Ausstellungsgelände WDNCh: Ein Ort für Helden und Legenden

27. April 2014 Dmitrij Romendik, RBTH
Im Norden Moskaus liegt das große Ausstellungsgelände WDNCh, wo zu Sowjetzeiten land- und volkswirtschaftliche Errungenschaften präsentiert wurden. Heute sind die prächtigen Ausstellungspavillons und der Park verfallen, aber die Geschichten leben weiter.
Foto: Alamy/Legion Media
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Im Jahr 1939 eröffnete im Norden Moskaus die „Allunion-Landwirtschaftsausstellung". Auf einem 136 Hektar großen Parkgelände waren 250 Themenpavillons entstanden, von denen viele mit ihrer oft ausgefallenen und ungewöhnlichen Bauweise architektonische Schmuckstücke sind.

Bevor das Ausstellungsgelände bebaut wurde, lebten dort, damals noch am Rande Moskaus, Zigeuner in den Wäldern. Die Menschen wurden vertrieben, die Wälder gerodet und an deren Stelle entstand eine betonierte Fläche für die Ausstellungspavillons, Brunnen und Skulpturen. Manche sagen, für die künftige Ausstellungsfläche sei auch eine eigene U-Bahn-Linie der Moskauer Metro gebaut worden, speziell für die Anlieferung der Exponate. Nach fünf Jahren Bauzeit eröffnete das Ausstellungsgelände.

 

Millionen Besucher

Die erste Ausstellung war ein voller Erfolg. Bereits in den ersten zweieinhalb Monaten kamen etwa drei Millionen Besucher und auch in den darauffolgenden Jahren strömten die Menschen aus allen Teilen der Sowjetunion nach Moskau. Für die Moskauer und Besucher der Stadt war der Besuch der „Allunion-Landwirtschaftsausstellung" ein beliebtes Freizeitvergnügen. In der Nähe des Geländes entstand zudem ein Freizeit- und Erholungspark.

Wegen des Krieges wurde die Ausstellung im Jahr 1941 geschlossen und viele der Exponate aus Moskau weggeschafft. Doch keine einzige deutsche Bombe sollte das Gelände treffen, kein einziges Gebäude sollte beschädigt werden, sodass die Ausstellung 1954 wieder eröffnet werden konnte, diesmal unter dem Titel „Ausstellung der volkswirtschaftlichen Errungenschaften", auf Russisch abgekürzt WDNCh. Und wieder war sie ein großer Erfolg.

Rund um die Ausstellung ranken sich viele Geschichten. Sogar ein Film wurde der Leistungsschau gewidmet. Der Regisseur Iwan Pyrjew drehte 1941 eine der populärsten Filmkomödien seiner Zeit: „Swinarka i pastuch" („Sie trafen sich in Moskau") handelte von der Geschichte einer russischen Kolchosbäuerin und eines Hirten aus Dagestan, die sich auf der Ausstellung begegnen und ineinander verlieben. Daran erinnert noch heute ein Denkmal.

 

Geschichten und Legenden

Ein anderes Denkmal mit einer interessanten Geschichte entstand in den 1950er-Jahren im „Kosmos"-Pavillon, in dem die Errungenschaften der russischen Raumfahrt präsentiert wurden. Darin wurde eine 25 Meter hohe

Statue Stalins errichtet. Im Innern dieser Statue befindet sich eine kleinere Skulptur Stalins, fast wie bei einer Matrjoschka. Zunächst war nämlich ein kleineres Abbild als Modell angefertigt und aufgestellt worden, das von einer Kommission genehmigt werden sollte. Als dann die richtige, große Statue fertig war, hatte niemand den Mut, das Modell zu zerstören. Beim damals herrschenden Personenkult hätte das als Beleidigung ausgelegt und dies mit einer Gefängnisstrafe geahndet werden können. Deshalb beschloss man, das Modell sorgfältig mit der großen Skulptur zu überdecken.

