Schicke Mode für jeden Körper

16. April 2014 Inna Fjodorowa, für RBTH
In Russland werden Vorurteile gegenüber Menschen mit körperlicher Einschränkung immer weiter abgebaut – auch mithilfe der Mode. Auf Initiative einer russischen Organisation entwerfen russische Designer Kollektionen für Behinderte.

Foto: Jelena Potschetowa, Kirill Kalinnikow/RIA Novosti, ITAR-TASS

Russische Designer widmen sich immer mehr der Mode für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Dabei schaffen sie ganze Kollektionen, die von legeren Outfits über Kinderanzüge bis hin zum Abendkleid reichen. Menschen, die einen Rollstuhl benötigen, an zerebraler Kinderlähmung leiden oder durch eine Amputation körperlich beeinträchtigt wurden, können diese Kleidung ohne weiteres tragen. Sie designen und schneidern für Menschen, die auf Schönheit und Ästhetik Wert legen.


Im Kommunismus waren alle gleich

In der russischen Gesellschaft hat sich im letzten Jahrhundert eine gewisse Scheu vor Menschen mit Behinderungen entwickelt. Diese Scheu zeigt sich darin, dass erwachsene Menschen darum bemüht sind, Menschen mit Behinderung diskret aus dem Weg zu gehen.

Einerseits hat man Verständnis für die Behinderungen, denn in der Sowjetunion wie überall auf der Welt zogen sich Menschen Verletzungen zu oder wurden mit einer genetischen Störung geboren. Doch andererseits

ließ sich diese Tatsache mit dem „idealen Staat“, in dem eine kommunistische Gesellschaft lebte, nicht vereinen: In den Städten gab es weder Rollstuhlrampen und Handläufe noch Fahrstühle.

„Bisweilen gibt es in Russland kein vollwertiges Angebot für behindertengerechte Kleidung. Noch kann man sich in dieser Marktnische also etablieren“, sagt Oksana Liwenzowa, Designerin einer Kollektion für Menschen mit zerebraler Kinderlähmung. „Es ist nur wichtig, eine Balance zwischen angemessenen Einkaufsbedingungen und erschwinglichen Preisen zu finden“, erklärt Liwenzowa.

Nichtsdestoweniger ist in den vergangenen Jahren eine positive Tendenz zu beobachten. So nimmt beispielsweise das russische Stadtbild immer freundlichere Züge an: Plötzlich gibt es spezielle Rampen, die an den Treppenabgängen zu Unterführungen montiert wurden, und eigene Aufzüge an Fußgängerüberführungen. Darüber hinaus gibt es immer mehr Organisationen, die Menschen mit Behinderungen mehr Selbstbewusstsein geben wollen.


Designer entwerfen kreative Lösungen

Eine dieser Organisationen ist das Projekt „Bezgraniz Couture“, das 2010 von der Unternehmerin Janina Urusowa und Tobias Reisner, dem Leiter der Stiftung „Dialog im Dunkeln“, ins Leben gerufen wurde. Das Ziel des Projekts besteht darin, professionelle Designer dazu anzuregen, Kleidung für Menschen mit körperlichen Einschränkungen und Entwicklungsstörungen zu kreieren. Dabei wächst die Popularität des

Projekts mit jedem Jahr. Am „First Annual International Design Contest Bezgraniz Couture“ im Jahr 2011 nahmen rund 60 Designer aus verschiedenen Ländern teil, zwei Jahre später waren es bereits 80 Designer. 2014 wurde der Design Contest im Rahmen der Mercedes Benz Fashion Week Russia veranstaltet. Zu den Modeschaffenden, die im Laufe der Modewoche in Moskau ihre Arbeiten präsentierten, zählten Darja Rasumichina, Mascha Scharoewa, Sabina Gorelik, Oksana Liwenzowa, Dima Neu, Swetlana Sarytschewa, Albina Bikbulatowa, Kristina Wolf und Miguel Carvalho.

„Menschen mit körperlichen Einschränkungen möchten sich eben schön anziehen“, erklärt die Designerin Darja Rasumichina, die auf einer Modeschau Matrosenhemden, bunte Cardigans und effektvolle Röcke mit Ornamenten aus enggewebten Stoffen präsentierte. Das Besondere: Die Röcke schmiegen sich an den Körper an und verfangen sich nicht in den Rädern der Rollstühle.

Das Designerduett Dima Neu und Swetlana Saratschewa präsentierten eine sportliche Modelinie für Menschen mit Hand- oder Beinprothesen. Als Highlight stellten sie eine große Handtasche vor, die mehr bietet als den alltäglichen Gebrauch: Sie korrigiert die durch den Verlust eines Arms entstandene asymmetrische Belastung der Wirbelsäule ihres Trägers.

Die Designerin Oksana Liwenzowa kreierte die Kollektion „Odyssee“, die für Menschen mit zerebraler Kinderlähmung gedacht ist, da diese teilweise nur schwer ihre Bewegungen koordinieren können. Bei den multifunktionellen Kleidungsstücken, die Liwenzowa bei ihrer Modeschau dem Publikum präsentierte, handelte es sich um Kombi-Outfits. Sie verfügen über Elemente, die sich am Körper anschmiegen und ihn dadurch stützen, sowie über weitere Elemente, die diese Stützen durch elegante Stoffkompositionen kaschieren. Zudem sind ihre bequemen Modelle mit praktischen Reißverschlüssen, hohen Krägen und Kapuzen ausgestattet.

„Um produktionsreife Kollektionen in großem Stil entwerfen zu können, braucht man eigene Schneidereien mit einem ausreichend erfahrenen Personal“, erklärt Liwenzowa und führt aus: „Das Personal ist laufend damit beschäftigt, neue Verfahrensweisen für die Gestaltung verschiedener Schnitte sowie die Verwendung verschiedenster Stützrippen, die die Wirbelsäule und andere Körperteile stützen sollen, zu erarbeiten. In diesem Bereich muss man anders vorgehen als bei der Herstellung gewöhnlicher Kleidung.“


Models mit Handicap

In Russland gibt noch eine weitere Organisation, die sich den Problemen von Menschen mit Behinderungen gewidmet hat und ebenfalls adaptive Mode entwirft: die Firma Orthomoda, die nicht nur Mode für Menschen mit körperlichen Einschränkungen entwickelt, sondern auch Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz bietet. So ist beispielsweise Maksim Katusch, der gehörlos ist, für die komplette Webseite der Firma zuständig. Darüber hinaus ist er seit Kurzem auch als Model für das Unternehmen tätig – er präsentiert auf Modeschauen die neuesten Kollektionen für Männer.

Zudem gibt es in Russland seit einiger Zeit auch eine eigene Model-Schule für Menschen mit Behinderungen: Osobaja moda. Ihre erste Modenschau hatte die Schule 2005 in der Stadt Tjumen. Heute veranstaltet Osobaja moda eigene Design-Contests zum Thema Mode für Menschen, die einen Rollstuhl benötigen, eine Fehlhaltung haben, in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind oder eine spezielle Gehhilfe benötigen.

Es ist also durchaus möglich, dass man in Russland in Zukunft nicht mehr nur auf die großartigen Erfolge der paralympischen Athleten wird stolz sein können. Man wird sich auch an der internationalen Anerkennung für junge russische Designer und an den Erfolgen russischer Models, die im Rollstuhl sitzen, erfreuen können – auf junge, schöne Menschen, die auf eine ansteckende Art das Leben schätzen.

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