Russland zum Mitnehmen. Eine Russin aus Deutschland sucht ihre Wurzeln

Zu unserem Interview verabreden wir uns zu einem Skype-Telefonat. Es ist schwierig, Wlada Kolosowa zu treffen. Die 26jährige Russin aus Berlin studiert in New York kreatives Schreiben, doch jetzt ist sie wieder auf einer langen Reise in Russland.
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Einen Sommer lang ist die junge Journalistin schon mit einem Rucksack quer durch ihre „fremde Heimat“ gereist und ihre Eindrücke für eine Kolumne beim „Spiegel“ festgehalten. Dadurch ist das Buch „Russland to go. Eine ungeübte Russin auf Reisen“ entstanden. Kann man Russland wie einen Becher Kaffee mitnehmen? „Das wäre aber ein ziemlich großer Becher“, lacht Wlada. „Wahrscheinlich ist es genau umgekehrt – das Land nimmt dich mit“. Sie wollte auch keine Anleitung für Russland schreiben, sondern das Land jenseits der Touristenrouten sehen. Auf ihrem Reiseplan standen neben St. Petersburg oder Sotschi auch das völlig unbekannte Alexin, die sibirischen Tomsk und Omsk oder Petrosawodsk am Onegasee.

Als Wlada 12 Jahre alt war, zog ihre Mutter mit ihr aus Petersburg nach Deutschland. "Mein Pass ist russisch, meine Anschrift aber seit zwölf Jahren deutsch", erklärt Wlada in ihrem Buch. Bis zu ihrem fünften Lebensjahr lebte ihre Familie in Nikel, einer Stadt hinter dem Polarkreis. Und natürlich musste Wlada ihre Geburtsstadt besuchen, die von einem Reiseführer als "bösartige Alptraumstadt" abgestempelt wird. Doch Wlada fand Nikel gar nicht so hässlich, denn wenn man "aufdringlich lächelt, lächeln die Menschen zurück". Und für Wlada geht es immer um Menschen.

„Ich weiß nicht, ob es die Sehnsucht nach meinen Wurzeln war oder die sehr deutsche Faszination für die russische Seele und die Transsibirische Eisenbahn“, sucht Wlada eine Erklärung für ihre Reise. Diese Begeisterung der Deutschen für die russische Seele ist oft von einer diffusen Angst vor dem Land begleitet. Wie erklärt sie sich das? „Vielleicht hat das damit zu tun, dass man nach dem Zerfall der Sowjetunion Hoffnung hatte, dass sich Russland jetzt ganz schnell den westlichen Standards anpassen wird. Man möchte Russland als einen Teil von Europa sehen, aber dann ist dieses Land doch irgendwie anders“. 

Doch Wlada möchte über solche „großen“ Fragen gar nicht reden. „In meinem Buch ging es mir nicht um die Politik, sondern um die Geschichten der Menschen“. In fünfzehn Städten war sie gewesen. Der Leser bekommt kaum etwas von den Sehenswürdigkeiten mit, und doch hat er das Gefühl, bei der Reise dabei gewesen zu sein. „Eine Stadt ist eigentlich nur eine Eisammlung von Häusern, in denen wiederum die Menschen leben. So reise ich immer – lebendige Menschen sind mir lieber als tote Ruinen“.

Wlada Kolosowa. Foto: aus dem persönlichen Archiv

Dabei ist ihr Fokus auf junge Russen gerichtet. „Ich wollte wissen, wodurch sich die Jugend aus Murmansk oder Moskau von ihren deutschen Altersgenossen unterscheidet“, erklärt Wlada. „Bei uns kann man Dinge machen, die bei euch unmöglich sind. Den Nachbarn spontan bitten, einen Abend lang auf die Uroma aufzupassen. Im Facebook fragen, ob jemand einem 20 Euro bis zum Monatsende borgen kann“, so beantwortet diese Frage Julia aus Tomsk, eine von vielen jungen Leuten, mit der die Journalistin gesprochen hatte. Obwohl die Jugend in Russland und Deutschland „in der Küche über die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt“ diskutiert, machen das die Russen „mit ganzem Herzen und nicht nur mit halbem Augenzwinkern“ wie in Deutschland.

Gibt es Klischees über Russland, die sie auf die Palme bringen? Wlada rollt mit den Augen. „Natürlich Wodka! Aber zum Glück wurde von mir nicht erwartet, dass ich diese Klischees in meiner Kolumne bediene“. Und so ist ein Buch jenseits der Klischees, ein sehr persönliches Buch entstanden, in dem wir die Kochkunst von Wladas Oma kennen lernen oder dabei sind, wie ihr „junger Mann“ bei russischen Trinksprüchen scheitert.

 „Wahrscheinlich ist dieses Buch positiver ausgefallen als das, was man allgemein über Russland liest“, schreibt Wlada im Nachwort. Hatte sie das Gefühl, sich dafür entschuldigen zu müssen? „Ich habe im Nebenfach Politik studiert und habe schon Hausarbeiten über Journalistenmorde in Russland geschrieben. Aber mit meinem Buch wollte ich zeigen, dass ein Durschnittbürger in Russland nicht unbedingt um sein Leben fürchten muss.“

2011 hat das „MEDIUM-Magazin“ Wlada Kolosova in die Liste der besten Nachwuchsjournalisten Deutschlands „Top 30 unter 30“ aufgenommen. „Ich habe mich schon darüber gefreut,  aber das hat mein Leben nicht wirklich verändert“, Wlada Kolosowa bleibt auf dem Teppich. Seit ihrem zwölften Lebensjahr lebt sie in Deutschland und hätte längst die deutsche Staatsangehörigkeit haben können. Doch sie behält ihren russischen Pass. „Ein Teil meiner Familie lebt in Russland. Es käme mir komisch vor, ein Visum für meine Heimat zu beantragen“. Sieht sie sich als Russin oder als Deutsche? „Bitte keine Schubladen! Ich bin weder Schäferhund noch Dackel. Ich bin eine Russin aus Deutschland. Und ich bin was Eigenes“, lacht Wlada.

Was bedeutet für sie diese doppelte Identität? „Im Teenageralter kommt es einem eher wie eine Bürde vor. Alles unterscheidet dich von den anderen. Warum habe ich einen komischen Namen und habe keine Stollen, sondern eine Piroge in meiner Butterbrotdose? Aber mit dem Alter wird das zum Vorteil, denn ich kann mich problemlos in zwei Kulturen bewegen. Ich bin dankbar für dieses Geschenk, ich habe nichts dafür tun müssen. Ich werde meine Kinder auf jeden Fall zweisprachig erziehen. Egal, wo ich leben werde“. 

Ihr nächstes Projekt wird ein Fotoband über Russland sein. „Ich reise mit einer Fotografin durch das Land, und wir wollen zeigen, dass Russland nicht nur aus Moskau besteht“. Natürlich werden das Bilder von Menschen sein, keine Landschaften. 

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