Wer weiß, ob es Stalin wirklich gestört hätte, denn er war ein widersprüchlicher Mensch, wie eine andere Anekdote von der Ausstellung zeigt. Für Kritik konnte man nämlich auch belobigt werden. Bei einem Besuch der Ausstellung soll der Georgier Stalin den Pavillon seines Heimatlandes besichtigt und sich dabei eine Pfeife angezündet haben. Ein Wachmann soll auf ihn zugekommen sein und, wohl zitternd vor Angst, gesagt haben: „Genosse Stalin, hier ist Rauchen verboten". Stalin soll daraufhin die Pfeife weggesteckt haben und der Wachmann rechnete schon mit seiner Verhaftung. Aber nach einigen Tagen soll ein Bote aus dem Kreml gekommen sein und dem Wachmann eine Urkunde und eine Geldprämie für die geleistete Wachsamkeit überreicht haben.

Ob diese Geschichte wahr ist oder nicht, lässt sich nicht mehr klären. Bestätigt hat sich aber das Gerücht, dass es auf dem Ausstellungsgelände einen Bunker mit Wasser- und Essensvorräten für den Kriegsfall gibt. In diesem Bunker können bis zu 300 Menschen mindestens zwei Tage und Nächte problemlos überleben. In den Bunker führt ein Geheimgang, der unter einer Leninskulptur hindurchführt. Als nach dem Zerfall der UdSSR im ganzen Land die Lenindenkmäler demontiert wurden, hat man dieses nicht angerührt.

 

Ansporn zu Höchstleistungen

Die „Allunion- Landwirtschaftsausstellung" und später die WDNCh waren stets Vorzeigeprojekte der Sowjetunion. Der Staat investierte viel Geld, zum

Beispiel in den Ausbau der Verkehrsanbindung oder in die Gebäude für die Unterbringung und Versorgung von Delegationen aus der ganzen Welt, die nach Moskau kamen.

Von großer Bedeutung waren auch Auszeichnungen, Medaillen und Geldprämien, die tausendfach vergeben wurden. Manch einer reiste als einfacher Bauer von seiner Kolchose im Hinterland nach Moskau und kehrte als Held der Arbeit zurück.

Dieses System funktionierte besser als jede Propaganda. Denn wenn nun die vielen ausgezeichneten und dekorierten Menschen in ihre Städte und Dörfer zurückkehrten und über den Prunk und Reichtum Moskaus berichteten und vor allem über den herzlichen Empfang, der ihnen dort bereitet wurde, dann verstanden alle, dass man nur gut arbeiten müsse, um ebenfalls dazu zu gehören. Im Land entstand dadurch so etwas wie ein Wettbewerb um Rekorde in Industrie und Landwirtschaft.

 

Hoffnung auf einen Neuanfang

Nach dem Ende der Sowjetunion verfiel das Gelände der WDNCh. Das Denkmal der Arbeit hatte sich für die neue Regierung überlebt und wurde

nicht mehr gebraucht. In die Pavillons zogen Geschäfte und Märkte ein. Was da nicht alles verkauft wurde – Honig, Pelze, Mikrochips, indische Räucherstäbchen, weißrussische Strickwaren. Das Parkgelände wurde von Unkraut überwuchert und viele der Gebäude verfielen.

Das ehemalige Ausstellungsgelände profitierte auch nicht von den großen Investitionen in die Moskauer Parks, es war einfach in Vergessenheit geraten und gehörte zudem nicht der Stadt, sondern dem russischen Staat. Doch das hat sich nun geändert. Vor Kurzem wurde das Ausstellungsgelände den Stadtbehörden übergeben. Vielleicht werden nun die Pavillons restauriert, die verdreckten Teiche gereinigt und das Gelände wieder kultiviert. Dann könnte aus dem Gelände wieder ein beliebter Erholungsraum werden.

 

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