 90er: eine ausgewaschene "Warjonki"-Jeans, ein übergroßes T-Shirt und eine Plastiktüte statt einer Herrentasche in der Hand. Foto: ITAR-TASS

Die jungen Männer liebten ausgewaschene Jeans, T-Shirts und breitschultrige Lederjacken, trugen Trainingsanzüge und einzelne Sportbekleidungsteile.

Der typische Mann mittleren Alters war ausgestattet mit dunklen Jeans oder Sporthosen, klassischen Herrenschuhen oder Sandalen, Hemd, einer

Ranger-Weste mit zahlreichen aufgenähten Taschen und der unvermeidlichen „Barsetka“ – einer kleinen Herrenhandtasche für Ausweispapiere und andere Kleinigkeiten. Dieses Outfit wurde dann mit einer Leder- oder Lammfelljacke abgerundet.

Viele Senioren tragen heute gerne Jeans – bis zu den 1990ern war das ein Privileg der Jugend. Die ältere Generation trug vor allem Kleider, Röcke und klassische Hosen.

 

Welche Modetrends der 90er finden Sie heute noch gut?

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