Wladimir Matuchin. Foto aus dem

persönlichen Archiv

Mit 18 Jahren stand Wladimir Matuchin zum ersten Mal auf der Bühne. Und schon damals riskierte er viel. Er ging von seiner Heimatstadt Perm am Ural nach Leningrad, um sein Glück an der dortigen Theaterakademie zu wagen. Danach folgten Engagements am renommierten "Lensowiet Theater". Schon früh hatte er in der Sowjetunion alles erreicht, was sich ein Schauspieler nur wünschen kann – Erfolg beim Publikum, neun Hauptrollen in besten Aufführungen sowie die Zusammenarbeit mit bekannten russischen Kollegen. „Ich brauche Freiheit und Unvorhersehbarkeit. Sobald ich das Gefühl habe, alles läuft nach Plan, wird mir angst und bange", hat der Schauspieler einmal gesagt. Doch Matuchin gab all das auf. Im Oktober 1991, kurz bevor die Sowjetunion zerfiel, war er bei einem Berliner Theaterregisseur zu Besuch. Er sah diesen Umstand als ein Zeichen und entschied sich, sein Glück zukünftig in Deutschland zu versuchen und reiste nicht mehr in seine Heimat zurück.

Das Werkzeug eines Schauspielers ist seine Stimme und seine Sprache. „Ich sprach kein Wort Deutsch, konnte ohne Schauspielerei aber nicht

leben. Also ging ich mit einem Dolmetscher von Theater zu Theater und flehte die Verantwortlichen an mich zu nehmen an. Sonst würde ich sterben", erzählt der Mann mit der markanten Löwenmähne. Es war eine harte Schule, aber letztendlich hat er es geschafft. Im Düsseldorfer Juta-Theater arbeitete damals der amerikanische Regisseur Ernest Martin. Dieser brachte den russischen Schauspieler mit Autor Thomas Stough zusammen, dessen Zwei-Personen-Kammerstück „Birdgames" gerade ins Deutsche übersetzt wurde. „Zu meiner eigenen Überraschung ist es mir gelungen in drei Tagen drei Seiten Text auswendig zu lernen. Ich ging einfach am Rhein spazieren und fragte Passanten, wie sie zum Beispiel das Wort ‚irgendjemand' aussprechen würden und schrieb das mit russischen Buchstaben auf", erinnert sich Matuchin. Er bekam die Rolle, zwei Monate später stand er auf der Bühne. „Mein Partner in diesem Stück war übrigens auch ein Russe", sagt er. Eine Stunde und zwanzig Minuten lang spielten zwei russische Schauspieler auf Deutsch – und hatten damit großen Erfolg.

 

Schauspielerei ist eine Art Seelengymnastik

Durch das viele Auswendiglernen verschwand langsam die Angst vor der neuen Sprache. Schon bei seiner zweiten Rolle stellte Deutsch keine Barriere mehr dar. Zudem probierte sich Matuchin als Regisseur. 1993 gründete er seine erste Theatergruppe: Mit dem Pivo-Theater inszenierte er Tschechow und ging mit dem Stück „Der Bär" auf Tournee nach Sankt Petersburg und Kaliningrad. Diesmal war alles anders – deutsche Schauspieler spielten für das russische Publikum ein russisches Stück auf Deutsch. Diese Erfahrung hat Matuchin dazu inspiriert, einen weiteren großen Schritt zu wagen, er begann zu unterrichten und gründete eine Schauspielschule.

Wladimir Matuchin mit Studentinnen seiner Schauspielschule. Foto aus dem persönlichen Archiv. 

Die klassische Deutsche Schauspielschule orientiert sich traditionell an Amerika. Deshalb war es für die Studenten von Matuchin eine Überraschung, dass das berühmte Method Acting von Lee Strasberg auf dem System des russischen Regisseurs Konstantin Stanislawski basiert. „Lee Strasberg war in den Vorstellungen von Stanislawski, der 1925 zu Besuch in New York war", erklärt Matuchin. „Wir Russen haben ein anderes Gefühl dafür, was es bedeutet, in einer Provinz zu leben und empfinden solche Begriffe wie Langeweile, Melancholie oder Schwermut anders als Westeuropäer. Genau davon handelt oft die russische Literatur", führt er weiter fort. An dieser Stelle kam Matuchin seine russische Herkunft zugute: „In Berührung mit den großen russischen Dramatikern wie Tschechow bekommen meine Schüler eine neue schauspielerische Erfahrung. Ich möchte, dass sie ihre emotionale Intelligenz entwickeln. Denn Schauspielerei ist eine Art Seelengymnastik".

 

500 Fahrradfahrer ausgebildet

Im Gegensatz zu den russischen Schauspielern, bereiten sich die Deutschen anders auf den Schauspielberuf vor. „Die sind viel disziplinierter, bereiten sich akribisch vor und haben wesentlich mehr Respekt vor dem Regisseur, als es in Russland üblich ist", sagt Matuchin. „Stanislawski sagte, es gab schon Theater ohne Regisseur, aber nie ein Theater ohne Schauspieler. Im russischen Theater ist der Schauspieler mehr in den kreativen Prozess involviert. Genau das versuche ich meinen Schülern beizubringen – sie sind im Mittelpunkt". Also fordert Wladimir Matuchin seine Schüler heraus. Die Russen sagen, dass ein guter Regisseur in seinem Schauspieler sterbe. Ein schwacher Schauspieler führt nur Regieanweisungen aus. Matuchin will, dass seine Studenten alles geben, dass sie brennen. Bildlich gesprochen, sei es seine Aufgabe, ihnen das Fahrradfahren beizubringen, meint er. Ob sie dann auf dem Fahrrad eine Geige spielen, oder sich fest am Lenkrad klammern – dass können nur sie selbst entscheiden. Mehr als 500 Studenten haben bereits bei Matuchin ihr Handwerkt gelernt. Die meisten sind mittlerweile sehr erfolgreich, arbeiten in bekannten Theatern – von Los Angeles bis Berlin.

Durch Zufall kam Matuchin auch in Berührung mit einem für das Theater eher fremden Bereich – dem Management. Seit 1998 unterrichtet er Manager. Diese kommen zu ihm, um besser im Beruf zu werden. Oft fehlt

ihnen das Gefühl dafür, wie sie nach außen wirken. Hierbei profitieren Sie von den Erfahrungen Matuchins als Theaterregisseur. Dann ist er „das Auge, das ihnen sagt, was sie sind". Seine Methode vergleicht er gern mit dem Kochen: „Mal würze ich mit Knoblauch, mal mit Peperoni, es kommt darauf an, was mein Kunde braucht".

Im Moment verhandelt Matuchin mit einem Schauspielhaus in Russland über ein neues Regieprojekt. „Es macht mir Angst und inspiriert mich zugleich. Was mache ich, wenn es mir dort richtig gut gefällt, kehre ich dann wieder in meine Heimat zurück", fragt er zum Abschluss.